Mythologie des Alltags: Der Eichelhȁher

eichelhaher_beim_baden

Wer kennt ihn nicht mit seinen wunderbar blau-schwarzen Federn am Flügel! Hier gibt es viele davon, aber sie müssten Oliven-, Pinien, Pistazien- oder Palmenhȁher heissen, denn ausser den wenigen nicht abgebrannten Steineichen gibt es keine Eichen hier. Den Hȁher aber kümmerts noch nicht, genauso wenig, wie es ihn kümmert, ob er in Israel oder im Irak und im Iran lebt. Ob er Schweinefleisch frisst (“wobei neben selbst erbeuteten Tieren bisweilen auch Aas gefressen wird” Wikipedia)? Es ist uns nicht überliefert, aber so er Gottes Geboten folgt, wird er es nicht tun. Fleischfresser ist er im Übrigen nur sommers, im Winter wird er Vegetarier, wozu er sich eben jetzt an geheimem Ort einen umfangreichen Vorrat an Kernen und Nussfrüchten anlegt.
Der Hȁher – ein Rabenvogel – ist ȁusserst intelligent, geschickt, wȁhlerisch und umsichtig. Zuweilen halten die Hȁher Versammlungen ab wobei sie laut “rȁh rȁh” rufen (und nicht etwa “Hȁ?”, wie es in den sozialen Netzen kolportiert wird). Der Hȁher isst nicht alles, er schmeckt seine Nahrung erst auf der Zunge ab, bevor er sie akzeptiert, oft tastet er sehr bunte Insekten gar nicht an. Mit Schnabel und “Hȁnden” ist er ȁusserst geschickt, mit der Stimme ahmt er die Laute anderer Vögel nach, oft sogar die des ihn angreifenden Sperbers oder der Eule. Wenn du folglich Nachtigallenkonzerte hörst, schaue erst nach!
Der Eichelhȁher heisst in England “Jay”. Wir kannten einmal einen D-Jay in Ankara, er stammte aus Kambodscha und war auch ein Freund der saisonalen Monogamie.

Picture by Eva-maria-mueller (Own work) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons

Daily mythology: The jay or Magpie

Who doesn’t know our beautiful Magpie or the Blue Jay? We have much of them, but they just find very less holly oaks (Quercus Ilex) here and have to roam to Olive-, Pistachio-, Palm- or Pine-trees. Jay doesn’t care though, he doesn’t care if he lives in Israel or in Irak neither. Is he eating porc? If he follows gods laws he shouldn’t. By the way he turns to Vegetarian in winter, just now he starts to collect his big stocks of kernels and nuts.
The jay – belonging to the crow-family – is intelligent, skilled, fastidious about his food and judicious. Some say he’s rather noisy – from where the slang-word “jay” for a talkative person – but in the nesting season you won’t hear him at all. From time to time jays hold meetings, where they shout “ray, ray” and behave quite ceremonial. The jay doesn’t eat everything, he tastes with his tongue before he swallows. Some very colorful insects are even denied. With beak and “hands” the jay is very adept, with his voice he imitates many singing birds and sometimes even the shriek of his enemies sparrowhawk and owl. So if you enjoy a nightingale-concert in your garden it might be him. *smile*
Once we knew a DJ from Ankara. He was an addict of seasonal monogamy too.

Daily mythology: The Pick-Up

pickup

The Pick-Up seems to be the new warrior-car. Though you can use it as a civilian too it seems made to pick up militiamen. The “invasion” of Chad by Libya 1980 was, I think, the first “Toyota war” (since then they are usual in the arid zones, of course not only with Toyota, but with all kind of Pick-Ups). The bloodthirsty tyrant, sexual abuser and torturer Hissĕne Habré was backed by France and the US. But who lives is Habré and who is dead is Qaddafi (One day the history of our two centuries will have to be written anew). Pick-Ups are predestined to have a machine gun or a light canon rigid on them, they are used by all kind of paramilitary militias, we all know it since we saw the columns of cars with black ISID-flags on TV. Thoughts: Are all wars in our times splitting in a high-tech and a tribal or religious component? More thoughts: Pick-Up salesmen must be very talented to sell their cars to both sides!

