Hotel Naipaula

In Zimmer 13xx gibt Annie Proulx einmal im Jahr ihre Beschreibungsseminare., wenn sie für ihren Jahresurlaub aus dem Wilden Westen hierherkommt. Natürlich gehört der Beschreiber zu ihren treuesten Verehrern. Heute möchte er ne graue Landschaft farbig beschrieben haben. Annie legt los:

“Inzwischen hing über jedem schwarzen Gebäude eine rotumrandete Wolke, und von manchen Gebäuden stiegen Dämpfe von einer Farbe je nach Tageszeit auf. Der Dampf aus dem Kraftwerk dick und schön wie lila Wolken, die schillernden Abwassertümpel azur- und kobaltblau, magenta, der Aushub der Bulldozer in grossen, halbmondförmigen Erdhaufen, in denen die Jet-Passagiere, wenn sie durchs Bullauge blickten, sich überlappende Fruchtstücke auf einer topographischen Apfeltorte sehen könnten….”

Und wie würden sie den Norden beschreiben? fragte der Beschreiber angespannt.

“Am nächsten Tag kamen sie über den Fluss. Scheisstief, sagte er. Das schmierige, khakibrauen Wasser nagte sich eine Viertelmeile tief in den braunen Fels hinein, riss Hänge und Klippen herunter, spülte Höhlen aus, lange Horizonte von Kalkstein und Fossilienbetten…. Und die grosse, schwerfällige Brücke selbst, ein schnurgerader Streifen über ihren roten Bögen auf den Betonfüssen, das eintönige Geländer mehr Idee als Sicherung….”

Wo kommt denn da Norden vor? fragte der Beschreiber frech. Erinnert mich eher an Bob Dylan.

Moment, Moment, so Annie, bin ja auch noch net fertig. Ausserdem sang der doch aber “Girl from the North Country”?

“Dann war der Tag wieder um, an einem Rastplatz über einem schwefeligen Teich, einem schaumigen Oval mit Alkaliwasser zwischen Bierdosen, Babysitzen, wattiertem Plastik, Steinen. Ringsum Hügel, die siebenunddreissig Grad steilen Hänge marineblau gegen den fahlen Himmel, der Horizont eim wenig aus der Ruhe gebracht….”

Wieso siebenunddreissig Grad? Naja, um den Horizont au s der Ruhe zu bringen?

“…Die Scheinwerfer waren an, alle Türen offen, das Radio röhrte laut, sie stieg aus, hockte sich auf den Boden, die Füsse auseinander, und blickte auf die weissen Kotflügel des Wagens. In der heraufziehenden Dunkelheit war der Wagen heimelig wie der Lichtschein aus einem Fenster in einem Dorf im hohen Norden…”

Meisterlich, dachte der Beschreiber. Und auf den Punkt gebracht.

Hotel Naipaula

Kannitverstan

Der Beschreiber wünscht sich heute früh, er könne die Sprache der Wellen verstehen. Ihn beschleicht das Gefühl, sie wollten ihm was erzӓhlen: Vielleicht von dem japanischen Fischkutter, den sie bis vor Kanada abgetrieben haben (Jaja, auch das Meer treibt ab)? Oder von all den Barschen vor den hiesigen Inseln? Von all den fliegenden Fischen, die ihnen nur für kurze Zeit entkommen? Von der Nacht, die so gelassen ans Land stieg? Von Atlantis und wo es versunken ist? Von den Strömungen und den toten Meeren? Vom weissen Wal? Von der Stimmung, in der sie waren, als sie die Küste küssten? Der Beschreiber weiss es nicht. Er hört nur “sch…sch…sch”…

Hotel Naipaula

Naipaula tauft sich um

Blöderweise sind auch echt russische Gäste im Hotel. Schnell werden ihnen ukrainische Pässe ausgestellt. Vor kurzem noch auf der Menükarte wird Borschtsch nun zur völlig illegalen Suppe. Im Park werden mehrere russische Eichen gefällt. Auch die hochgezüchteten russischen Katzen werden im Keller verborgen und da mit CIA-Futter gefüttert.

