Mythologie des Alltas: Tachyonen

Heute ein Krimi. Hülya ist auch dabei:
Er verliess sein Haus am Ortsrand von Daun gleich nach dem Ende des Morgenmagazins. Cherno Yobatay hatte einen “Ginkgo”-Fachmann zu Gast gehabt, die Fragen an ihn kamen telefonisch und scheppernd. Man muss ganz und gar bescheuert sein, um an solchen Sendungen mitzumachen, dachte er, als er sorgfältig die Tür ins Schloss zog. Die Frisur des Moderators nervte ihn. Er dachte an den neuen Harald Schmidt und seinen Eremiten-Touch. Frau sucht Mann mit Pferdeschwanz, Frisur egal. Er grinste. „Zoten“ war das Wort, er sagte es laut vor sich hin, während er ohne viel Mühe das breite Tor seiner Garage hochstemmte. Er genoss dabei jedesmal, wie seine Hemden an den Knöpfen spannten. Wie einfach das alles immer war, alles. „Simpel“, sagte er.
Bis Frankfurt-Flughafen floss der Verkehr träge dahin. Er hatte sich im Voraus bezahlen lassen, hatte das Mehrfache der üblichen Summe verlangt und erhalten. „Simpel“, wiederholte er, als er daran dachte. Im Fahrstuhl des Parkhauses ging er wie immer alle Namen der Ferien-Airlines durch, die er kannte, eines seiner Rituale vor den Flügen. Manchmal kam während der Reisen ein Name dazu, manchmal verschwand einer. „Hapag Lloyd“ zum Beispiel. Und immer mehr bunte Flecken und Farbspritzer auf den Flugzeugen. „Aufgeregt“ sagte er, als er schliesslich in der Halle stand. Er selber bevorzugte die klaren Symbole. Klare Zeichen. “Aber lass man,” betonte der Chef immer wieder, “mit denen da fliegst Du am allerunauffälligsten.” Sie hatten einigermassen nervös geklungen, das hatte ihn irgendwie angesteckt. Nur eine einzelne Frau diesesmal, aber sie werde von „allen“ gesucht, und verfolgt werden, wenn das bekannt würde.
„Menschenschicksale“, murmelte er vor sich hin, gleich mehrmals. Die Sonne stand schon schräg voraus, als sie über den Balkan flogen. Die Donau im Gegenlicht, wie eine weißgoldene Schlange. Attila, Hagen von Tronje, Süleiman der Prächtige und andere waren da unten in beiden Richtungen entlangezogen, oder Jason und die Argonauten auf der Flucht. „Krieger.“ In irgend einem der Wälder, dieser blassgrauen Flächen und Flecken, versteckten sich noch immer Karadzic, und Mladic.
Dann das Meer. Lesbos. Holprige Landung in Izmir.
Diesmal war es besonders wichtig. Und teuer, sollte nichts schief gehen. Worum es sich denn handle? „Tachyonen!“ Selbst der Chef hatte sich ein Grinsen nicht verkneifen können. Fragezeichen über den Augen. Tachyonen seien so was wie überlichtschnelle Energiedingens, unfassbar und unvergänglich. Und wozu dann so weit reisen? Sie sei ein Medium, sagen alle, und könne Tachyonenenergie anwenden, umwandeln. “Was weiß ich,” beendete der Chef die Rede. Der Heilerverein „Nikola Tesla“ in Wittlich hatte ne Masse Bares für den Transfer geboten.
Eines der gelben Taxis brachte ihn zum Hauptbusbahnhof, mitten durch das Gewimmel von über Nacht gebauten kleinen Häusern und Buden. Die Leute lebten auch auf den Dächern und Balkonen, den Sofas darauf und den Herden und Fernsehgeräten nach zu schließen. Oft schon hatte er das gesehen, aber noch nie ohne ein unmerkliches Kopfschütteln. Jetzt regnete es und ätzender Kohlendunst hing über den dicht bebauten Hügeln. Irgendwo dann wie eine Betonmoschee die „Garajlar“. Er schlug die Tür zu, sein Hemd spannte. Der Fahrer hatte ein Zeichen gemacht: „Pam!“ Wenns denn sein muss. Dann das Dunkel zwischen den zwanzig Meter hohen Pfeilern und unter der langen Reihe von Gewölben, aber überall, wie nomadische Dörfer, die Kioske, Imbisse und Cafés, und aus den hängenden Monitoren Lieder des unvermeidlichen Tarkan und anderer glattgeleckter Stars und Schnuppen.