Mythologie des Alltags: Gefȁhrte

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Gefȁhrte gibt es ‘ne Menge, angefangen mit dem Auto, das die Strassen beherrscht. Die Autos haben jetzt intelligente Leitsysteme, manche können sogar schon selbstȁndig einparken. Der Verkaufsschlager wȁre zweifellos ein Auto, das selbst einen Parkplatz sucht. Das Auto ist ein Statussymbol, es muss glȁnzen. Leider sind manche Exemplare durch Schlammregen arg verschmutzt. Man könnte nun des lȁngeren über verschiedene Autotypen elukubrieren, der Pick-Up zum Beispiel, uhh, das gȁbe fast einen eigenen Artikel!
Ein weiteres Gefȁhrt ist das Motorrad. Mehr und mehr ist es mit Elektromotor erhȁltlich, darunter auch ein dreirȁdriges Exemplar mit Rücksitz für ȁltere Leute. Die Dinger fahren so leise und man ist an den früheren Motorenlȁrm so gewohnt, dass man oft nach Ohr über die Strasse geht. Erst gestern hȁtte mich fast ein Mȁdchen umgefahren.
Das Fahrrad! Hier auch oft als Transportmittel benutzt. Ein Gefȁhrt mit Zukunft, da nachhaltig betrieben.
Wer zȁhlt nun die anderen Gefȁhrte, die es wie Sand am Meer gibt? Mir fallen die Kinderwagen ein, die hier vor dem “Marcos” vorübergeschoben werden. Es gibt sie auch als Doppelsitzer für Zwillinge, diese verhindern, das beim Einklappen nach dem Einkauf das Baby mit im Kofferraum verstaut wird. Das Trottinet (früher “Budirad- Brenschen” genannt.”Nein, ‘-brenshen!’” sagte mein Vater)! Das Skateboard! Der Rollator! Der Servierboy! Der Hund, bei Autoreparatur und Umzug behilflich! Die Kutsche (wir hatten im Internat zwei nicht ganz schlanke Mȁdchen, sie wurden nur “die Postkutschen” genannt)! Früher gabs sogar Retourkutschen, die heute nur noch als Metapher überlebt haben…
Sind Rollschuhe Gefȁhrte? “Die Rȁder, die Rȁder…” (wir schweigen hier über Gefȁrte zu Wasser und in der Luft).
Mir fȁllt auf, dass man einen Freund oft einen “Gefȁhrten” nennt. Kommt das daher, dass man einmal gemeinsam mit ihm fuhr?

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Daily mythology: Alcohol

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Sitting in Muğla and drinking a beer I am pondering about alcohol. Turkey is getting more and more Islamic and even in a liberal-minded city like Muğla it is getting harder to find it. How did I discover this place here? It has the name “Cheers” and looks like a late punk-pub, but it is situated in a small dead end street in typical Turkish walls and without my hard scout-training I would never have found it. One sits on hand-painted chairs in a tiny courtyard; the walls are covered with small objects in all colors. Among the paintings Nazım Hikmet, Al Pacino, Sigmund Freud, Marilyn Monroe, Roberto Begnini and The Good, The Bad and The Ugly. From the loudspeaker one hears: “tell me something good…”. A completely unturkish place. But are the shops with Nike-sportshoes, Gucci handbags, First + One fashion or Faber Castell pencils more Turkish? The times, they’re a’changing. Hopefully to the future.
On main street is a shop where I buy my beer for the evening. The place is peculiar too, a room without windows and the till completely in the dark. In time one will feel like buying pornos…..
Alcohol is a drug, there’s no doubt. Many of us are dependent of it, especially artists – and politicians? What would our black-and-white-movie be without Dean Martin or Humphrey Bogart holding a glass of scotch in their hand? And yet: A drink is less offensive than a smoke. If a smoker’s in the room I’ll have to inhale what he’s breathing out. I never redrink the beer of my neighbor.
Why do we drink alcohol? Because there’s no way out of life. We want to break free, we feel prisoners in our body and conscience. We want to act irresponsibly. We want to extend borders instead of building new ones. We would like to write “Under Milkwood”. What else?
Why don’t we drink alcohol? Because we’re aware of our health, because we fear to become addicts. Nevertheless we drink all kind of energy-drinks, lemonades, coffee, tea, even water with its heavy metals, its hormones and micro-plastics, and it doesn’t make us fear. Maybe we don’t like alcohol. So we do sports, drink alcohol-free beer and do doping until pegging out.
Governments are acting hypocritical towards alcohol. On one side they try to forbid it, on the other side they get much money from taxes on it.