Da sich herausstellt, dass auch Apostel Paulus über weitläufige sibirische Verwandtschaft verfügt, benennt sich die Hotelchefin stantepede in “Niepaula” um.

Hotel Naipaula

(Obergeschoss)

In Zimmer 13xx liegt der balsamierte Körper von Mother Jones (die Seel speist Himmelsbrot). Sie war “der Engel der Kumpels” in Mount Olive im flachen südlichen Illinois, wo früher die grossen Kohleflöze – fast ausschliesslich von deutschen, ungarischen oder kroatischen Bergleuten – abgebaut wurden. 1830 geboren, an einem 1. Mai, noch vor dem ersten “Tag der Arbeit”, wurde Mary Jones hundert Jahre alt. Sie sah die grossen Zeiten von John L. Lewis und der ersten Kohlekumpel-Gewerkschaften, sie erlebte die Massaker an den Bergarbeitern und besuchte die vielen Grӓber mit den Namen Hardtkötter, Schneeball, Steinmeier, Virag, Petric, Sma, Çorluka, Tököli, Nemeth oder Lazar, sie erlebte, wie das Monopol der Eisenbahntycoons vom Bau der Highways zunehmend gebrochen wurde und die Bewegungsfreiheit der Leute zunahm. Noch heute sieht man an ihrer Zimmerwand im Naipaula’s ein altes Strassenschild vom Highway 66 – get your kicks on Route sixtysix!

Hotel Naipaula

Der Geograph war lange krank. Nun schaut er etwas verwittert drein, ist aber wieder gut in Form. Er schreibt heut über Chanty-Mansysk.Dieses hiess früher Ostjako-Vogulsk und wurde noch früher von Mammutjägern gegründet. Es liegt am Zusammenfluss von Ob und Irtysch, und man munkelt, die Leute hier seien für den Namen des einen Flusses zuständig (“Ob er in den Irtysch fliesst?”). Der Irtysch ist, da Chanty-Mansiysk in Westsibirien liegt, den grössten Teildes Jahres zugefroren. Trotzdem sind die Sportler da ausser Biathleten – Svetlana Sleptsova stammt von da, wir kennen sie ja durch ihr eisiges Lächeln –auch gute Wasserballer. Dass der Fussballer Ilhan Mansis jedoch aus dem Ort stamme, ist pures Gerücht.  

Westsibirien liegt etwa auf demselben Längengrad wie Westpakistan. Beides also sehr weit östlich. 

Noch heute wird die Stadt von Chanten und Mansen bewohnt. Durch die obligatorische Pelzkappe sind sie jedoch weitgehend ununterscheidbar, wiewohl sie grundverschiedenen Beschäftigungen nachgehen. Die Chanten sind berühmte Sänger (Chantez! “Shanty”), die Mansen jedoch züchten Rentiere, die sie vor allem in der Vorweihnachtszeit mit Gewinn in die USA  exportieren, wo die armen Viecher vor irgendwelche Schlitten mit Coca-Cola-Reklame gespannt werden. Beide Volksgruppen beäugen sich misstrauisch. Wie gut, dass da noch ein paar Russen sind! 

