Mythologie das Alltags: Ein Gedanke zur deutschen Nationalhymne “Einigkeit und Recht und Freiheit”

Warum heisst es “Einigkeit” und nicht “Gleichheit”? Naja, die Silben würden stolpern. Naja, das Lied stammt ja aus dem späten 19. Jahrhundert, als Deutschland noch in Kleinstaaten zerfallen war (Komisch, dass Einigkeit für Jugoslawien nicht mehr gilt). Naja, “Deutschland, Deutschland, über alles” ziemt sich ja nicht mehr laut zu singen.

Also, ihr Guten: seid einig mit denen, die ungefähr 153mal soviel wie ihr verdienen, ob in der Fussballmannschaft oder im Aufsichtsrat (ein Mercedes-Aufsichtsrat verdient ungefähr 8 Millionen Euro im Jahr. Naja, ist ein paarmal mehr als ein Mercedes-Arbeiter nach Hause bringt. Vom Aufsichtsratvorsitzenden reden wir hier nicht.
Seid einig mit denen, die landauf, landab den neuen Antisemitismus predigen!
Seid einig mit den Dieben und Bestechlichen, ob auf dem Kiez oder in der Politik!
Seid einig, ihr Männer, mit den Frauen, die ja eigentlich nur bessere Möbelstücke sind….
Seid einig, einig, einig!

Streitkultur, aber mit Gleichheit: das wär doch was?

Mythologie des Alltags: Tozeur, Sahara

Das Filmteam des Englischen Patienten ist bei den Einwohnern unvergessen. Bordel, ces mecs! In unserem Reisebus ist jemandem schlecht. Der Chauffeur hält beim Frisiersalon kurz vorm Ortsende. Hierzulande, sagt Sami, der Reiseführer, ist der Friseur zugleich Arzt, Therapeut Aufklärer, Hochzeitsmakler, Brautputzer. Mich überkommt ein Verlangen nach Depilation. Das zwickt an manchen Stellen. Der Bus fährt inzwischen ohne mich weiter. Ich habe Zeit und lasse mir im selben Arbeitsgang den Rücken tätowieren. Was soll es sein? Ein Lokal, vielleicht das Café Nast, wo die Stühle blaugrün gepolstert und die Deckchen weiß sind. Dort sitzen die Leute wie in Eisenbahnabteilen. Nur logisch, denn das Café rast unvorstellbar schnell mit der Erdumdrehung mit. Glücklicherweise fährt der Bürgersteig auch mit, die Straße mit den Lieferwagen, der Comic-shop, das Dreifarbenhaus, die Stiftskirche. Aber keiner schaut nach draußen. Jeder einzelne liest in einem Buch des Schweizers Stauffer. Dort sind die Fußnoten länger als der Haupttext. In einer Art Foxtrot-Rhythmus blättern die Leute zwei Seiten vor, eine zurück, zwei vor, eine zurück. Killing me softly. Ich bin schon vorsichtig, sagt der Tatoo-Mann. Die Leute im Café leiden etwa an Staublunge, Arteriosklerose, Hüftluxation oder Ulkus. Indem sie auf meiner Haut ins Bild gebannt werden, ist auch ihr Leiden stabilisiert. Voilà, sagt der Berber. Ich freue mich auf den Sommer, wenn ich mich am Strand bäuchlings hinlegen werde. Die Leutesollen was zum Schauen haben.

 

Daily mythology: What I think about the headscarf

Preliminary remark: In Europe there are veiled people too, just remember all the nuns on Italian streets (we used to call them “crows”). And never you would see any religious cult in Turkish TV like on the German channels nearly every Sunday….
I don’t want to compare Europe to Asia. After all I am living in Turkey.

To allow the headscarf in universities, courts and army is just improving individual freedom, they say. And after all it is a command written in Koran, they say (show me the place, please)
Everybody should be able to follow commands, better even, his personal tastes.
Yes! Even Alevi, Tattoo- wearing people and beer-drinkers! And even the Uigur minority in China! We protest against their treatment by the Chinese majority! And the Palestinian! And the Turks in Europe!