Mythologie des Alltags: Scham

Seit dem Feigenblatt am Ausgang des Paradieses fühlen wir alle Scham. Adam und Eva scheinen demnach schamlos gewesen zu sein? Wir erröten, und weil wir merken, dass wir rot werden, schȁmen wir uns noch mehr. Die Scham treibt unser Blut an die Peripherie des Körpers, Angst oder Furcht aber treiben es zum Zentrum. Wir erbleichen. Angst vor dem Tod? Scham vor dem Leben? Allermeist wird heutzutage Scham auf das Sexuelle bezogen. Das entsprechende Organ heisst sogar “Scham” und liegt dicht am Schambein. Wir schȁmen uns freilich auch für anderes, für Dummheit, für Missgeschick, fürs Treten in Fettnȁpfchen. Seit neuestem müssen wir uns sogar fremdschȁmen.
Nach Hans Peter Dürr gibt es zwei Arten der Schamabwehr. Die erste, meist angewandte: wir bedecken und verstecken das, wofür wir uns schȁmen. Zum Beispiel die Frauen (schȁmen wir uns ihrer?). Sie werden ins Haus, ins Zelt verbannt. Spȁter werden sie zur Burka oder zum Hijab befreit und sind nun wandelnde Zelte. Es tritt dabei eine Ambivalenz auf: wir schȁmen uns, wollen aber zugleich sehen und gesehen werden. Ich kannte eine Lesbe, die zog sich mühsam den Badeanzug unter den Kleidern um – weil sie sich ihres Körpers schȁmte? -, studierte aber zugleich Sport, weil sie da beim Duschen schöne nackte Frauen sehen konnte. Der Mann, der seine Frau zur Verhüllung zwingt, hat oft nichts dagegen, anderswo geile Ärsche zu sehen.
Die zweite Art der Scham wȁre die, einfach nicht hinzusehen, etwa wie Peronnik im Wald der Verführung. Diese Art der Diskretion wird leider viel zu wenig angewandt, dabei wȁre sie viel ehrlicher und zielführender. Eine jede und ein jeder könnte sich z.B. unbeschwert umziehen, weil eine jede und ein jeder andere einfach wegschauen würde.

Daily mythology: To make love in a car

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“Steamy windows/ coming from the body-heat…”

To make love in the car is really an achievement of modern times, and since we saw the American movies like “Last picture show” we like it even more, though it is always very, very uncomfortable, and in the old times we had to fight with tights too….
Who does it? Of course the young ones which cannot do it at home. But don’t we all desire it? Maybe it is the secret wish to be seen we all have ( Casanova was hired by men to fuck their wives while they watched, and all that swinger- and group-sex-stuff may have the same reason). So we wait for the cop with his electric torch, and we hope, the car-windows might not be too steamy….

Mythologie das Alltags: Das Krankenhaus

“Allah iyilik versin!”

(Beschrieben anhand des Spitals Muğla)


Ich sitze vor dem Gebȁude in der Sonne und lese Milan Kundera, Die unertrȁgliche Leichtigkeit des Seins. Wenn Warten heilen könnte, müssten die hier alle gesund werden! Ich schaue frontal auf die drei Hauptportale: ganz links kommen Neugeborene aus dem Haus. Ganz rechts karren sie die Leichen zum Sezieren weg (Es ist ein Unikrankenhaus. Mir fȁllt ein: In Hamburg mussten die Erstsemester sich gegenseitig waschen, um festzustellen, dass sie Körper berühren konnten). In der Mitte gehen die Leute hinkend, fast kriechend oder tief gebeugt hinein, manche werden mit Ambulanzen herbeigefahren. Irgendwo im Haus muss ein Jungbrunnen sein, denn durch die Mitte kommen wenig spȁter schwungvolle, kerzengerade Leute wieder heraus und zünden sich noch im Gehen eine Zigarette an. Dieser Brunnen muss mit warmem bis heissem Wasser funktionieren, davon zeugt das an der Wand aufgestapelte Brennholz. Die aus der Morgue weggefahren werden sind wohl die, die den Jungbrunnen nicht gefunden haben?