Hotel Naipaula

Poacher bereitet die nächste Schulstunde vor (Lieutenant ist derweil damit beschäftt, die wenigen Taschendiebstähle aufzuklären). Diesmal sollen keine Namen aus dem Pflanzen- und Tierreich abgefragt, sondern umgekehrt Sachen, die ihre Bezeichnung von Personen bekamen, herausgefunden werden. Wir alle gehen ja fast täglich mit Benzin um, aber wer kennt schon Carl Benz? Dann der Matzeton, nach dem Hafenstrassenbewohner Matze, der immer Flammenwerfer selbst herstellte, benannt. Aber wer ist sich klar darüber, dass eines unserer grossen Raubtiere den Namen von Jogi Löw her hat? Nobel gell? Von James Watt, Alessandro Volta und Georg Simon Ohm will ich net anfangen. Freilich ist den meisten von uns klar, dass die Atombombe nach dem armenischen Regisseur Atom Egoyan und der Bahnsteig in der Schweiz nach Evita Peron benannt ist. Amerigo Vespucci! Francesco Illy! Lord Sandwich! Doktor Oetker! Sie alle gaben Dingen oder sogar ganzen Kontinenten ihren Namen.Und welche Krankheit ist nochmal nach Professor Alzheimer benannt? Poacher greift sich an die Stirn. Er hat’s vergessen… 

Hotel Naipaula

 Oben über Pferde

Oben sitzt mal wieder an der Hafenmole, grad neben Jenny’s Bar, dort hängt aussendran ein altes Pferdehalfter an der Wand (gleich daneben hängt das Sattelzeug). Naipaula kommt vorbei (sie trägt Strassenschuhe, dem wechselnden Leser sei’s verraten: Sie BESITZT überhaupt keine Pantoffeln – das Hotel ist nämlich überall gleich sauber). Warum biste so traurig? fragt sie den alten Schuhmacher. Oben schaut nur zum Pferdehalfter hin. Sag schon! insistiert Naipaula. Ach, diesmal deswegen, weil die Mongolen und Hunnen nicht bis Rom, Paris und London, und wegen der Zeitläufte und des Wassers schon gar nicht nach Washington gekommen sind, seufzt der Freizeitphilosoph. Ums Himmels Willen! entgegnet Naipaula atemlos, die hätten doch alles in Schutt und Asche gelegt? Eben, antwortet Oben schlicht. Die beiden schauen vereint aufs Pferdehalfter.

Lass mich etwas übers Pferd erzählen, meint Oben dann, und Naipaula nickt dazu und setzt sich ebenfalls hin. Bis zur Erfindung des Ottomotors gab es kaum einen vielgebrauchteren Helfer als das Pferd. Noch im ersten Weltkrieg starben hunderttausende von ihnen, und das ohne jede innere Überzeugung. Ich glaube nicht, dass ein einziges französisches Pferd ein deutsches hasste…

Was ist denn der erste Weltkrieg? fragte Naipaula besorgt. Ach ja, Oben darauf, der kommt ja noch. Aber die Mongolen und Hunnen kennst Du? Reitervölker, die barbarisch die halbe Welt verwüsteten! Naipaula hat in der Schule aufgepasst.

