Mythologie des Alltags: Grenzen und Schwellen – zur Phänomenologie des Raumes

newgrange

Ein grenzenloser, unstrukturierter Raum ist schwer denkbar, aber umso qualvoller fühlbar. In ihm kann sich der Mensch nicht mehr orientieren (Schneetreiben, Nebel, Eis- und Sandwüsten), verliert leicht Bewusstsein und Leben. Vielleicht ist ein grenzenloser Raum gar kein Raum im Sinne des Wortes? Aller Raum – der natürliche, kulturelle, ikonografische und alltägliche – wird durch zwei Prinzipien gegliedert und differenziert: die Grenze und die Schwelle. Diese verhalten sich polar. Die Grenze trennt ab, ist unüberwindlich, grenzt das Andere aus – Hochgebirge, Flüsse, Mauern, Vorurteile, KZ-Zäune. Der Prototyp des Grenzenliebhabers ist der Sesshafte.
Die Schwelle öffnet, durchbricht Grenzen, sie ist eine durchlässige Markierung, eine Art Niemandsland, ein Übergang, der aber nicht ohne Gefahren durchschritten wird: Gebirgspässe, hohle Gassen, Stadttore, Disco-Eingänge, überhaupt Türen, Fenster, Übergänge von einer (Einweihungs-) Stufe zur anderen, Brücken, Erkenntnisse. Auch Geburt und Tod können als Schwelle begriffen werden. Der Schwellenverehrer ist der Nomade.
Keiner, nicht der Sesshafte, nicht der Wanderer, keine Gesellschaft, kein Wesen und Ding dieser Erde kommt aber ohne Ausbalancierung und Gliederung zwischen Innen und Außen und vor allem ohne eine Durchlässigkeit zwischen den beiden aus. Der menschliche Organismus – und als ein Phänotyp die Haut – ist ein hochentwickeltes System von Abgrenzung und Durchlässigkeit, ebenso das menschliche Haus, eine, wie van Gennep schreibt, Urform der Gesellschaft. Canetti: “Scheiben und Türen gehören zu Häusern, sie sind der empfindliche Teil ihrer Abgrenzung gegen außen. Wenn Türen und Scheiben eingeschlagen sind, hat das Haus seine Individualität verloren. Jeder kann dann nach Herzenslust hinein, nichts und niemand darin ist geschützt…”
Überwiegt das eine, wächst unser Drang nach dem anderen (die geschlossenen Grenzen der früheren DDR verursachten einen Auswanderungszwang, die der jetzigen EU ein Einwanderbegehren; “laissez-faire” in der antiautoritären Erziehung oder eine grenzenlose und unindividuelle Umgebung ein starkes Sicherheitsbedürfnis). Äusserst wichtig waren von den tribalen (patriarchalischen) Gesellschaften bis hin zum bürgerlichen Zeitalter die Grenzen zwischen Innen und Außen, privater und öffentlicher Sphäre, Familie und dem großen Rest der Leute, quasi Freund und Feind. Eine moderne Gesellschaft braucht aber Durchlässigkeit in der Abgrenzung und nicht Abschottung in Rückzugsgebiete und (kriegerisches) Freund- und Feinddenken.
Der interessante Punkt ist bei allen diesen Phänomenen die Schwelle. An ihrem (ortlosen) Ort ist stets das Ritual angesiedelt (siehe “Rites de Passage” von Arnold van Lennep), sei es der Grundstein des Hauses unter der Türschwelle, das Pentagramm auf Fausts Studioschwelle, die Riten an den Übergängen der Lebensalter (Geburt, Namensgebung (! sie findet auch auf anderen Stufen statt, so der neue Namen des Mönchs oder der Nonne, der Eingeweihtenname, der Kriegsname des Indianers), sexuelle Initiation, Konfirmation, Kommunion oder Jugendweihe, Hochzeit, Tod), die verschiedenen Zeremonien an der Haustür, wenn Besuch kommt oder geht (Händeschütteln, Küsschen, Geschenke), der Einstand, wenn eine neue Arbeitsstelle angetreten wird, etc.. Die Schwelle wird also nie achtlos oder leicht überschritten, Freude, Herausforderung, Wagnis, Schmerz und Scheitern sind ihr genius loci. Nur zu oft steht auch ein Zöllner, ein Fährmann oder gar ein Cerberus da und fordert seinen Tribut. Die Schwellen sind also codiert (Schloss und Schlüssel, Hierophant, Ausweise, Arbeitsamt und andere Behörden) und können nur mit dem entsprechenden Wissen oder Bewusstsein ohne schwerwiegende Auswirkungen übertreten werden. Sie müssen es aber! weil wir ja nicht im Haus sitzen oder auf der Strasse stehenbleiben wollen.

Quellen:

– Arnold van Gennep, Rites de Passage
– Victor Turner, The Ritual Process
– Volker Demuth, Schwellenzauber

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hibouh

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One thought on “Mythologie des Alltags: Grenzen und Schwellen – zur Phänomenologie des Raumes”

  1. Ingrid Oschatz fügt – mit dem Kaffee schon hinter den Grenzen der Lippen und dem Additiv zweier Kekse (Testperson des Selbstgebackenen zur Vermeidung von Todesfällen am 2. Advent) den nachfolgenden Exkurs hinzu:

    Die 3. Heideggersche Bestimmung von Räumlichkeit in semantischer oder semioontologischer Hinsicht: Wohnen im Haus des Seins, welches die Sprache ist. Das gemeinsame Wohnen ist demnach Sprache gebend, und die Sprache in weiterer Folge Raum gebend (weil gemeinschaftsstiftend).
    Und Einsteins Beitrag: seine Relativitätstheorie machte aus dem Raum (bis dahin einzig und allein als Raum der üblichen Anschauung, als Behältnis der Dinge diente) einen rein topologischen, weil funktionalen Raum, zu einer physikalischen Variablen
    Bei Bachelard ist Räumlichkeit in erster Linie kollektives Raum(unter)bewusstsein.
    Und Jean-Paul Sartre: es dreht sich letztlich alles um Relationen (zwischen Mensch und der Welt). Raum ist etwas dynamisches; bestimmt vom subjektiven Erleben, ebenso wie vom bestimmten Zeitpunkt der Beschreibung.
    Zwischen Heidegger und Bachelard positionieren sich weitere namhafte Denker: Jacques Lacan, Michel Serres, Michel Foucault, Felix Guattari, Gilles Deleuze, die Raum weder singulär als Platz realer Ausdehnung, noch als rein imaginär betrachteten, sondern als „Plätze und Orte in einem eigentlich strukturellen Raum, topologischen Raum.

    Noch jemand wach? Ein besinnliches (wunschweise auch sinnliches) Wochenende am 2. Advent uns allen

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