wood
Das Personal (und jetzt geht es durch dick und dünn) trȁgt Uniformen – oder Kittel – in allen Farben: weiss, grün, dunkelgrün mit blau, hellblau, dunkelblau, violett, rot, gelb, schwarz-weiss….
Am elegantesten gekleidet sind Krankenschwestern und die Notretter aus den Ambulanzen, dann kommen die Ärzte, ab und zu zwei Jandarma in Springerstiefeln (manche Leute – bestimmt sind es Terroristen – werden gleich nach dem Schienen des Beins verhaftet), zuletzt die Patientinnen und Patienten, manche tragen das dörfliche Kopftuch, gehȁkelte Westen und Pluderhosen aus Blümchenstoffen. Kleider machen Leute, würde Keller sagen, aber der ist fern….

Daily mythology: The crows

Once more in fall the crows have come back to our valley. They sit like black spots in the eucalyptus trees surrounding the graveyard.
But then they fly! Their calls and shrieks sound like a conversation. But what do they want to say? This swarm of black birds is trying to represent the currents of air. The air is not a dull mass of material but in constant motion and as sculptured as the mountain and hillside below, but because the air is transparent we’re not aware of it? At first glance their flight looks quite chaotic, but after a while we discover patterns. Why do we enjoy looking at the shape of a landscape? Hard to say, but it’s really satisfying. The crows could be our visualizing software for the landscape of the skies. Aren’t they like the moving arms of an orchestra conductor? We see rhythms: faster, slower, unexpected turns, synchronous and individual elements, cadences… And suddenly they are vanishing behind the hilltop, leaving a vague longing in the air.
Why are crows black? It is said that once upon a time they were pure white. It happened like this. The ancient god Apollo fell in love with a mortal girl, a king’s daughter. Her name was Koronis which means Crow-maiden. She had a baby by him but later on married a human. Who would like to have a god as a husband, even if it is a sun-god? The first who brought the message of the wedding to Apollo were the crows, and they were the first to be struck by his anger, as often happens to messengers bringing bad news. From that day on, it is said, they were black. Koronis’ baby grew up in a small cave; it was protected by a snake, a goat and a shepherd’s dog. The baby’s name was Asklepios who went to be the first and best healer and physician. He was worshiped in the neighboring island of Kos where many famous physicians were educated. Still remembered is Hippocrates of Kos, whose oath is sworn by physicians even today.
Today, after a heavy rain, the crows fly again. Nor the bullets of the hunters nor the arrows of the gods struck them. But let me add an obvious postscript. Journalists are a bit like crows. Because they make visible hidden truths, see bad things coming and criticize the ‘gods’, their life is in danger.

Mythologie des Alltags: Der Bettrand (Raender 3)

Wir liegen im Bett, das Licht ist aus, noch spielt Musik, du denkst an mancherlei, weißt nicht genau, ob du die Augen geschlossen oder geöffnet hast, aber der Bettrand! Am Abgrund…. Lässt du die Hand darüber hinunterhängen, beißt vielleicht eine Ratte deinen Finger, oder eine Schlange oder ein Skorpion. Würdest du dich darüberbeugen, sähst du die wabernde luftige Schwärze des Nichts, sublimierten Asphalt, darin alles, was du und andere erlebt hatten, Benito Juarez und Billy the Kid (so far away from home!), eine schmale Strasse zwischen Mauern und du kannst nicht wenden, die Müllabfuhr, eine alternde Schauspielerin, die eine noch ältere neue Wohnung bezieht und schon mal die Schnapsflaschen und Teddybären auf Tisch und Sofa verstreut hat, Isabella Rossellinis Zahnstellung, deine ungeschriebenen Gedichte, die ungedachten Gedanken, die kommende Hochzeit der Tochter, altertümliche türkische Namen wie Fadime und Mübarek, was schwarz alles enthalten kann! Ich halte nichts von Einschlafübungen, denkt es in dir, ich halte nichts von Schreibworkshops, ich konnte noch nie schreiben, schon immer. Process is the Princess! Manchmal Phantomschmerzen nach Wandtafeln und Kreide um mit kühnen Lettern darauf entlangzuschreiben: Wer nicht denken kann fliegt raus (sich selbst). Den Tag rückwärts vorstellen sagt man mir, oder Schäfchen zählen, aber die springen vorwärts, warum heißt es Bockspringen meine feministische Freundin wär damit konform. Molly Blooms Hintern bleibt hier unerwähnt wie so manches andere, mir hilft das Klimpern der Leinen gegen die Masten, Kunststoff gegen Leichtmetall, Stabsoffiziere mache ich mir, erlasse Gesetze, schaffe Länder und Inseln, baue eine noch größere Irrenanstalt drüben auf Leros, zähle die Mandeln, esse die ersten Mandarinen, deren Schalen noch grasgrün sind (Frage: wie kommt das Orange in die Frucht hinein?), verkaufe das schönste Haus am Hafen einem Medienindustriellen, nicht bevor ich es weiß gestrichen und das angrenzende Gässschen Saray Sokak genannt habe…….das schwarze Wabern beschäftigt mich, ich nenne es Allusion, Ullusion und Illu Schmidt