Ja, so Oben, sogar die deutschen Soldaten wurden wegen ihres Auftretens von den Feinden “die Hunnen” genannt. Wusstest Du aber, so der Philosoph leicht von oben herab, dass Attila in Byzanz erzogen wurde, dass Dschingis-Khan, wenn er an der Spitze seiner Reiterscharen aufbrach, neben sich einen christlichen Priester und einen Schamanen hatte? Und wusstest Du, dass die Mongolen – ausser, dass sie die grossen Städte wie Bagdad und Teheran zerstörten, hart gegen den Alten vom Berge und die Assassinen vorgingen, und so für eine Zeit zu deren Verschwinden beitrugen? Ein Hunne oder ein Mongole (beides Turkvölker), sass kaum je vom Pferd ab, wurde im Sattel geboren, zeugte und starb im Sattel (heute schaffen so was ähnliches nur die Amerikaner, die ihre Basketballmütze nicht mal zum eigenen Begräbnis abnehmen); diese Völker eroberten die halbe Welt und wurden nur unter äussersten Mühen von Aetius auf den Katalaunischen Feldern und Herzog Heinrich bei Liegnitz gestoppt. Verdienste erwarb sich Attila (Ata = Vater, il = Land, Attila = Landesvater) auch um den Tourismus, weil die verschreckten Norditaliener in die Lagunen hinaus flüchteten und so Venedig entstand….(wo die Pferde natürlich nicht hinkamen). Wenn Pferde schon klug sind, was sind dann erst Esel?? Sie sind nicht so ängstlich, aber schwindelfrei, geduldig und sanft, sinnt Oben, der selbst drei Esel besitzt. Sie heissen Jule, Jette und Flo und waren im letzten Leben wohl orthodoxe Priester. Vielleicht auch katholische? (Kreuz aufm Rücken) Niemand erzählt was darüber, dass sie junge Eselchen missbraucht hätten… Bei dem Wort Pferd denkt unsereiner natürlich an Winnetous Iltschi und Old Shatterhands Hattatitla, aber die Herkunft der Pferde hat nun wirklich nix mit Amerika zu tun, auch nicht mit John Wayne. Ich denke auch nicht, dass diese unersetzlichen Reittiere aus Arabien stammen – obwohl wir so stolze arabische und in der Folge lippizanische Hengste gesehen haben! Vielmehr neige ich, Oben, zu der Annahme, dass das Pferd bei den Türken domestiziert wurde und unter ihnen nach Westen und Süden (China) zog. War net Bruce Chatwin mal hier zu Gast? Ich meine, eine wunderbare Erzählung über alanische Rosse, die auch er auf die Turkvölker zurückführte, von ihm gehört zu haben… Ach, man könnte noch stundenlang vom Pferd berichten… Nebenbei: nicht nur Menschen, auch Häuser haben ihre Namen, so gibt es in der Schweiz zahlreiche Gasthöfe “Zum Ochsen”, Zum Engel”, “Zum Löwen” oder “Zum Adler” (sieh mal an: Hesekiels Viergetier!). Die dortigen Türken aber gehen meist ins “Rössli”…

Hotel Naipaula

Zimmer 13xx:

Bianca Castafiore.

Schon von der üppigen, vollaufragenden Gestalt her ist sie als Opernsängerin zu erkennen. Das längliche Gesicht mit der Hakennase und die meist helmartigen Frisuren und Hüte tun ein Übriges zur Betonung der Senkrechten und ihres großen Selbstbewusstseins. Sie hält sich immer gerade, der riesige Busen gibt ihr minoische Masse (unten schmal, oben breit). Selbstverständlich ist sie immer der Mittelpunkt. Keine noch so gefährliche Situation kann ihr Angst machen, so wird sie etwa in einer Diktatur zum Tode verurteilt, herrscht aber noch im Kerker den Wächter an, weil die Spaghetti nicht „al dente“ sind.

Sie ist offensichtlich Mitglied des Ensembles der Mailänder Scala, welches wir allerdings nur in Form von ihr selbst kennen lernen. Immer und immer singt sie dieselbe Arie, die sogenannte Juwelenarie aus Gounod’s Oper „Faust“: „Ah, je ris, de me voir si belle dans ce miroir!“, zu Deutsch: „Oh, wie schön, mich zu sehn, so schön!!“, was oberflächlich wiederum ihre Egozentrik herausstellt. Werden wir uns aber klar, dass Gretchen, Fausts Geliebte, dies singt, als sie die ihr von Mephisto untergejubelte Perlenkette anlegt und sich im Spiegel wie eine Prinzessin sieht, wird auch die Brechung und Ambivalenz dieses Bewusstseins deutlich. Ebenso, wenn wir uns daranmachen würden, den Wortsinn ihres Namens herauszufinden: der ist nämlich „die weiße, keusche Blume“. (Ein mittelalterliches provencalisches Ritterepos heißt „Flos und Blankflos“ = Bianca… Fiore…, darin landet Blankflos als Gefangene oder gar Sklavin im Morgenland, bis ihr Geliebter und Bräutigam Flos sie unter abenteuerlichen Umständen befreit). Könnte die Mailänder Diva also einen Künstlernamen, der zugleich ihr Wesen charakterisiert, tragen? Wir wissen es nicht.

