Hotel Naipaula

Zimmer 13xx: Laurens Hammond

Am 3. Juli reiste Oben wieder einmal in die Zukunft – er fand das trübe Jahr 1973 vor und entschloss sich, sogleich wieder in sein Grand Turc zurückzukehren. Laurens Hammond und eine seiner Orgeln (Gewicht spielte bei seinen Zeitreisen keine Rolle) nahm er mit. Hemingway hatte sich da schon erschossen. Charlton Heston hatte ne Sitzung im Flintenclub. Naja, Naipaula hatte Machos genug in ihren Etagen……Auf Obens Bitte hin erhielt Laurens das Zimmer direkt neben Jennys. Seine vielen Patente hatte er in Connecticut zurückgelassen. Auf der Orgel spielte jetzt manchmal die Beschreiberin (oder wars der Zuschreiber?). Laurens erinnerte sich oft an seine Kindheit in Dresden, Genf und Paris. In Dresden hatte er sich zum ersten Mal verliebt, in die Nachbarstochter Sabrina Eigenbrodt, bevor er sich jedoch über seine Gefühle klar werden konnte (das dauerte bei ihm viel länger als was zu erfinden), waren sie weitergezogen. Nur in einem der vergilbten Photoalben (“Babybuch”) war noch eine etwas verwackelte Aufnahme von ihr zu finden. Wer, um des Himmels Willen, war damals auf die Idee gekommen, dieses Mädchen zu photographieren? In Genf hatte er im Geiste das automatische Getriebe erfunden. Das Erfinden lag ihm wohl im Blut, nie war er um starke Ideen verlegen. Seine Mutter Idea Louise Strong mahnte ihn zuweilen: Try a little tenderness! Erfindung geht durch Hoffnung, erwiderte er dann meistens (er sprach inzwischen auch fliessend Deutsch und Französisch). Ja! Ihr habts schon gemerkt: später erfand er die Hammond-Orgel. Jetzt war das Missing Link zwischen Silbermann und Synthesizer entdeckt…

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Zimmer 13xx Suze Rotolo
“I once loved a girl, her skin it was bronze
With the innocence of a lamb, she was gentle like a fawn
I courted her proudly, but now she is gone
Gone as the season she’s taken.”
(Ballad in Plain D, Dylan)
Für einige Zeit war Suze Rotolo Bob Dylans Freundin. Sie war ein bisschen links, sie war ein wenig Hippie, sie engagierte sich gegen Rassendiskriminierung und für die Schwarzen. Aber solche Mädchen gab es zu der Zeit tausende in New Yorks Greenwich Village, wo der junge Bob Dylan, eben aus Minnesota kommend, eingetroffen war. In NY wurde er zu der Berühmtheit, die er heute noch weltweit ist. In der Zeit entstanden auch seine ersten LPs, auf einer von ihnen, “The Freewheelin’ Bob Dylan”, ist Suze zu sehen.
Also ist sie uns – im Gegensatz zu all den anderen, unbekannt gebliebenen – nur überliefert (sie ist inzwischen hierhergezogen), weil sie eben mit dem berühmten Bob Dylan befreundet war?
Andererseits….. Andererseits hat SIE ihn auf Rimbaud gebracht, SIE nahm ihn irgendwann in den frühen Sechzigern des letzten Jahrhunderts mit in eine Produktion von George Tabori “Brecht on Brecht” (wo sie fürs Bühnenbild zuständig war). Dylans Affinität zu Brecht wurde eine lebenslängliche, Parallelen zwischen ihm und Brecht sind unüberhör- und sehbar.
Anektdote am Rande: Eine der kommenden Platten Dylans wird nicht “Brecht on Brecht” aber “Blonde on Blonde” heissen (nicht um seine Bescheidenheit zu steigern, ist in den Anfangsbuchstaben ein “Bob” verborgen).
Suze Rotolos Einfluss auf Dylan ist also erheblich. “Unter anderem in “Don’t think twice, it’s allright” oder “Boots of Spanish Leather” ist ihr Andenken erhalten.