The treatment of minorities by the ruling Sunni-believers very clearly shows that they see the headscarf as a Sunni-political symbol.

P.S.
About Alevi. The Alevi-Belief is included in İslam. Therefore they can go to normal mosques and don’t need their own cemevi, they say.
On the other side there is a fatwa: Don’t marry an Alevi. “The Alevi faith is null and void; therefore marriage is not permissible.”
Summary: Sunni governments can decide where Alevis should be praying; but they should not marry Sunnis. Alevis should not seek a religious status. Meanwhile, the Alevis can continue to pay taxes to finance Diyanet’s (Directorate of Religious Affairs) budget that overwhelms the budgets of more than 10 ministries combined.

Mythologie des Alltags: Unruh

zytglogge

“Meine Ruh’ ist hin,
mein Herz ist schwer,
ich finde sie nimmer
und nimmermehr…”

Zuerst war die Zeit, dann kam die Uhr. Oder gab es vor der Uhr keine Zeit?
In einigen Sprachen gibt es nur ein Wort für Zeit und Uhr.

Sie sah zeitlos aus
Eine Auszeit nehmen
Sommerzeit
Winterzeit
Es ist an der Zeit
Für alles ist eine Zeit
Zeitplan
Zeitgeist
mit der Zeit gehen
Die Zeit läuft mir davon
O tempora, o mores!
Zeit schinden
Zeit haben
zur Zeit sein
zeitig kommen
Wir sind gut in der Zeit
Zeitung
Gute Zeiten – schlechte Zeiten
schwere Zeiten
Zeitmesser (Zeitlöffel?)
Zeitfenster
keine Zeit
Zeit ist Geld

Der entscheidende Teil der mechanischen Uhr, der letztlich für das unerbittliche “Tick-Tack” verantwortlich ist, heisst “Unruh”! Ein anderer “Hemmung”. Sand- Wasser- und Sonnenuhren berücksichtigen wir hier nicht (“die Zeit verrinnt”). Die Frage ist also: schuf die Uhr erst die Zeit? Die gnadenlose, versklavende? Zeit ohne Uhr ist wie (ehm, Fisch ohne Fahrrad?) Leiter ohne Sprossen. Die “gefühlte” Zeit ist je nach Laune im Nu vergangen oder endlos.
Ohne Chronometer – möglichst von Festina oder Tag-Heuer – wäre nicht nur die Akkordarbeit, sondern auch der Sport undenkbar. Welcher Marke ist die innere Uhr?

“Unruh”
“Hemmung”
“Waage”
“Feder”
“Pendel”, oh Galileo!

Die Krüge

An den langen Tischen der Zeit
zechen die Krüge Gottes.
Sie trinken die Augen der Sehenden leer und die Augen der Blinden,
die Herzen der waltenden Schatten,
die hohle Wange des Abends.
Sie sind die gewaltigsten Zecher:
sie führen das Leere zum Munde wie das Volle
und schäumen nicht über wie du oder ich.
(Paul Celan)

Norbert Elias unterscheidet unter anderem passive Zeit und aktive Zeit. Passive Zeit: ich esse, wenn ich Hunger habe, ich schlafe, wenn ich müde bin. Die aktive Zeit hat nun ganz konkret mit der Uhr zu tun. Sie wird eingeteilt. Zu bestimmten Zeiten wird gegessen, zu anderen geschlafen. Kirchturmglocke und Nachtwächter dienten als Uhr. Landwirtschaft und Erziehung erfordern Uhren. Die Saat muss zu bestimmten Zeiten ausgebracht, die Schüler (of all three+ sexes) nach Hause geschickt werden. Die Gesellschaft macht in vielfältiger Weise Verabredungen nötig. Das Date, die Vorlesung (“Schatz, isch hab Uni!”), die Konferenz der G-20, der Anpfiff des Spieles Ingolstadt gegen St.Pauli, der Ramadan, das gekochte Ei, das Wochenende undsoweiter, gell? In nomadischen Zeiten waren keine Uhren nötig. Nicht zuletzt die Religionen und ihre Adepten verlangen nach regelmässiger Zeiteinteilung (Angelus, Kalender, Jom Kippur, Ruf des Muezzin, Fastenzeit). Die erste und grösste aller Uhren: der Sternenhimmel.
Mit der Abkehr von jagen und sammeln wird Zeit nun zum Herrschaftsinstrument. Der Fliessbandarbeiter, der Akkordarbeiter, der Schüler, der Lehrer.
Prometheus, “der Vorausschauende” (kann in die Zukunft blicken)
Epimetheus, “der Zurückschauende” (in die Vergangenheit)
Odysseus, hehe, kann beides

