Mythologie des Alltags: Oben trinkt Wein (aus: Hotel Naipaula)

Ein unkomplizierter Verwandter Obens, Naimerlot, sass ganztags in seiner Weinhandlung am Markt. Oben war einer seiner Stammkunden. Aus Italien kannte er Sangiovese; Pinot Grigio und Barolo (von seinen Zeiten als Student, wo sie unterwegs immer eine mit Werg notdürftig verschlossene Flasche Chianti im 2CV dabeihatten, wollen wir hier nicht reden); aus Spanien Rioja und Navarra; aus Österreich den Grünen Veltliner und den Blauen Zweigelt, aus der Schweiz den Dôle und natürlich den Fendant, aus “deutschen Landen” den Mosel-Saar-Ruver, mit dem man Socken flicken kann (jedes Loch zieht sich sofort zusammen, wenn es mit ihm benetzt wird…)…
Und natürlich der griechische Retsina: “Wine makes everybody hopeful” hatte beim Minos auf der Innenseite des Etiketts gestanden, erst beim mählichen Leeren der Buddel konnte man es lesen…
Oben waren die Attribute der Conoisseurs bekannt: Ob ein Wein nun würzig, herbtrocken, spritzig, pfefferig im Abgang, ausdrucksvoll, samtig, edel, weich, anpassungsfähig, geschmeidig, vollmundig oder langlebig sei, für Oben war am Ende nur entscheidend, ob der Wein gut oder schlecht war. Am liebsten mochte er eh, wo immer er gerade war den offenen Landwein. Jetzt gerade sass er am Ufer – zu Besuch in einem seiner Lieblingslokale, dem “Tschapa”, schaute übers Meer und murmelte: “epi oinopa ponton”. Er kaute an einem Schluck Syrah. Der Mond hing am Horizont und hatte einen Hauch Kaffeebohne im Abgang…

Mythologie des Alltags: Freiwild

Früher war das Freiwild das zum Abschuss freigegebene Wild. (Die armen Rehlein! Denkt der Tierschützer jetzt. Der Jȁger aber weiss, dass er in seinem Revier viel mehr Rehe hat, als er abschiessen kann. Gibt ja kaum noch Wölfe und Luchse. Die lieben Tierlein fressen dann die Rinde junger Bȁume und verursachen enormen Waldschaden). Heute wird das Wort nur noch metaphorisch gebraucht. Manche Frauen glauben, sie seien Freiwild für die Mȁnner, sozusagen vögelfrei. Warum? Nehmt doch Mȁnner als Freiwild!

Mythologie des Alltags: Prinzessin Ateh

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Milorad Pavic: Khazarisches Wörterbuch

(ist es deutsche Literatur? Ich habe es in Deutsch gelesen, obwohl es vermutlich khazarisch oder serbisch geschrieben wurde, man kann es bestimmt auch in Englisch, Türkisch oder Französisch lesen):

Prinzessin Ateh aus dem verschwundenen Volk der Khazaren lȁsst einen Priester, einen Imam und einen Rabbi an ihren Hof kommen, aus deren Disput will sie herausfinden, welche der drei Religionen für sie und die Khazaren die beste ist. Deshalb hat das Lexikon auch drei grosse Kapitel: das rote, das grüne und das gelbe. Ausserdem gibt es das Ganze auch in weiblicher und mȁnnlicher Fassung (an Dir herauszufinden, wo der Unterschied liegt).
Das mȁrchenhafte Buch hat aber den Vorteil, dass es egal ist, wo du zu lesen beginnst: Bei den Traumjȁgern, bei den Ikonenmalern, bei den Nachtfechtern, beim Kapitel vom Ei und dem Geigenbogen, bei den drei Spiegeln der Zeit oder bei den Schatten, die lȁnger verharren als ihre Besitzer.
Die Khazaren sind heute weitgehend verschwunden: wir erkennen sie aber in manchen türkischen Tavla-Spielern, in den Stammkunden Belgrader Billardsalons oder Stuttgarter Dönerbuden noch wieder……

Mythologie das Alltags: Ein Gedanke zur deutschen Nationalhymne “Einigkeit und Recht und Freiheit”

Warum heisst es “Einigkeit” und nicht “Gleichheit”? Naja, die Silben würden stolpern. Naja, das Lied stammt ja aus dem späten 19. Jahrhundert, als Deutschland noch in Kleinstaaten zerfallen war (Komisch, dass Einigkeit für Jugoslawien nicht mehr gilt). Naja, “Deutschland, Deutschland, über alles” ziemt sich ja nicht mehr laut zu singen.

Also, ihr Guten: seid einig mit denen, die ungefähr 153mal soviel wie ihr verdienen, ob in der Fussballmannschaft oder im Aufsichtsrat (ein Mercedes-Aufsichtsrat verdient ungefähr 8 Millionen Euro im Jahr. Naja, ist ein paarmal mehr als ein Mercedes-Arbeiter nach Hause bringt. Vom Aufsichtsratvorsitzenden reden wir hier nicht.
Seid einig mit denen, die landauf, landab den neuen Antisemitismus predigen!
Seid einig mit den Dieben und Bestechlichen, ob auf dem Kiez oder in der Politik!
Seid einig, ihr Männer, mit den Frauen, die ja eigentlich nur bessere Möbelstücke sind….
Seid einig, einig, einig!