Doch zurück zu unserer Sängerin, die im Übrigen den Spitz- oder Kosenamen „die Mailänder Nachtigall“ trägt. Tintins treuer Begleiter, Kapitän Haddock, ist ihr in ganz besonderer Hassliebe verbunden. Er leidet immer entsetzlich, sobald er sie singen hört. Auch andere scheinen ihre Arie nicht zu goutieren, so etwa Hund Struppi. Nur Tintin bleibt immer neutral und höflich. Andererseits eilen die beiden Abenteurer ihr auch zu Hilfe und befreien sie sogar aus dem Kerker. Madame Castafiore wiederum verunstaltet bei jeder Gelegenheit Haddocks Namen. „Ist das nicht dieser Leutnant Bardock?“ So sind Bianca Castafiores Auftritte mehr als nur running gags. Eines der Abenteuer Tintins trägt sogar ihren Namen und stellt sie ins Zentrum: „Die Juwelen der Sängerin“.

Zum ersten Mal aber begegnen wir ihr in dem Band „König Ottokars Szepter“ (verfasst 1948), den Hergé im Jahre 1939 zeichnete und schrieb. Danach wäre die Diva etwa um 1900 geboren. Auch dies wissen wir nicht genau. In ihren Auftritten bleibt sie von nun an zeitlos und nicht alternd. Heute, mehr als 60 Jahre nach dem Erstdruck, ist sie uns noch immer dieselbe (Haben wir uns schon klargemacht, dass das für alle literarischen Figuren gilt? Effi Briest, Oskar Matzerath, Mackie Messer, Anna Karenina, Lolita und Lady Chatterley?).

Doch zurück zur Handlung. Tintin begegnet ihr erstmals, als er auf dem Weg nach Klow (Syldavien) zu Fuß ein waldiges Gelände durchquert. Sie nimmt ihn in einem blauen Wagen mit Kennzeichen PN – 12811 mit. Außer dem Chauffeur sitzt noch ihr Klavierbegleiter Igor Wagner im Auto. Bianca trägt Persianermantel und blauroten Hut. Sie singt. Die Hasen und Igel laufen davon. Tim steigt in ЗЛУП aus. Er wird verhaftet und eingesperrt. In der Zelle hört er aus dem Radio des Reviers: „Hier Radio Klow. Sie hören als Direktübertragung aus dem Kursaal ein Konzert mit Bianca Castafiore von der Mailänder Scala“, dann ertönt die besagte Arie. Schnitt zum Konzert: Sie trägt ein lila Kostüm, einen helmartigen Hut und lange blonde Zöpfe, eine lange Perlenkette und ein Handtäschchen. Einige Tage später. Wiederum ein Konzert, diesmal im Königsschloss vor den Majestäten und dem ganzen Hof. Sie singt geschlossenen Auges. Da zerbirst klirrend die Fensterscheibe und Tintin bricht herein. Sie öffnet die Augen, fällt sogleich in Ohnmacht. Igor, ihr Begleiter, kümmert sich um sie, auch eine grüne Hofdame aus der zweiten Reihe.

Wir begegnen ihr wieder in „Die sieben Kristallkugeln“. Tintin und Kapitän Haddock sind von Mühlenhof aus ins Varieté gegangen, um den Zauberer Bruno zu sehen. Aber ausserdem bewundern sie den Fakir Ragdalam mit seiner schönen Assistentin Madame Yamilah und dann den Messerwerfer Ramon Zarate, welcher ihnen sehr bekannt vorkommt. Tatsächlich handelt es sich um General Alcazar, den ein Putsch aus seinem Präsidentenamt vertrieben hat. Endlich tritt SIE auf: die italienische Nachtigall!

