Mythologie des Alltags: Die Brücke von Mostar, das Motorrad und das Blutkörperchen

Auf TRT2 kam nach dem Film mit Sandra Bullock ein Bericht über Zerstörung und Wiederaufbau der Brücke von Mostar. “Most” heißt in Bosnaserbokroatisch Brücke und „stari“ alt. Also „Alte Brücke“. Nun ist sie neu, und doch hat sie denselben unvergleichlichen Schwung von Felsufer zu Felsufer, den die alten türkischen Baumeister ihr gaben; zum Teil wurde sie aus den alten Steinen, die mühsam vom Grunde der Neretva gefischt wurden, wiedererrichtet. Vielleicht sogar von denselben Leuten, die sie vor etwa zehn Jahren (?) zusammenschossen? Denn Frauen waren damals wie heute nicht daran beteiligt. (Das wäre eine ganz andere Frage: warum gibt es noch immer so wenig Steinmetzinnen und Maurerinnen?).
Hätte man aber im Laufe der Jahrhunderte immer nur einzelne Steine ausgewechselt, wären inzwischen auch alle neu, bloß würde für jedermann die Brücke noch immer die alte sein. Nur, weil sie auf einmal wieder aufgebaut wurde, scheint sie uns neu.
Ganz Ähnliches tut Robert Pirsig mit seiner Harley („Zen oder die Kunst ein Motorrad zu warten“): behutsam und eifrig wechselt er Teil um Teil der wertvollen Maschine aus. Bald hat er sie alle neu eingesetzt. Niemand aber glaubt, er habe nun ein neues Motorrad.
Ich hab heut Nacht grad einige Tausend meiner roten Blutkörperchen aus dem Knochenmark heraus erneuert. (Fiel mir gar nicht schwer: konzipierte dabei im Geiste diesen Artikel). Im Laufe von jeweils etwa sieben Jahren werde ich alle Materie in mir ausgetauscht haben. Bin ich deshalb ein anderer? Die Leute erkennen mich noch wieder. Fingerabdruck, Lächeln und genetischer Code sind geblieben. Selbst Fast Food hat mich dem Schwein nur spurenweise näher gebracht.
Was bedeutet das? Es scheint, als sei Materie der Siegellack, Form aber das Siegel.
Muss mal das Märchen „Strohhalm, Kohle und Bohne“ daraufhin neu lesen……

Mythologie des Alltags: Rȁtsel über Rȁtsel

Müde kam Frédéric Chopin eines Nachmittags aus dem Café nach Hause. Heute, chérie, schreib ich mal was ganz Neues! und als er damit fertig war, spielte er es seiner Liebsten gleich auf dem Klavier vor. Aber das tönt ja mal wieder voll nach Chopin! rief George Sand enttȁuscht, immer diese ausgeschmückte Melodik, die mit ihrer freien rhythmischen Entfaltung so deutlich von Vokalen mitgeprȁgt ist! Na und, antwortete dieser hustend (auf französisch natürlich), ich habe die feingliedrigen Fiorituren und die Portamenti des Klaviersatzes eben dem Belcanto abgelauscht! Kannst du uns nicht mal überliszten und ein bisschen brahmsen? Das tun Schubert und Schuhmann doch schon zur Genüge, beim Cherubini! und überhaupt, was verstehst Du schon von Musik? Zigarre rauchen, Mȁnnerkleider tragen und mir nicht gehorchen, dass kannst du! Nimm dir ein Besipiel an Clara Wiek!

Was anderes: woher weiss ein in die Erde gelegter Kern eigentlich, dass er Olivenbaum werden soll? Müde lȁchelt der Botaniker. Die DNS natürlich, sagt er, die hat er doch in sich. Und? Wie kann er sie lesen? Er hat doch keine Augen?