Mythologie des Alltags: Städte

smog

Baby alone in Babylone

Die Stadt war seit Anbeginn ein Urbild: des Labyrinthes, des menschlichen Gehirns, der Gebärmutter, der Zivilisation, des Fortschritts (gegenüber dem dumpfen Verharren der Landbevölkerung), der Emanzipation (“Stadtluft macht frei”), der dritten Kraft (gegenüber den Dominanten Kaiser und Papst),  der Bildung, der Perspektiven, des Enthemmten und Bösen (“die Hure Babylon”), der Wirtschaftskraft, der Utopie, der Herrschaft. Hat je ein Fürst – ausser Attila – vom Lande aus regiert?

“Über eure Städte wird Gras wachsen” sagt die Schrift. Ich war in Jericho, über 5000 Jahre, nachdem sie gegründet wurde, und fand das bestätigt. Ich war oft in Avenches, diesem waadtländischen Dörfchen, unter dessen Grasnarbe Aventicum, einst die Metropole Helvetiens und viertgrössten Stadt des römischen Reiches, liegt. Halikarnassos? Zum Flecken Bodrum herabgesunken… Alexandria? Die Bibliothek ist längst verbrannt. Ich liebe nicht Alexandria, ich liebe meine Erinnerung daran. Sparta? War vielleicht immer ein Ziegen- und Päderastendorf?  Rom selbst, im 17. und 18. Jh zu einem Platz mit knapp 15’000 Seelen herabgesunken, hat sich wieder aufgerappelt. Ich war in Istanbul, das nie weniger als Grosstadt war. Es ist – gelinde gesagt – ausser Kontrolle

Die amerikanischen Militärs haben nun schwere Bedenken gegen Städte geäussert: mehr noch als die Schurkenstaaten seien sie Brutstätten des Terrorismus. Ausserdem seien da auf engem Raum bei weitem zu viele Gebäude, so dass das Schussfeld höchst behindert sei (was schon Baron Haussman im 18. Jh. in Paris bemängelt hatte, worauf die Boulevards als Kanonenschneisen ins Weichbild der Stadt gehauen wurden). Dazu noch: auf wen schiessen? der Zivilisten sind Millionen. Und jeder Terrorist verwandelt sich übergangslos in einen Zivilisten (und umgekehrt). Ach wie war es doch vordem mit Ländereroberung so bequem! Das Modell dafür ist Bagdad. In einigen wenigen Tagen war der Irak erobert. Schnell hatte man mit einigen angeheuerten Komparsen die Schleifung des Saddam-Denkmals gemimt. Aber dann!  Immer mehr Stadtviertel gerieten ganz einfach ausser Kontrolle. Eine Razzia mit einem ganzen Battaillon half nur für Stunden, nachher war alles wieder beim Alten. Die Terroristen schwammen wie Fische (wie schon der gute Mao sagte) im Meer des Volkes. Schliesslich – und das schon bald, seit 2002 – blieb uns nur noch die schwer befestigte “Grüne Zone”, hier lebt man irgendwie trotz der Granaten, die von aussen einschlagen. Aber das weite, grauenhafte Gebiet ausserhalb…. weh! Es entzieht sich jeder Kontrolle. Inseln der Anarchie docken irgendwie aneinander. Banden herrschen, dank Handy und Internet auch noch weltweiter und effizienter mit den entsprechenden Zwillingspärchen in anderen Agglomerationen verbunden als unsere teuren Nachrichtendienste. Feral Cities! Raubtierstädte!!!!