Hamlet
Pasolini
James Joyce
Henry James
Carlo Emilio Gadda
Don Quijote und andere
= allesamt zur falschen Zeit geboren

Metis ist die Göttin des Klugen Rates (“in weiser Vorausssicht”), Mutter der Athene. Sie konnte, wie so viele, der Befruchtung durch Zeus nicht entgehen. Sie ist wohl die Muse aller Zurück- und Vorausschauenden.

Hast Du etwas Zeit für mich
singe ich ein Lied für Dich…..

Herr, es ist Zeit
der Sommer war sehr gross…

Mythologie des Alltags: Google

Wer kannte vor einiger Zeit das Wort? Und nun kann man es für jeden verstȁndlich sogar als Verb gebrauchen: googeln. Im Verlauf weniger Jahre ist Google zu einem unersetzlichen Mȁdchen für alles geworden: Texte (sowieso), Bücher, Leute, Firmen, Bilder, Orte, undsoweiter, werden fast immer gefunden. Glücklicherweise findet man manchmal noch immer etwas anderes, als man gesucht hat. Aber: sich die Welt ohne Google vorzustellen: Geht nicht mehr. Und der Konzern (oder die entsprechenden anderen) hat dabei Milliarden aufgehȁuft.

Es wird geschȁtzt, dass so um 3000 Satelliten die Erde umkreisen, die uns ausspȁhen. Mann! Und sie erkennen syrische Soldaten, die in ihrer Freizeit Volleyball spielen (Bestimmt wird da demnȁchst reingebombt. Und wir regen uns über geworfene Flaschen in Hamburg auf…). Halt. Das sind ja nur die zivilen Kameras, die da gucken. Die militȁrischen sind viel genauer, sie sind bloss nicht freigegeben. Mit ihnen können die Handys in unserer Hand und die Sorgenfalten auf unseren Gesichern aus dem Weltall erkannt werden! Wenn da ehemalige Kadett-Fahrer unter den Serviceleuten auf den Gedanken “Tiefer legen!” kommen? Dann wird alles noch viel genauer! Also, Leute, geht bloss nicht ins Freie! Andererseits: es geht ja bloss zum Gemüsehȁndler um die Ecke…

GPS? Ähnliche Lage. Drohnen? Von Washington aus zu steuern. Photoshop? Was ist Realitȁt? Computerbrille? Im Kommen. Das intelligente Haus? Lȁuft wenigstens (vorlȁufig) nicht weg. Undsoweiter. Meine Güte, wir sind totalüberwacht, vernetzt und ferngesteuert. Ich fange an, die Assel da vor der Tür zu beneiden.

Daily mythology: Cadillac

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Antoine de la Mothe Cadillac was a French adventurer and explorer in the second half of the 18th century who made his fortune in the New World and even went to be governor of Louisiana. Today we remember him as the founder of Detroit. He went rich by trading beaver-furs and selling alcohol to the natives. By contemporaries he was depicted as a selfish man and a complete scoundrel, whose politics for France failed because of his need to think of himself first.The luxury car Cadillac we all know is for sure named after him. For the USA Cadillac was a status symbol, as Rolls-Royce was for the old world. You may remember the “Pink Cadillac” of Dennis Quaid or “Arizona Dreams” with Johnny Depp becoming a car-seller. Just two examples among much representing the age of huge gasoline engines which is almost over. The age of electric cars may be represented by another name? Antoine de la Mothe took the name “Cadillac” from a small village in his native Gascogne when he made himself aristocrat. It is a fact: Detroit became the capital of automobiles. Now it looks like a jungle.  And no one remembers Antoine, that bad example of a “Mousquetaire”.