 

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Die Hochschulprofessorin

Ihr Name ist Judith Jarvis Thomson oder Thompson. Die Sache mit dem “p” konnte bis heute nicht geklȁrt werden. Wohl aber ihre Herkunft: Die Mutter war tschechische Katholikin, der Vater Javitz stammte aus einer langen Reihe osteuropȁischer Rabbis. Sie haben noch nie von Rabbi Hayyim Eliezer Wachs von Kalish oder Rabbi Jacob Emden gehört? Das sollten sie aber. Judith wurde in Manhattans Lower East Side geboren. Wie seltsam…Sagten wir nicht “Osteuropa”? Und wo sind die halbnomadischen Lenape, die hier im Sommer Fische fingen und im Winter eher als Jȁger und Sammler ihr Leben fristeten?
Spȁter unterrichtete sie an verschiedenen Hochschulen, ist heute wenn überhaupt (aber die Lenape kennt ja auch keiner) für ihre Gedankenexperimente über Abtreibung, rasende Loren oder den fetten Mann bekannt. In einer Weise setzte sie hiermit die Rabulistik ihrer Ahnen fort.

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Oben reist in die Gegenwart unnd elukubriert dann über Knöpfe

Natürlich kennen wir ihn alle, und zwar aus dem Buch “Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer”. Auch Lukas ist uns nicht unbekannt, entweder vom Jahrmarkt, wo wir “Hau den Lukas” spielten, von Hosios Lucas in Griechenland – wir wissen natürlich, dass der Evangelist Lukas ein Maler war und Maria und das Kind malte. Maria sass ihm Modell, im blauen Mantel und roten Kleid -, oder auch von Lucky Luke, der schneller als sein Schatten schoss. Schlecht buchstabierende Raucher schmöken wohl auch Luky Strike. Hey, Du wolltest doch über den Knopf reden! Gleich, jetzt drȁngel nicht so! Also, heute morgen stand ich vor dem Spiegel und schaute mir selbst beim Zuknöpfen des Hemdes zu. Was für eine wunderbare Verschlussmethode! (Muss mir aber gleich meine Bibel vorknöpfen, und lesen, was da alles im Lukas steht….oh, sorry). Also: der Knopf. Es gibt ihn in tausend Varianten, die abgerissenen Exemplare kannst Du auf der Strasse, an Wegrȁndern, Bahndȁmmen, in Geröll und Schutt finden. Also, du Struwelpeter, schau net immer in die Luft sondern vor Dir auf den Boden!
Aus einem von Adams Knöpfen schuf der Herr die Eva. Das ist gut – wer würde sonst abgerissene Knöpfe wieder annȁhen? Der Knopf ist an manchen Stellen sehr wichtig, wird aber zunehmend durch Reissverschluss und anderes ersetzt. Ich hoffe, er bleibt uns noch lange in den Redensarten erhalten, denn ich möchte net eines Tages sagen: “Mir platzt gleich der Klett-Verschluss!”

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Bianca und Hoffnung über Musik:

“Wie schön! Die Welt ist durch Musik erschaffen worden”
“Wenn sie denn erschaffen wurde….”
Du weisst doch, Hoffnung, Liebste, dass die Aborigines tӓglich singen, damit Weg und Baum und Stein in der Wirklichkeit bleiben?”
“Klar. Hab doch meinen Chatwin gelesen… Aber ausserdem fӓllt mir immer Shakespeare ein:
‘Der Mann, der nicht Musik hat in ihm selbst,
den nicht die Eintracht süßer Töne rührt,
taugt zu Verrat, zu Räuberei und Tücken;
die Regung seines Sinns ist dumpf wie Nacht,
sein Trachten düster wie der Erebus.
Trau keinem solchen!’”
“Und warum liess sich Odysseus dann die Ohren vor der Musik der Sirenen verstopfen?”
“Weil, Canım, Musik sinnlich macht, und Odysseus wollte sich (da) nicht verführen lassen…”
“Da spricht die Sӓngerin….”
“Naja, nimm die Stones, oder Mozart, Jimi Hendrix, Bach, Jimi Morrison, Debbie Harris oder mich selbst (sie beginnt, die Perlenarie von Gounod zu trӓllern)….”
“Hӓngen Musik und Tanz nicht eng zusammen?”
“Das taten sie. Heutzutage ist die Trennung zwischen Akteuren und Konsumenten durch einen tiefen Orchestergraben anschaulich gemacht”
“Hm. Wenn aber ein Türke Musik hört, fӓngt er an zu tanzen, oder zumindest aber die Arme zu bewegen….”
“Ursprünglich hiess Musik immer auch Tanz. Nimm Orpheus, nimm die Derwische…”
“Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik…..”
“Donnawetta, meine Hoffnung kennt auch Nietzsche….”
“Ich liebe die Gospel-Gottesdienste der US-Evangelikalen! Eine christliche Universitӓt im amerikanischen Staat Oklahoma lehrt unter anderm auch das Singen. ‘Musik kann die Welt verӓndern! Sie wird uns helfen, aller Welt Jesus nahe zu bringen’”.
“Haben die Taliban, die Salafisten, die Wahabiten denn nicht recht: um gottesfürchtig zu leben, muss Musik verboten werden?”
“Du meinst: ‘Lieder lassen die Heuchelei wachsen, wie Wasser das Unkraut’? Wie willst du eine solche Hadith jemals im Morgenland durchsetzen? Musik und Lieder gehören da ebenso selbstverstӓndlich zum Leben, wie Rakı und Fussball. Wӓhrend Beşiktaş und Galatasaray um den Sieg kӓmpfen ‘singt’ das ganze Stadion….”
“Stimmt. Im Koran bezieht sich kein einziger Satz explizit auf Musik. Das wӓre dann ein echter Pluspunkt für die Missionare mit ihren Jesus- und Theresa-von-Avila-Liedern…”
’If music be the food of love, play on’!”
“Psst! Wenn das der Herr Pfarrer mit seinen ihm dienenden Knaben hört?”

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Kleist

Heinrich von Kleist wohnt im Zimmer 13xx. Sorgfältig wird es jeden abend auf Waffen durchsucht, auch herrscht auf allen Inseln der Turcs & Caicos das strengste Verbot, auch nur die kleinste Pfütze “Wannsee” zu nennen.

Er schreibt! Heute wieder einen seiner unvergleichlichen Sätze – er sehnt sich nach seiner Elbe, da drüben in Europa….:

„Wie eine Jungfrau unter Männern erscheint, so tritt die Elbe schlank und klar unter die Felsen, leise, mit schüchternen Wanken naht sie sich, das rohe Geschlecht drängt sich, ihr den Weg versperrend, um sie herum, der glänzend reinen ins Antlitz zu schauen, sie aber, ohne zu harren, windet sich flüchtig, errötend hindurch.“

Wie stehst du zu Kleist? Wir fragten Anne Bennent, Cornelia Froboess, Peter Härtling, Helmut Himmelsbach, Elfriede Jelinek, Günter Kunert, Hartmut Lange, Jutta Limbach, Johannes Rau, Sebastian Vettel, Annette Schavan, Marcel Reich-Ranicki, Gerhard Schröder, Klaus-Peter Siegloch, Edmund Stoiber, Iris Radisch, Sven Regener und Reinhold Würth. Merken konnten wir uns nur eine der Antworten, nämlich die von Cornelia Froboess: “Nüscht wie raus nach Wannsee!”

