… und steht sie noch davor …

Auf die vielen Anfragen über die Bedeutung dieser Worte hier der Versuch einer kurzen Antwort: Offensichtlich handelt es sich bei der obigen Zeile um eine, die weder dem Anfang noch dem Ende, vielmehr der Mitte eines Textes entnommen ist. Der Rhythmus, ja der Klang des Satzes lässt darauf schliessen, dass es sich bei dem Text um ein Gedicht, vielleicht sogar um ein Lied dreht. Doch Schritt für Schritt: Alles beginnt mit “und”, und beginnt zugleich nicht, sondern wirft uns mitten in einen Vorgang. Es ging etwas voraus, es wird etwas nachkommen, all das wird sich wie-derholen. Das Bindewort “und” hat etwas zyklisches, wie uns ja auch die Assonanz mit “rund” schon verraten mag (im Französischen “rond”, “Arrondissement” = Stadtteil). Steht nun “und”am Anfang und (!) nicht in der Mitte, entsteht in uns eine Spannung, ein Geworfensein –wie es ja eigentlich für das Leben eines jeden von uns bezeichnend ist –eine Unvollkommenheit, eine Dramatik, (ein Quartier am Stadtrand?), ein Versprechen vielleicht….

“Und Du, Brutus?”

Ein Beispiel aus Kindertagen: das “und” hier mit der sich wiederholenden Wucht eines Hammers!:

“Und die Sonne, sie machte den weiten Ritt um die Welt,

Und die Sternlein sie sprachen: wir wollen mit um die Welt!

Und die Sonne, sie schalt sie: ihr bleibt zu Haus

Denn ich brenn euch die goldenen Äugelein aus

Bei dem rasenden Ritt um die Welt!

Und die Sternlein, sie gingen zum lieben Mond in der Nacht

Und sie sprachen: Du, der auf Wolken thront in der Nacht,

Lass uns wandeln mit Dir, denn Dein milder Schein

Er verbrennet uns nimmer die Äugelein!

Und er nahm sie, Gesellen der Nacht…”

 

Das Zyklische wird überdeutlich: Jeden Tag, jede Nacht wiederholt sich das. Wir gelangen in völlig andere Bewusstseinsformen. Was anderes als “und dann nochn Pfund Möhren bitte”, gell?

(Exkurs 1: Von wem war das obige Gedicht nochmal? Ich vermute von MatthiasClaudius – weil der Mond drin vorkommt . Und ist Claudius nicht in Wandsbek geboren, dass so gar nix Zyklisches hat, in einem typisch langgezogenen Strassendorf am Heerweg von Hamburg nach Lübeck, in seiner linearen Figürlichkeit das getreue Abbild unseres, des westlichen Bewusstseinszustandes? Aber vielleicht wuchs in dem kleinen Jungen und angehenden Dichter bei Gelegenheit seines Herumlungerns im Staub des Strassenrandes, während die Truppen Tillys und Gustav Adolfs in beiden Richtungen –natürlich nicht gleichzeitig –vorbeizogen, eben gerade die Sehnsucht nach dem Zyklischen? Der Historiker kommt jetzt mit dem Argument, dass Claudius –Matti von seinen Kameraden gerufen –zu Lebzeiten Marschall Tillys und König Gustavs gar kein Kind mehr war, wir entgegnen, dass sei nachzuprüfen: während eines Krieges, der 30 Jahre dauert, hat einer ja sehr wohl Zeit, vom Säugling zum Manne heranzuwachsen, der Wissenschaftler merkt an, dass der schwedische König und der katholische Tilly ja gar nicht gleichzeitig gekämpft hätten, wir erwidern, dass das Gedicht ja vielleicht gar net von Claudius sei, sondern von einem andern, in einem wendländischen Rundling oder gar viel später auf einer rings vom Meer umtosten Ostseeinsel geborenen Poeten….)

“und steht”:

Stehen gibt Sicherheit, Verlass, einen “Stand”punkt, auch inmitten allen Wanderns und Fliehens, aller Migration. In uns garantieren die Knochen dieses Fixum, während uns das Rauschen unseres Blutkreislaufs kirre macht. (Ohne Hirn werden wir aber all dieser Vorgänge nicht gewahr). Was ist aber nun mit einer drohend im Hafen auftauchenden Flotte? Sie steht nicht, sie liegt –abervor Anker, also durchaus hier fixiert. Können wir nicht sagen, dass die Balken und Spanten der Schiffe die Knochen des Meeres – welches hier den niemals rastenden Flüssigkeitskreislauf bildet –darstellen? Wobei wir einer wahrlich hermetischen Umstülpung gewahr werden: Sind die Knochen in uns und das Blut hüllt sie ein und entsteht sogar aus ihnen, so schwimmen die Schiffe aussen/oben auf den Fluten (und entstehen aus ihnen: denn wer würde ein Schiff bauen, wenn es keine Flüsse, Seen und Meere gäbe?) (aber ohne Hirn würde kein Schiff schwimmen).

