Mythologie des Alltags: der Teppich

Der Teppich stammt aus dem Osten. Als “Fliegender Teppich” gelangte er aber, wie auch zum Beispiel Kaffee, weit in den Westen hinüber. Die übliche Erklȁrung für den Nutzen des Teppichs ist der Schutz vor Kȁlte, so wurde er sowohl am Boden ausgebreitet, als auch für Wȁnde, Türrahmen und den Diwan verwendet. Aber schon der Teppich als Sattel fürs Reittier und dann der Gebetsteppich – sowie andere zeremonielle Teppiche – weisen über den einfachen Nutzen hinaus. Ich vermute, der Teppich ist die erste Abgrenzung vom universalen Erdreich, er macht die Jurte erst zum Stammesbesitz, zum Sippeneigentum, zum Familienzelt. Was mit einem Teppich bedeckt ist, muss heilig sein? Ganz besondere – hier meist geometrische – Muster sind in ihn eingeknüpft oder – gewebt, vielleicht ist es die Geschichte der Menschheit auf ihrem Weg zur Individualisierung? Aber wir lesen den Teppich nicht wie ein Buch mit Auge und Ohr, wir lesen ihn mit den Füssen ! In jedem Fall ist er ein ganz entscheidendes Attribut menschlicher Kultur.

hali

Von Frauen und Mȁdchen gestaltet und gefertigt – die Mȁnner sitzen derweil im Kaffeehaus auf selbigen und sinnen über Gott und die Welt – ist jedes einzelne Teppichmuster traditionell vorgegeben und über Jahrhunderte gleichgeblieben. Penelope allerdings trennt das tagsüber gefertigte – auch da sitzen die “Freier” derweil im Kaffehaus, der Mann Odysseus ist weit weg mit der Eroberung Trojas und der Erfindung des Würfel- und Brettspiels beschȁftigt – über Nacht wieder auf. Der Beginn einer Individualisierung wird da vorgezeichnet……

Doch halt! Erstmal das Paar und erst dann die/der Einzelne:

Ein alter Tibetteppich

Deine Seele, die die meine liebet,
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.

Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füße ruhen auf der Kostbarkeit,
Maschentausendabertausendweit.

Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron,
Wie lange küßt dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon?

(Else Lasker-Schüler)

Aber auch der Westen braucht Teppiche. Schon zu Beginn der Neuzeit gilt der Teppich als Luxussymbol, er wird bis ins fernste Ozeanien hinein (mit Zwischenlager etwa in der Hamburger Speicherstadt) gehandelt. Noch immer werden die Busse voller Touristen hier nicht nur zu den Ausgrabungen von Ephesus, sondern danach auch zu einem Teppichgrosshandel gekarrt.

Also (Achtung, Klischee!): Mȁnnlicher, westlicher Verstand bringt uns Aufklȁrung und Wissenschaft (Die gesamte wissenschaftliche Publikation aller muslimischen Lȁnder reicht nicht an die von nur einem “westlichen” Land heran). Der Osten aber ist mit den Füssen weise.

Ein Orientale würde zu westlichen Intellektuellen und Wissenschaftlern “die heben ja ab in ein Wokenkuckucksheim” sagen, und würde ihnen raten “auf dem Teppich zu bleiben”.

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hibouh

read me! Hotel Naipaula: http://www.blogigo.de/Hotel_Naipaula http://www.blogigo.de/Hotel_Naipaula Und weiterhin.... Die Labyrinthe von Hibouh: Orte der Sehnsucht. Oasen für alle Umtriebigen und Nachtschönheiten. Inseln im opaken Licht der Phantasie unter einem fleischig dahinziehenden Mond. Leise Dämmerung auf den Höhen. Neugierig geworden? Wir bringen Sie hin, wo Erleben und Erkennen eins werden. Nur Mut - lüften Sie dieses Geheimnis!

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