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Zimmer 13xx Jimmy Reed & Mama Reed

Jimmy ist heute fast unbekannt. Aber was wäre der elektrische Blues ohne ihn, die Stones ohne ihn! Lange Zeit galten seine Zustände als dem übermässigen Konsum von Alkohol geschuldet. Heut trifft er sich ab und zu mit Caligula, Margeaux Hemingway, Lenin und Dostojewski um über die Attacken bei Epilepsie zu reden. “Mama Reed”, seine Jugendreundin Mary, die er heiratete, ist dann als Background-Beraterin auch dabei… Ausser den Rolling Stones hat er aber auch Elvis, Morrison, The Greatful Dead und viele andere beeinflusst. Wer hat ihn nicht alles gecovered! Jetzt schrieb und sang sogar Bob Dylan eine Ballade auf ihn: “Good Bye, Jimmy Reed”!

Dass das Hotel so gut eingerichtet ist, freut ihn. Zu Hause wohnten sie meist in abgerissenen Hütten mit halbverfallenen Terassen, eingerissenen Planen und vielen streunenden Katzen… Dazu die allezeit latent und oft auch spürbare Unterdrückung! Da kann man ja kaum atmen! Tja, meine Songs geniessen, denkt er, aber mich trotzdem für einen Untermenschen halten und für mich, wie etwa auch für Billie Holliday, den Hintereingang der Bühne reservieren!

Hotel Naipaula

Naipaula:

Neulich ging ich durch den Wald, da begegnete ich zwei Prollböckchen. Sie sahen nicht nur niedlich aus (Verbalhörner und das Fell vorne kurz, hinten lang), sie konnten auch sprechen und singen! So gaben sie mir ihr….
Naipeter: Interwas?
Naipaula: Ah, ja, so gaben sie mir ihr Interwie in Liedform….
Prollböckchen:

Was mein Hund net sagen kann
sagen Tulpen aus Amsterdam

Bist du straight oder bist du schwul?
Frag die Wirte in Liverpool!

Hast du Schuppen oder Schorf?
Nimm Shampoo aus Düsseldorf…

Ach so fern und doch so nah:

Ne Voice-mail aus Ankara!

Was kein Mund sich zu sagen traut

Sagen Spargeln aus Hadramaut

na, undsoweiter

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Die Weite

Die Beschreiberin dachte heute über die Weite nach. Der nächste Mensch war so um 1,50m distanziert. Der Horizont war auch sehr in der Ferne, verschwamm im Dunst. Kein Wunder, dass er so schwer zu beschreiben ist! Aber die weite Flӓche des Meeres war schön anzusehen. Sehnen wir uns eher nach Weite oder nach Nӓhe? Die Erde sang ein Lied – wohl für die Sonne? Der Beschreiber legte sein Ohr an den Boden, um es genauer zu verstehen: “Jetzt bist so weit, weit weg, so weit, weit weg von mia, das tuat ma schiach”. Zum Erstaunen des Beschreibers hatte die Erde eindeutig einen österreichischen Akzent. Nur zu hoffen, dass sie vor Wien nicht türkische Lieder sang, oder dass wenigstens Heinz-Christian Strache es nicht hörte!

 

Hotel Naipaula

Der Beschreiber erwachte diesen Morgen von nahezu unbeschreiblichem Klagen. Eine Frau – er suchte nach Worten – erfüllte (?) das Tal mit ihren Schreien, “hallen”? “Morgengrauen”? Nach und nach fielen die Hunde der Gegend, Lady, Dede, Micky-Blue-Eye, Rintintin (“scheisst schneller als sein Schatten”), Zeyna und Boskurt, in das Heulen ein. Nur der eigene Hund Sütlaç enthielt sich des Gebells. Vielleicht, dachte der Beschreiber, sollte ich mich auch mehr und mehr des Beschreibens enthalten. Jetzt, wo auch der fette Indianer ne Kugel gefangen hatte… (da ist es, das politisch inkorrekte Beschreiben! es muss natürlich heissen: “Jetzt, wo auch der übergewichtige Ureinwohner verstorben war”…). “Dummer weisser Mann!” waren seine letzten Worte gewesen.
Wie gut, dass inzwischen Ornella das Beschreiben gelernt hatte. So war für die Erbfolge vom Vater auf die Tochter gesorgt….