Mythologie des Alltags: Memories of Heidelberg…

Ich summte heut morgen unbewusst die Melodie von “Da drunt im schönen Ungarland, wohl an dem schönen Donaustrand, da liegt das Land Magyar…”
Mir kam die Erinnerung, wie ich als 15-jähriger in einer deutschen Kleinstadt aufs Schülerheim ging. Dieses war in einem alten Bürgerhaus untergebracht, lag günstig zur Schule, so dass ich des Morgens die Mathelehrerin abpassen konnte und errötend mit ihr ein Stück des Weges gemeinsam hatte.
Die Leiterin des Heims war eine ältliche,unverheiratete Pfarrerstochter, die manchmal aus ihrer Jugend erzählte. Überhaupt hatten die meisten Erwachsenen in der Zeit einen unstillbaren Erzähldrang. Man brauchte in der Lateinstunde die Wolga nur zu erwähnen und schon donnerten die Geschütze, fielen die Kameraden, erfroren die Zehen… (der Lateinlehrer war grade aus russischer Gefangenschaft heimgekehrt). Der Krieg? War unglücklich verloren worden. Aber wir sangen (wenn die Chefin grad nicht erzählte). Wir sangen – ohne jedes Schuldgefühl (denn das hatten die Erwachsenen ja auch nicht) “In einem Polenstädtchen da sah ich einst ein Mädchen, sie war so schön!”, und “Wildgänse rauschen durch die Nacht….”, und “Schwarzbraun ist die Haselnuss”, bestimmt sangen wir auch “Es zittern die morschen Knochen”?
Im nicht so weit entfernten Frankfurt lebte und arbeitete damals Staatsanwalt Fritz Bauer, der Zeit seines Lebens versuchte, alte Nazis vor Gericht zu bringen, er stand allein gegen alle, nicht wahr? Nein. Wir sogen die Wahrheit – endlich – auf, und ich begann, mich mit dem Holocaust zu beschäftigen, ich las die Protokolle der Nürnberger Prozesse, ich las Eli Wiesel und Ernst Toller (das ist ja aber 1.Weltkrieg? Na klar, damals hatte das schon lange angefangen, Hitler kam wohl kaum aus dem Nichts zur Macht?). Mein Grossvater erzählte seinerseits, wie er 1936 aus St.Gallen zu den Olympischen Spielen nach Berlin gefahren war (“Ich muss diesen Mann mal sehen”), und von da an vor Hitler gewarnt hatte (es soll also niemand sagen “wir haben nichts gewusst!”, wenn sogar St.Galler das in wenigen Tagen mitkriegen…).
Vorher hatte ich Landserhefte gelesen, aber auch “Biggles” (welcher ein Kampfpilot zu von Richthofens Zeiten gewesen war) und “Taxi nach Tobruk”, naja “Der rote Kampfflieger” natürlich, und, und….
Unsere Heimleiterin erzählte inzwischen von der Ukraine, wie weit das Land war und wie sehr es staubte…..
Inzwischen fallen mir die Namen meiner Mitzöglinge ein. Es gab da von Finkensteins, Rommels, Blumentritts. Ich muss also wohl in illustrer Gesellschaft gewesen sein?
Wir sangen. Wir sangen begeistert und noch heute kann ich alle Texte auswendig. “Ich führte sie zum Tanze, sie verlor aus ihrem Kranze ein Röslein rot…..”. Das Lied muss also wohl im Sommer, wenn die Rosen blühen, entstanden sein? Oder ist was anderes gemeint? “Vergiss Maruschka nicht, das Polenkind!” Ihre Familie haben sie vermutlich erschossen. Naja, wir haben ja auch heut noch Polenkinder in bestimmten Berufen, gell?

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hibouh

read me! Hotel Naipaula: http://www.blogigo.de/Hotel_Naipaula http://www.blogigo.de/Hotel_Naipaula Und weiterhin.... Die Labyrinthe von Hibouh: Orte der Sehnsucht. Oasen für alle Umtriebigen und Nachtschönheiten. Inseln im opaken Licht der Phantasie unter einem fleischig dahinziehenden Mond. Leise Dämmerung auf den Höhen. Neugierig geworden? Wir bringen Sie hin, wo Erleben und Erkennen eins werden. Nur Mut - lüften Sie dieses Geheimnis!

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