 

Agglomerationen! (first we take Manhattan – then we take Berlin).

Istanbul hat schätzungsweise  etwa 15 Millionen Einwohner. Keiner weiss es genau, glaub nur nicht, das Einwohnermeldeamt hätte Mittel, das festzustellen. Tokyo? Ein Wahnsinn. In Mexico City haben die meisten Bewohner den Stadtrand nie gesehen und können sich auch nicht vorstellen, ihn jemals zu erreichen. Die einzige Grenze ist der im Smog nur ungefähr wahrnehmbare Sternenhimmel. Lagos und die angrenzenden Küstenstädte mehrerer Staaten bilden inzwischen das weltweit grösste zusammenängende Slumgebiet aus Wellblechhütten von geschätzten 70 Millionen Menschen. Auf der einen Seite sind Städte auch heute noch die Motoren der Wirtschaft, auf der anderen stetig wachsende Zentren, quasi Magnete der Armut – und innerhalb derselben verfestigt sich dieser Dualismus: hier die Reichenviertel mit privaten Sicherheitsdiensten, Mauern, Kameras und anderen immerfort verfeinerten Kontrollen, da die No-Go Areas, wo selbst Google Earth nicht mehr durchblickt. Wie ist die Entwicklung? Die Reichen leiden heftig an Nachwuchs. Die Geburtenrate geht gegen Null, die Summen auf den Bankkonten gegen Unendlich. Nachwuchs aus dem “Proletariat”? Die Mauern erweisen sich inzwischen als unüberwindlich. Die Massen in den Slums vermehren sich weiter exponentiell, sowohl durch Nachwuchs als auch durch Zuzug vom Land. Die Mär vom besseren Leben in der Stadt ist längst widerlegt, und doch hält der Zustrom an. Die Schattenwirtschaft – Drogen, Menschenhandel, Prostitution, Organbeschaffung, Kleinkriminalität und Hoffen auf die “unerwartete Wendung” (so heisst das griechische Wort “Krise”) blüht. Die Bindungen, die das Dorf in ehernen Fesseln halten, lösen sich auf. (Ja ja: “Ehrenmorde”  etc. sind dörfliche Reminiszenzen. In der Stadt wird ohne Tradition und aus weit geringerem Anlass gekillt). Aber eines ist nach wie vor gewährleistet: Enge Anbindung, Massenverkehrsmittel, Durchlässigkeit – was mehr und mehr zum Fluch der Bewahrer wird. Am liebsten würden sie die Slums abkappen, das aber würde vollends der Aufkündigung des Zivilisationsvertrags gleichkommen.

 

Wer herrscht?

In den ausser Kontrolle geratenen Stadteilen – und die gibt es  nicht nur in Sao Paolo oder Mumbay, sonden bereits in Paris, Berlin, Hamburg, Mailand, London – stellt sich die Frage nach den bestimmenden “Körperschaften”: wer kontrolliert, wer organisiert, wer hat die Übersicht (denn Blindheit ist der Anfang des Kontrollverlustes)? Natürlich denkt man, und mit Recht, zuerst an die Gangs. Tatsächlich haben, seitdem dıe US-Regierung dem weltweiten internationalen Terrorismus den Krieg erklärt haben, die Gangster in den US-Grossstädten einen sagenhaften Aufschwung genommen. Viele Gangs und Mafiabanden bestehen seit Jahrzehnten, kommen in bekannten Fernsehserien vor (“Sopranos”), sind überregional vernetzt und haben soziale Einrichtungen, die denen des jeweiligen Staates weit überlegen sind. Zudem vermitteln sie Zusammengehörigkeitsgefühl, eine Wärme!!! die ausser ihnen nur der Fussballfan kennt und zu schätzen weiss. Die Behörden? der Staat, die Politik?? Mein Gott, wer hasst die nicht……

Dann die Jugend. Immer mehr Jugendliche wachsen von Anfang an auf der Strasse auf und schliessen sich da zwangsläufig zu Gruppen zusammen. Keine Familie, keine Schule, kein Militärdienst können ein vergleichbares Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln. Und da alle Chancen im üblichen Sinn eh von Anfang an verschlossen sind, bleibt als Ziel die Illegalität, die Rebellion und die Karriere als Selbstmordbomber….