Er sah sie sofort, genau am angegebenen Treffpunkt, Perron 35, Bus aus Afyon. Dunkle Augen. „Ich bin Hülya“. Deutsch mit Akzent, aber fließend. Sein Blick blieb für einen Moment auf ihrem Mund liegen. Sie erklärte es mit einem Lächeln. “Samt”, dachte er, und wiederholte laut: „Koblenz“. „Gehen wir.“sagte sie. “Nur diese Tasche?” fragte er. Sie rief ein Taxi, er bat sie höflich, sich nach hinten zu setzen, und setzte sich neben sie. Seine Gedanken kreisten um sie. „Wie ferngesteuert“ murmelte er, als er sich einmal mit der Hand in den Nacken langte. Wie sie aussah! Alles an ihr war seltsam, obwohl nicht etwa hässlich. Sie wirkte im höchsten Maße abwesend, unwirklich. Zudem ging öfters ein heller Fiepton von ihr aus. Es war wie zu Hause, dachte er, wenn er nicht wusste, ob das Wasser kochte oder die Mutter ihr Hörgerät einzustellen versuchte. Über Tachyonen schwieg sie sich aus, gab ihm aber ein Faltblatt mit der Bitte, es nach der Lektüre in kleine Fetzen zu zerreißen. „Tachyonen“, las er, seien „hypothetische Teilchen“. Sie wurden bisher weder direkt beobachtet noch hatte man indirekte Hinweise auf ihre Existenz gefunden. Es gebe auch keine Theorie, die Tachyonen sehr dringend annehme. Dennoch würden Tachyonen oft diskutiert, weil sie, wenn es sie gäbe, bemerkenswerte Eigenschaften hätten. Dann war die Rede von Geräten zum „tachyonisieren“ von Materialien, “Dauermagneten” mit einer hohen „Remanenz“, „Null-Linien“ und „atommäßiger Ausrichtung“. Am Flughafen kaufte er mit seinem wenigen Englisch etwas unbeholfen zwei Tickets, Rückflug, andere Linie als hin, versteht sich. Angesichts des dicken Bündels abgegriffener Geldscheine mit diesen unglaublich vielen Nullen in den Zahlen, dass er für seine grünen Euros bekommen hatte, dachte er an das Geld, das – irgendwie ja auch immateriell – auf sein Konto geflossen war, sozusagen überlichtschnell. Und im Automaten an der Strasse von seinem Haus zum Supermarkt würde es sich bald materialisieren, knatternd und fassbar. Er grinste. Als er sich umdrehte sah er ihren Blick auf sich ruhen und erschrak. Er richtete sich auf, fühlte die Knöpfe spannen und sah sich um. Plötzlich war sie wieder da, die Nervosität, ein kurzes heisses Aufflammen. Ganz am Anfang hatte er sich immer gesagt, besondere Massnahmen erst, wenn besondere Massnahmen nötig waren. Was, wenn er gar nicht in der Lage war, solche Momente zu erkennen? Jetzt nur nicht die Ruhe verlieren. “Handschweiss”, dachte er. Hatte er nie, aber hatte er mal gelesen. „Alles wird gut“ sagte er, und lächelte wieder, angedenk der Frau, die solche Sätze sagte, und der Frau hier bei ihm. Diese hier konnte er spüren, auch wenn er sich nicht sicher war, ob das so sein sollte. “Hülya.” Er bot ihr den Fensterplatz an. Schliesslich würde er “arbeiten”, sagte er. Sie schien den Witz nicht zu verstehen, und er beschränkte sich für den Flug darauf, ein ernstes Gesicht zu machen. Wie ungeschickt, dachte er, ständig nach dem Fenster schielen zu wollen und aber nicht schauen können, weil sie sonst denken würde, vielleicht, er schaue sie an. Und sie aber, schaut überhaupt nicht hinaus. Braucht sie vielleicht auch nicht, fiel ihm ein. Spürt den Strom auch so. Spürt, was er weiss. Sie hatte gesehen, er hatte darauf geachtet, wie er den Zettel feinsäuberlich zerriss, und auch die letzten kleinen dicken Stapel ohne Mühe. Vielleicht würde es ihr Sicherheit geben. “Me-di-um.” Er hörte nicht auf, sich zu wundern, dass diese Frau da neben ihm niemanden irritierte – wenn auch der Fiepton, wie er zugeben musste, jetzt fast unhörbar war.