Ich habe auf dem Markt junge Zwiebeln gekauft, die sind unten weiss und oben grün. Das macht das auftreffende Sonnenlicht, sagt der Naturwisschenschaftler milde. Wieder: was ist mit den Augen, wȁr nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt es nie erblicken! Und die Zwiebel hat kein einziges!? Der Stengel nimmt die Wȁrme wahr. Und wieso bleibt dann der Stengel auch in der kühlen Nacht grün? Einmal grün, immer grün, sagt Claudia Roth.

Daily mythology: Philosophy of life – Weltanschauung

How we smiled about Paracelsus. What they believed in the Middle-ages! Falsified for a long time…
For more than a thousand years Aristotle was the ultimate philosopher. Then came Kopernikus and Kepler and cleared our view of the world. Now, the sun was in the middle of our planetary system and no longer the earth. Sometimes they defended their views in danger of life – see Galileo Galilei or Giordano Bruno. Then came the 17th century, often we call it the century of Newton. Faster and faster we gained new evidence. Otto von Guericke proved the emptiness of the vacuum. But is there really nothing? What about infrared radiation?
Then came empiricism. What you get is what you see. Binoculars, microscope and electronic devices extended our perceptions. But what about things we don’t see (yet)? And with perceptions beyond our sense organs? Good bye empiricism.
Light: it is vibration. It’s proved. Light is working with high speed particles. That’s proven. Both in same time is impossible. Though you prove what you believe….
Will the 20eth century be called the century of Einstein?
Just act like the constructors of atomic bombs or mobile phones. Just don’t worry about theories. Use it!
But nobody believes in me when I say, that the earth is a hollow sphere…..

Daily mythology: Herodot

Today I definitely want to boast that Herodotus is born in Halikarnassos, means in Bodrum where we live today. Let’s hope that his art of telling has been endorsed to me.

His reports, especially from Egypt, but from many far away regions too, are precious for the science of history. But he has been named the “father of lies” too. We are told about nosefeeters, temple-prostitutes, ants as big as dogs, mummies and master-thieves. But: A lie never lives to be old. Did he travel at all? Psaw! Karl May hasn’t been seeing the Lenape neither. And a little bit of lying motivates your own thoughts? Don’t believe everything!

Mythologie des Alltags: Vollbarth

Sein Name lässt es nicht vermuten: das Land ist weitgehend leer. Sogar von der japanischen Schrift, die hier zu Zeiten des Imperiums von Bordurien üblich war, ist nur das Zeichen “Wu” übriggeblieben. Die Leute schweigen. Sie haben sich nichts zu sagen. Das ist weise. Wir alle kennen das sehr wahre Sprichwort: Hättest du geschwiegen wär’st du Philosoph geblieben! Es sind ja auch nur wenige da. Sogar die Barthenwale sind dort häufiger…
Auf einer Klippe steht das verwitterte Holzhäuschen des Schriftstellers Roland Barthes. Er schreibt als einer der letzten auf einer Schreibmaschine – er bevorzugt die handliche, schnittige “Olympia”. Künftig würden die Keyboards der Computer oder die Touchscreens der Tablets zum Tippen herhalten müssen, die geschriebenen Sätze folglich auch um vieles einfacher werden. Sein neues Buch hat den Titel “Das Imperium der Zeichen”. Zügig beginnt er: “Wenn ich eine fiktive Nation imaginieren wollte, könnte ich ihr einen erfundenen Namen geben, könnte sie sorgfältig als ein novellistisches Objekt behandeln und könnte eine neue Garbagne schaffen, um mit meiner Phantasie kein wirkliches Land zu kompromittieren (obwohl ich dann meine Phantasie ihrerseits durch die Zeichen der Literatur verfälschen würde). Ich könnte auch – obwohl selbige in keiner Weise die Wirklichkeit selbst repräsentieren oder analysieren würden (was eine der wichtigsten Gesten des westlichen Diskurses ist) – irgendwo in der Welt (weit weg) eine Anzahl von “features” isolieren. Aus diesen “features” würde ich ungeniert ein System schaffen. Dieses System nenne ich “Vollbarth”.