„Ha, welch Glück, mich zu sehn, so schön Bist du es, Margarete? Gib Antwort, schnell, oh gib Antwort! (Tintins Hund Struppi jault), Nein, nein, du bist es nicht!“

Das nächste Zusammentreffen unserer Protagonisten geschieht in Szohôd, der Hauptstadt Borduriens. Im Hotel Zsnôrr trifft Bianca zeitgleich mit Haddock und Tintin ein. „Hallo! Ist das nicht Tintin? Guten Abend, lieber Freund, wie schön…. Kleiner Schmeichler… Sie sind gekommen, mich zu beglückwünschen, nicht war? Sie und dieser Fischer, Herr … ähh, Paddock?“ Wir erleben das Abenteuer „Der Fall Bienlein“(1956). Auch in der bordurischen Metropole gastiert die Castafiore in der Oper. Anschließend versteckt sie Tintin und Haddock, die von der Obrigkeit verfolgt werden, in ihrer Garderobe, genauer gesagt in den Kostümschränken, und sie rettet sie, indem sie Oberst Sponsz mit ihrem Lächeln und ihren ständigen Deklamationen verstört und ablenkt.

Das nächste Rendezvous mit Bianca Castafiore findet im Band „Kohle an Bord“ (1958) statt. Die Luxusyacht „Sheherazade“ nimmt drei Schiffbrüchige an Bord, unsere beiden Helden und Pilot Klap. Der Bösewicht Rastapopoulos alias Marquis de Gorgonzola gibt darauf eben ein Kostümfest, an dem auch die Mailänder Nachtigall teilnimmt. „Per la Madonna! Das ist doch… Das ist doch Tintin und sein Freund, der Fischer Murdock! Ich muss sie begrüßen. Die Kunst schließt das Abenteuer in die Arme! Im Namen des Marquis di Gorgonzola: Herzlich willkommen an Bord, carissimi miei!“ Sie ist sich keine Sekunde lang bewusst, dass sie damit die Aufmerksamkeit des Schurken , der natürlich ihr Gegner ist, auf die beiden lenkt. Haddock widersetzt sich einer Umarmung mit Hinweis auf das Seuchengesetz. Sie: „Aber ich bin doch nicht krank!“ Diese Episode bildet wohl die Grundlage für die Vermutung, Castafiore sei der Callas nachempfunden – die Yacht, der ölige Milliardär -, ansonsten hat die Callas ein völlig anderes Wesen. Bianca Castafiore eignet sich eben für jegliche Identifikation. So haben schwule Leser auch behauptet, sie sei ein Transvestit…..

Fünf Jahre danach (1963) erscheint „Die Juwelen der Sängerin“ (frz les Bijoux de la Castafiore), ein Kammerspiel, das ganz ihr gewidmet, so gut wie die ganze Tintin-Familie auf Haddocks Landsitz Mühlenhof versammelt. Äußerlich geschieht so gut wie nichts, aber das sehr dramatisch. Ein jeder ist damit beschäftigt, die verschwundenen – oder nur verlegten – Juwelen der Diva zu suchen, ein jeder ist verdächtig, sie entwendet zu haben. Haddock sitzt als Folge eines Sturzes im Rollstuhl, Bianca schiebt ihn durch den Park, die Reporter von Paris-Flash erdichten daraufhin eine Verlobung der beiden. Professor Bienlein (übrigens der einzige, der Castafiores Gesang schätzt, aber er ist taub) verliebt sich in die Sängerin und züchtet eine neue weiße Rose, der er ihren Namen gibt. Der Schmuck wurde am Ende von einer Elster stibitzt. Dies ist der Anlass, zu erfahren, dass Bianca Castafiore zuweilen auch Rossinis „La gazza ladra“ zum Besten gibt.

Hergés letzter Band Tim und die Picaros (1976 – seit fast fünfzig Jahren singt sie nun: „Ach, wie schön…“) zeigt Bianca Castafiore als Gefangene eines südamerikanischen Diktators, des Generals Tapioca. Haddock und später auch Tintin brechen auf, sie zu befreien. Sie landen zuvor im Urwald bei den Picaros, die von ihrem alten Bekannten General Alcazar kommandiert werden, helfen diesem bei einer unblutigen Revolution. Die Diva bedankt sich für ihre damit verbundene Befreiung (ich vermute mit einer Arie?) bei ihrem „Captain Hemlock“, Tapiocapolis wird in Alcazaropolis umbenannt….