Streitkultur, aber mit Gleichheit: das wär doch was?

Daily mythology: “As near as my feet”

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There’s one secret in technique (not to mention the 999 others here): the wheel. It cannot be explained by the activities of our feet, it is from fundamental different genesis. Maybe from snowball rolling down the hill, the fireball, the rolling stone? The sun maybe (I just came under god Apollo’s influence….)

What’s about our feet? What do we know about them? They are so far away from our intellect, and often too far to tighten the shoelaces

First of all they always know where to go. They are writing our biography on the ground (about writing: poetry and walking are tightly connected: french „le talon“, the heel, is from to „tell, tale“, and this means to count, french „raconter“. A certain rhythm of verses is called „jambus“ – from „la jambe“ the leg – and another dactylus „with fingers“. And even prose means „to proceed straight forwards“).

Secondly thoughts thought by walking are quite different from those thought while sitting or laying on the bed. A poet always needs to walk to get the rhythm, and maybe a musician too.. Happy if your walk of life got music! And whole populations wrote history by walking, by migrating to unknown places, from Cengiz Khan up to the village people of nowadays.

And it is a very old tradition to carry the dead out of the house with their feet first. Because the feet know where to go.

We use to say about great people, like Kemal Atatürk, like Christian Morgenstern for example „they are too far in our future, aman!“ But let’s try to walk in their footsteps.

Daily mythology: Give me a hand

Here is some etymology again:

„Hand“ comes from old English „hond“, from protogermanic „khanduz“ and the french „main“ from manus “hand, strength, power over, armed force“, from these two main (!) roots a lot of words we use but  rarely think about are diverted. We just handle them. Sometimes I am handicapped in finding words, I must buy them from second hand. Hope  the sellers are handsome (to me). Alas! „Hands up!“ they say and put me in handcuffs. What shall they do? They’re off to maintain public order – without any manipulation, I hope. The judge reads a manuscript to me, I am sentenced to work in a manufacture (first I study the manual, then I work in busy manner as a hand, then as manager). I hope for a maneuver to emancipate me of all this. Otherwise I’ll write a manifesto…

 

I remember a tale from France, “The man of all colours”. There it says“…He followed the dwarf to the underworld. They came to a huge castle and the dwarf let him in and then disappeared. The man of all colours did not find any human being in that castle, but hands were everywhere. Hands opened the doors for him, hands hold the lights, hands served the dishes at dinner, hands showed him his sleeping room. He had a good life, though in time he got bored with all these mute servants….”

 

In time humans created in fact a tool for every movement and activity of the hand. The axe is better than the naked hand, even if you know karate (what means „with naked hand“). The spoon is easier for soup than the palm of your hand. The shovel digs much faster than the fingernail. The plough…. Then the caterpillar, the crane, the compressed air hammer, the scalpel and so on……. We don’t need our hands anymore, except to read the future in the lines of our palm. In fact: to create the future, hands are needed, the only thought is helpless for that aim.

 

Mythologie des Alltags: Tozeur, Sahara

Das Filmteam des Englischen Patienten ist bei den Einwohnern unvergessen. Bordel, ces mecs! In unserem Reisebus ist jemandem schlecht. Der Chauffeur hält beim Frisiersalon kurz vorm Ortsende. Hierzulande, sagt Sami, der Reiseführer, ist der Friseur zugleich Arzt, Therapeut Aufklärer, Hochzeitsmakler, Brautputzer. Mich überkommt ein Verlangen nach Depilation. Das zwickt an manchen Stellen. Der Bus fährt inzwischen ohne mich weiter. Ich habe Zeit und lasse mir im selben Arbeitsgang den Rücken tätowieren. Was soll es sein? Ein Lokal, vielleicht das Café Nast, wo die Stühle blaugrün gepolstert und die Deckchen weiß sind. Dort sitzen die Leute wie in Eisenbahnabteilen. Nur logisch, denn das Café rast unvorstellbar schnell mit der Erdumdrehung mit. Glücklicherweise fährt der Bürgersteig auch mit, die Straße mit den Lieferwagen, der Comic-shop, das Dreifarbenhaus, die Stiftskirche. Aber keiner schaut nach draußen. Jeder einzelne liest in einem Buch des Schweizers Stauffer. Dort sind die Fußnoten länger als der Haupttext. In einer Art Foxtrot-Rhythmus blättern die Leute zwei Seiten vor, eine zurück, zwei vor, eine zurück. Killing me softly. Ich bin schon vorsichtig, sagt der Tatoo-Mann. Die Leute im Café leiden etwa an Staublunge, Arteriosklerose, Hüftluxation oder Ulkus. Indem sie auf meiner Haut ins Bild gebannt werden, ist auch ihr Leiden stabilisiert. Voilà, sagt der Berber. Ich freue mich auf den Sommer, wenn ich mich am Strand bäuchlings hinlegen werde. Die Leutesollen was zum Schauen haben.