Mythologie des Alltags: Vom Leben

Wie süß ist uns das Leben. Es gibt so viel zu genießen. Ein windstiller Herbstabend, die Luft rakitrüb, rosa und hellblau, der Mond eine müde orange Sichel im Westen über dem griechischen Archipel. Fast dieselben Farben und dazu reine Süße im Pflaumenkompott. Ein neues Buch – Geschichte des Holzes, 1.Kapitel: Worauf wir sitzen – Dilek lehnt sich entspannt zurück. Ein spätes Feuerwerk leuchtet und knallt vom Meer herauf. Die Feriengäste dehnen die Stunden ihres letzten Abends im Morgenland. Wohlig rundet sich Zeytin auf dem Diwan. Nermin gewinnt ihre Patience oder löst ihr Kreuzworträtsel aus der Posta. Die Grillen zirpen im Brennholz. Herbst ist gekommen.

Dann schimpfen und seufzen wir wieder. Nermin konnte nicht schlafen. Mich haben die Mücken und Grasflöhe zerstochen. Dilek ist mit ihrem neuesten Bild unzufrieden. Yadiş lehnt ihr Futter ab. Andere aber sind wirklich unglücklich, haben ihr Haus verloren, leben mit einer Niere und jeden dritten Tag ist Blutwäsche, haben Krebs, brachten ihre Schwester um…. Und doch zwingt sie alle ein starker Trieb, vielleicht der stärkste, der Selbsterhaltungstrieb, am Leben festzuhalten. Noch in der Todeszelle wird Aufschub um Aufschub herbeigezwungen. Natürlich. Früh fangen wir an, Lebensversicherungen für unsere Kinder abzuschließen. Ein Menschenleben lang geben wir Geld und Technologie und ärztliches Geschick zum Erhalt unserer Gesundheit aus. Milliarden fließen dafür. Ein umfangreicher Apparat von Behörden, Polizisten und Gendarmen sorgt für die Einhaltung der Gesetze (ehm, überall?) und sichert unser Leben. Wir hüten uns vor Gefahren. Wir schnallen uns an und setzen den Sturzhelm auf. Werden wir vom Erdbeben verschüttet fangen wir Atheisten ganz plötzlich an, zu beten. Als ob das frische, nie benutzte Gebet besonders wirksam wäre. Wie Kletten hängen wir am Leben.

Das Leben – eine Bindung. Also müsste logischerweise dem Tod ein Moment der Freiheit innewohnen? Ich emanzipiere mich – mit ihm – vom Leben, seinen Bedingungen, Verpflichtungen, Verantwortungen. Ich lasse alles zurück: unbezahlte Rechnungen, unerfüllte Hoffnungen, ungewaschene Wäsche. Der Teufel soll sie holen!

Und nun die Selbstmordattentäter und seit geraumer Zeit auch –täterinnen. Ihr vorweggenommener Verzicht auf ihr eigenes Leben, wie freiwillig auch immer, macht ihre ungeheure Stärke aus. Bevor sie unsere Tabus brechen: Unschuldige, Unbeteiligte, Kinder, zivile Helfer, Journalisten, Präsidenten töten, brechen sie das stärkste aller Tabus und verbünden sich mit ihrem eigenen Tod. Das macht sie so buchstäblich unschlagbar. Da kann die hochgerüstetste aller Armeen nicht allzu viel dagegen ausrichten. Nach den Anschlägen wird verkündet, dass die Sicherheitsmassnahmen (einmal wieder) verschärft würden. Ob diese unser Leben sicherer machen oder nur unlebenswerter? Wir haben schon verloren.

Was tun. Vielleicht dem Selbstmörder einen Grund zum Leben geben. Kann Bin Laden das, kann Hillary Clinton das? Wohl kaum. A propos: was ist denn ein Grund zu leben? Sag?

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hibouh

read me! Hotel Naipaula: http://www.blogigo.de/Hotel_Naipaula http://www.blogigo.de/Hotel_Naipaula Und weiterhin.... Die Labyrinthe von Hibouh: Orte der Sehnsucht. Oasen für alle Umtriebigen und Nachtschönheiten. Inseln im opaken Licht der Phantasie unter einem fleischig dahinziehenden Mond. Leise Dämmerung auf den Höhen. Neugierig geworden? Wir bringen Sie hin, wo Erleben und Erkennen eins werden. Nur Mut - lüften Sie dieses Geheimnis!

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