Vom weiteren Erdenleben Bianca Castafiores ist uns nichts mehr überliefert. Aber wer weiss, ob sie nicht im Hotel Naipaula Zuflucht fand?

Literatur (in Auswahl):

– Assouline, Pierre: Hergé, Plon 1996

– Apostolides, Jean Marie: les Métamorphoses de Tintin, Seghers 1984

– Bourdil, Pierre-Ives, La Naissance du Capitaine Haddock, Tiposkript des Autors

– Chatenay, Aymar du : Tintin était-il fasciste ?, in L’évenement du jeudi 1992

– David, Michel : Tintin à la lumière de Lacan, La Méridienne 1994

– Denis, Benoît: Les avatars de Tintin, Université de Liège, Vorlesung 1991-92

– Duras, Marguerite: L’Internationale Tintin, France-Observateur 1957

– Kotek, Joël: Tintin, un mythe belge de remplacement, in : Morelli, Anne, Les Grandes Mythes de l’histoire de la Belgique, Vie Ouvrière 1995

– Kutzli, Thomas : Bianca Castafiore, La vie et vice versa, Tiposkript des Autors

– Manaud, Dominique: Un regard sur la folie à travers les aventures de Tintin, Université de Bordeaux, Medizinische Dissertation 1990

– Morin, Edgar: Tintin, le Héros d’une Géneration, La nef 1958

– Mozgovine, Cyrille: De Abdallah à Zorrino, Dictionnaire des noms propres de Tintin, Tournai 1992

– Ory, Pascal : Mickey go home ! La désamericanisation de la bande dessinée, Vingtième siècle 1984

– Pirard, Théo : Comment Tintin a-t-il pu précéder Armstrong sur la Lune ?, Athena 1991

– Serres, Michel, Tintin et le picaresque aujourd’hui, Critique 1977

– Soumois, Frédéric : Dossier Tintin, Editions Jacques Antoine 1987

– Sertillanges, Thomas, La vie quoditienne à Moulinsart, Hachette 1995

– Tschang au pays du Lotus bleu, Séguier, anonyme, 1990

– Thomson, Harry : Tintin. Hergé and his creation, Hodder and Stoughton 1992

– Tisseron, Serge: Tintin chez le psychanalyste, Aubier 1985

– Todd, Olivier : Tintin, Milou and European Humanism, The Listener 1957 – Vandromme, Pol : Le Monde de Tintin, Gallimard

Hotel Naipaula

Morbidelli

Er ist ein versprengter Polizeibeamter, war einst in Mailand und dann in Wien tätig. Nun geht er Poacher zur Hand, beispielsweise zieht er im Unterricht die Graphiken oder bedient den Diaprojektor (“das nächste Dia bitte!”). Theoretisch wäscht er auch Naiveronikas Kleider (wenn sie welche zum waschen hätte). Er ist, kurz gesagt, eine Art Mädchen für alles im Naipaula. Die Illouzionen mag er gerne…

Hotel Naipaula

Der Beschreiber sieht Spatzen beim Staubbad zu. Soll man das beschreiben? Wozu nehmen die Staub anstatt Wasser? Wie steht es nach Überschwemmungen regelmaessig in den Zeitungen? “Millionen von Haushalten waren ohne Strom und Staub”. Auch das deutsche Sommerwetter dürfte staubfeindlich sein. Der Beschreiber zuckt resigniert die Schultern. Bevor auch er im Staube liegt, kehrt er zurück zu seiner Gattin. Die ist unbeschreiblich (weiblich). Zu hoffen, dass sie sich net aus dem Staub gemacht hat?