Das Zur Nieden

Das Zur Nieden war mein  Schülerheim in Hessen. Es lag nah der Schule und auch nahe dem Kino “Metro zum Schwan” (das wegen der Schwanenallee so hiess); das zweite Internat, das “Kommödchen”, lag am andern Ende der Stadt. Beide Hȁuser wurden von je zwei “Tanten” geleitet, unseres von der Namensgeberin, dem Frȁulein zur Nieden, welche als Helferin das Frȁulein Vogt hatte. Jetzt, zur Weihnachtszeit, war der Tisch besonders festlich gedeckt. Was man ass, erinnere ich nicht, ausser, dass es schlecht war. Ich erinnere auch keine Küche oder Köchin.

Frȁulein zur Nieden, ein Nest von grauweissem Haar auf dem Kopf und mit wȁssrigen Augen, stimmte ein Lied an: “…es ruhen Bȁche und See unterm Eise/ es trȁumt der Wald einen grossen Traum…”, auch ihr Vater, der Pfarrer, hub regelmȁssig zu einer Predigt an. Dann erzȁhlte Frȁulein zur Nieden wohl, wie sie als BDM-Mȁdchen auf einer Motorhaube durch die staubigen Ebenen der Ukraine fuhr.

Wir sangen widerstrebend mit und hörten kaum zu. Eher versuchten wir, unterm Tisch Dorles Knie ausfindig zu machen. Susi fassten wir nicht an, die ging mit Falk. Bei den Grossen sassen noch die beiden anderen Thomasse, Michael und seine Schwester Martina. Am nȁchsten Tisch Benji, Rosi Mahnke, die Postkutschen…. Bei den Kleinen kannte man sich nicht aus, zu weit weg.

Die meisten würden in die Ferien fahren. Irenes Mutter kam manchmal extra aus Wien angereist, aber da waren wir grade im Kino, um dort “Psycho” von Hitchkcock oder Klaus Kinski life zu erleben. Oft war ich auch im Kommödchen, weil da die Klassenkameraden Michael, Christin aus Amerika und Susanne wohnten. Mit Michael fuhr ich auch mit in die Ferien. Er wohnte nicht sehr weit entfernt. Naja, Falk noch nȁher, aber der hatte zu tun.

Zuweilen ging es auch ins winterliche Sauerland, dort hatte Frȁulein zur Nieden eine Hütte. Man fuhr Ski und Schlitten und am Abend klapperte und pfiff ein mechanisches Klavier den Sportpalastwalzer.

Es gab Auseinandersetzungen übers abendliche Ausgehen, das zog sich hin, endlich erhielten wir Grossen einen Schlüssel. In die Stadt war es nicht weit, entweder obenrum, wo grade die erste Schaschlik-Bude eröffnete, oder untenrum, wo ich im Warenhaus meine erste Pink-Floyd-LP kaufte. Was tat sich in der Stadt? Hessenfrauen in Tracht machten einen an, weil sie einen für Studenten hielten, Burschenschaftler zogen gröhlend durch die Gegend, in den Kaffees Markees oder Vetter gab’s guten Samos oder Tarragona mit Baumkuchen. Die Aussicht auf die Unterstadt war grandios, etwa vergleichbar mit der eines tibetischen Lamaklosters im Himalaja. Des Nachts – so gegen halb acht – ging’s ins “Caveau”, dort spielte eine Jazzband “Petite Fleur” und ander Chris-Barber-Songs. Mit Glück zeigte Antje dort ihr langes schwarzes Haar. Punkt zehn kamen die Bullen und kontrollierten unser Alter.

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hibouh

read me! Hotel Naipaula: http://www.blogigo.de/Hotel_Naipaula http://www.blogigo.de/Hotel_Naipaula Und weiterhin.... Die Labyrinthe von Hibouh: Orte der Sehnsucht. Oasen für alle Umtriebigen und Nachtschönheiten. Inseln im opaken Licht der Phantasie unter einem fleischig dahinziehenden Mond. Leise Dämmerung auf den Höhen. Neugierig geworden? Wir bringen Sie hin, wo Erleben und Erkennen eins werden. Nur Mut - lüften Sie dieses Geheimnis!

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