Sie verliessen die Maschine “auf freiem Feld”. Sonnentrockener Zement, sauber gezogene Linien, in verschiedenen Farben, Logik und Klarheit überall. Der Bus, in seinen Proportionene, naja, etwas geduckt. Sie kramte aus der Tasche eine Sonnenbrille hervor. Was, wenn ihr Vater sie sähe, sagte sie leise. Hier? Er dachte, er würde sich freuen, wenn seiner ihn sähe. Er ging ihr voraus, musste sich aber zusammenreissen, ihr nicht die wenigen nichtautomatischen Türen aufzuhalten. Bloss nicht zu viel Aufhebens machen um sie, das würde nur auffallen. Und mit gradem Blick an den BGS-Beamten vorbei. Dann einige Schritte zurück, um zu sehen, dass sie ihre Tasche wollten. Sie hatten sie an den Rand an die Wand gedrängt, damit die Leute durch konnten. Mit der Sonnenbrille sah sie irgendwie hilflos aus. “Warum sie? Warum ihre Tasche?” fragte er scharf. “Sie haben ja keine,” war die Auskunft. Sie gaben ihr die Tasche zurück. Was hätten sie denn finden sollen? Tachyonen? “Strampelanzüge,” sagte er, und meinte die der Beamten, und sie sah ihn an und sagte ja und lächelte. Er hatte nicht auf die Gegenstände in ihrer Tasche geachtet fiel ihm auf, als er den Wagen aufschloss. Genausowenig wie auf irgendwas. Und was war das gewesen: Wut? Er bemerkte eine Bewegung aus der Richtung der Gebührenautomaten. Mit den Händen auf dem Dach fragte sie noch, ob sie fahren dürfe, aber er verneinte. Kurz und knapp, der Situation angemessen. “Setz dich bitte.” Dann lief der Motor. Im Rückspiegel sah er einen Mann eilig zu einem Wagen laufen. Lass ihn laufen, sagte er sich, setzte zurück, fuhr an die Ausfahrt, ruhig das Ticket eingeschoben, die Rampe hoch, langsam eingebogen, und dann aber! Er wusste das sie spürte dass es sein eigener Wagen war, so konnte man nur seinen eigenen Wagen fahren. Nebenstrasse hinterm Parkhaus, noch einmal rechts, harte Bremsung, rückwärts in eine Parklücke, Motor aus und Köpfe runter. Er hatte sie einfach gepackt, ohne “Bitte” ohne Frage. Arm ausgestreckt, Hand in den Nacken, runter. “Was machst du!” Sie musste lachen. Er spürte ihre Wärme, so nah bei ihr, sie beide gebeugt mit den Köpfen beieinander. “Meinen Job,” sagte er, “dafür bin ich bezahlt worden.” Sie lachte herzlich, während sie im Fussraum nach ihrer Brille tastete. Er hatte ihr gestattet, den Kopf auf sein Bein zu legen, als sie dann endlich wieder fuhren, und als sie sich dann wieder aufsetzen durfte, war sie schläfrig geworden. Sie versuchte sich zu orientieren, dann wies ihre Hand ihm mit weichen Bewegungen den Weg. Ab Mayen die Landstrasse. Monreal, Ürsfeld, Boxberg. Sie war es, die sprach. Pelm, Prüm, Auw! Er hörte ihr zu. Sie mussten nahe der Grenze sein, alle Wegweiser zeigten nach Lüttich. Wohin es denn ginge, fragte er. Ihre Hand zeigte kurz nach einer Kuppe nach links in einen Waldweg. Dichtes Grün. Sie küsste ihn, als er sich ihr zuwandte. “Koriander,” dachte er. “Seide.” Warum war er nicht überrascht? Irgendwie drehten sie sich aus den Kleidern. Der Fiepton, da war er wieder. “Sind die ansteckend oder was?” fragte er. Sie lachte, ein breites Grinsen blieb. Sie sah ihn an. Er wusste, dass die Frauen seine Küsse mochten, also tat er, was er konnte, und das Grinsen verschwand. Aber ihre Augen blieben offen, bis zuletzt, er wünschte sich, es wäre Staunen.
Als er erwachte, war es Nacht. Er lag, es war feucht, er versuchte sich zu bewegen, millimeterweise. “Tachyonen rasen in unglaublichem Tempo dahin,” dachte er. Seine Brust war verschlammt, Schlamm auch im Augenwinkel. “Remanenz mit dem Erdfeld.” Der Wagen war weg, und alles was er dabei gehabt hatte. Auch sein Konto würde leer sein. “Hülya,” sagte er leise. Sein Schädel schmerzte. Chloroform? Finger in die Halsschlagader? Das würde nie jemand erfahren.

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hibouh

read me! Hotel Naipaula: http://www.blogigo.de/Hotel_Naipaula http://www.blogigo.de/Hotel_Naipaula Und weiterhin.... Die Labyrinthe von Hibouh: Orte der Sehnsucht. Oasen für alle Umtriebigen und Nachtschönheiten. Inseln im opaken Licht der Phantasie unter einem fleischig dahinziehenden Mond. Leise Dämmerung auf den Höhen. Neugierig geworden? Wir bringen Sie hin, wo Erleben und Erkennen eins werden. Nur Mut - lüften Sie dieses Geheimnis!

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