Daily mythology: About blood

The invisible ties – about Blood

Oh, God said to Abraham,

“Kill me a son” Abe says,

“Man, you must be puttin’ me on”

God say, “No.” Abe say, “What?”

God say, “You can do what you want Abe, but

The next time you see me comin’ you better run” (Bob Dylan, Highway 61)

 

“A faint cold fear thrills through my veins” (Shakespeare’s Macbeth)

 

“I want to live, I want to fuck, and not only with one man. Would you marry me?” (The girl to the boy in Fatih Akin’s ‘Against the Wall’)

 

Blood is a very special sap (Mephistopheles, Faust’s evil partner, says: Sign with blood!). It is mythic. If we loose too much, our vitality, our life is running out with it. Red is it’s characteristic colour, but there are red and white corpuscles in it. I am looking to our flags, the Turkish and the Swiss one. In Switzerland they say about it’s signification: White freedom is emerging from the red ground of blood. Of course they think of the battles of Morgarten and Sempach, where a couple of “Swiss” peasants had the victory over the knights of Austrian Habsburg, and here in Turkey we’ll remember the Independence wars against the imperialist armies of England, France, Greece and Italy. Much blood trickled away then, as it does today in Baghdad.

Blood carries our emotions (a very common word for a young man here is “delikanlı”= madblooder) and it’s following them: in seconds I blush or I get pale like linen. No, you say? Then you might be cold blooded…

But “blood” in general signifies the past, the ancestors, our descent and origins. It contains the informations of our past, like every cell of our body. Our family? Well, our blood-relations, of course. The nation is in a queer way identified with blood. He insulted Turkish blood! said the boy who is suspicious of having shot Hrant Dink….On the other side blood is a liquid we all share as humans. It is red, no matter if we are Scottish, Eskimo, Yoruba, Apache, Anatolian, Armenian, Aborigine or Chinese. In margin of a few blood groups we are able to share it with everybody. It is renewing itself every minute and hour. It is the medium providing our body with everything he needs to stay alive in the future. There should be no more bloodshed, says God to Abraham, who was willing and ready to sacrify his son. But I fear we did not understand him. We talk about “the one world”, multiculturalism, tolerance, the attractions of other cultures etc. We travel to the outposts of the world to admire its marvels (we prefer a “World of Wonder”-hotel with not too much contact with the natives for that adventure). But “when it comes to marrying our own daughter or son, everyone’s preference is marrying them to someone of their own blood. Same religion, same nationality, same skin, same culture. This ultimate fetishism with ‘blood’ is the deepest malady of our times. We don’t have the means to overcome it. “

Emigrants, like for example the Turks in the European countries, try to preserve their language, their traditions, their believings and their outfit more than everyone in the motherland, building an invisible ghetto themselves in their “promised lands” (because why did they emigrate?) And this belief in the “purity of blood” is for long time a big illusion. Can you find any citizen of the USA without at least 1/16 of “negro blood” running in his veins, even if the skin is “white”? Didn’t people mix for centuries by falling in love with strangers? Just look at the names on any West-European house door: You’ll find there Sarrazin, Tekin, Yala, Citton, Schimansky, Müller, Brimelow and Birkin. As far as I know there is Jewish, English, German and Gypsy-blood in my veins. And they did not tell me all.

What to do? We should think about the world – it brings blood to our brain 🙂 and takes it from other body parts, and: As many as possible of us should begin to overcome this “blood fetishism”. No way to insist in purity and “honour”. We should put our human parts in foreground, shouldn’t we?