Abschliessende Charakterisierung des Stehens:

“Drei Tage war der Hansi krank/ jetzt steht er wieder. Gottseidank!”

“noch”:

Hier ist nun ein Ende, ganz im Gegensatz zum anfänglichen “schon”:

.“Sie hat schon acht Flotten!”, aber “Er plündert noch”. Die Steigerung wäre “immer noch”. Ich brauche diese Sicherheit des “noch”. Ich könnte nicht weggehen, vielleicht bis Lichtenfelde, ah vielleicht sagen wir, sogar bis Narvik, Brest, Benghasi, Lenin- und Stalingrad, wenn ich nicht wüsste: “noch” gibt es ein Zuhause, eine bekannte, eherne Zuflucht. Nie könnte ich sonst sagen: verweile (n)doch, du bist so schön….

“und steht sie noch davor”

Also doch vorund nicht in dem wärmenden Haus, dem Selbstbewusstsein, dem sicheren Hafen! Aber nu die Grundfrage: wer steht denn da und wovor??? Jedenfalls steht eine “sie” und kein er oder es, also kein Haus, sondern eine Hundehütte (ideal für “davor”), kein Koffer in Berlin, sondern eine Tasche, kein Tresor, kein sicheres Bankfach sondern eine Tante mit Kopfkissen (die Arme! da vorm Haus pennen….), kein Mast, kein Verkehrsschild (“Stop!”), sondern vielleicht, naja, eine Laterne, kein Mann, sondern eine schöne Frau mit einem klingenden Namen?? Die Laterne erhellt das drohende Dunkel da draussen (eine der beständigsten und wiederkehrendsten Redewendungen der Amerikaner für alles Böse dieser Welt: “out there!”, wenn nicht im Wilden Westen dann halt in Wasiristan oder im Weltraum… Puh, die Aliens!! so fremd, so schleimig…..), die Frau birgt den Mann, der aus der rauhen Welt zurükkehrt, in ihren duftenden Armen…Notabene auch die zeitliche Dimension des “vor”: Vorsicht, Vorbeugung, Vorspiel etc…. Freilich ist das wovor auch entscheidend. Es macht einen himmelweiten Unterschied ob wir sagen: vor dem Kindergarten, vor der Gärtnerei oder vor der Kaserne….. Menno was soll all das Theoretisiern. Ich wills mal mit Anschauung versuchen: Ich schreib einfach mal: Vor dem Kindergarten, – jetzt muss ein Reim auf“davor” kommen: ehm, vor der Bäckerei, vor dem grossen Tor. Ja! Tor ist ideal, sowohl als Reim auf davor als auch buchstäblich… San Paolo fuori le mura….

Nochmal:

Vor dem Kindergarten,

vor dem grossen Tor,

steht ne Hundehütte,

und steht sie noch davor

….

(soweit für die Hunde unter uns). Zweite Fassung, diesmal für Männer, harte Männer:

Vor der Kaserne,

Vor dem grossen Tor

Steht eine Laterne,

Und steht sie noch davor:

Da wollen wir uns wiedersehn

Und unter der Laterne stehn,

Wie einst, Lili Marleen!

Ah, hab ich das net schon mal gehört? Man kann es singen, man kann es überallsingen, selbst im fernsten Schützengraben. Aber Vorsicht: wer abgeschossen wird, braucht net bloss 12 Stunden, 12 Tage oder 12 Monate bis nach Hause, er kommt gar net wieder!

 

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hibouh

read me! Hotel Naipaula: http://www.blogigo.de/Hotel_Naipaula http://www.blogigo.de/Hotel_Naipaula Und weiterhin.... Die Labyrinthe von Hibouh: Orte der Sehnsucht. Oasen für alle Umtriebigen und Nachtschönheiten. Inseln im opaken Licht der Phantasie unter einem fleischig dahinziehenden Mond. Leise Dämmerung auf den Höhen. Neugierig geworden? Wir bringen Sie hin, wo Erleben und Erkennen eins werden. Nur Mut - lüften Sie dieses Geheimnis!

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