Die Nachbarschaftsverbindungen. Ja, man staune, sie werden von allen einschlägigen Forschern erwähnt. Logisch: kommt ein Einbruch vor, kann kaum auf einen Ermittlungserfolg der Polizei gehofft werden, und wenn meine Tochter vergewaltigt wird, kommen die Bullen eh zu spät. Also bietet es Schutz, und zwar recht friedlichen, wenn in der Strasse jede jeden kennt und ein “Fremder” als solcher erst Mal auffällt (ein solcher Fremder kann sehr wohl ein Doitscher sein). Man sieht sich jeden Tag, man tauscht sich aus, man ist über Entwicklungen auf dem Laufenden. Glaubst Du im Ernst, die Hartz IV-Software der Behörde ist das? Die Nachbarschaft ist aber Lichtjahre vom derzeit noch als herrschend angesehenen politischen System entfernt. Das Gemeinwesen ist in voller Desintegration, in Hamburg Wilhelmsburg nicht anders als in Bagdad. Selbst auf den gesamten staatlichen Zusammenhalt können solche sich anarchisierenden Grossräume desintegrierend wirken. Was tun? Da helfen keine Flugzeugträger, keine Cruise Missiles und keine “Grossen-Mittel-Ost”-Pläne……

 

Die Stadt. Ein getreues Abbild unserer Entwicklung.

P.S. Havanna! Seit Jahrzehnten leiden die Kubaner unter den Sanktionen und Bedrohungen durch die versammelte kapitalistische Welt. Seit dem Zusammenbruch des Ostblocks haben sie noch nicht einmal mehr die Möglichkeit, ihren Zucker zu exportieren. Ihre Erfindungsgabe ist durch den Mangel an alltäglichsten Dingen aufs Äusserste gefordert. Ihre Autos sind jedes für sich Oldtimer, die sich schütter fortbewegen. Die Schlaglöcher in den Strassen Havannas bleiben so lange unangetastet, dass Pflanzen darin wachsen können. Jede Nacht wird in irgendeinem Viertel aus Ersparnisgründen der Strom abgestellt. Und doch sagt der, der es weiß: In Havannas dunkler Nacht bin ich zehn Mal sicherer und 50 Mal aufgehobener als im beleuchteten Horror von New Yorks Untergrundbahnen……

 

Daily mythology: Towns

Baby alone in Babylon

Town was from very beginning an archetype of the maze, the human brain, the uterus, the civilization, the progress (compared with the dull resisting of the rural population), of emancipation (“Stadtluft macht frei” = “town breeze frees”), of education, of perspectives, of disinhibition and evil (“the whore Babylon”), of economic power, of utopia, of dominion. Did ever a sovereign – except Attila – rule from the village?
“There will be lawn where your cities grew”, the holy scriptures say. I saw Jericho, founded 5000 years ago, and found this true. Often I saw Avenches, village in Switzerland, were they found Aventicum, once the biggest Roman city in Helvetia, underneath the greensward. Halikarnassos? Became the “village” Bodrum. Alexandria? A long time since the famous library burnt down. We don’t like Alexandria, we love our memories of Alexandria. Sparta? Always a shepherds-spot. Even Rome, the “eternal city”, had only about 15000 people left during the 18th century. I was in Istanbul. This town has always been a metropolis – but is out of control now.
The American military have reservations against towns, more than even failed states they would be hotbeds of terrorism. Additionally there are mostly too many buildings on less space, therefore the field of fire would be limited (Baron Haussmann -18th century – had that perception too, and he cut swathes through the dense city: the boulevards). But on who to shoot? There are millions of civilians, and every militant changes smoothly into a civilian and vice versa. Ah, how easy it was to conquer countries! Look at Baghdad. Iraq was finished in a few days. Quickly the monument of Saddam was torn down with the help of some hired walk-ons, but then! Many quarters of the town went completely out of control. A raid with a full battalion would help for some hours, but after that everything turned to the state before. “Terrorists” swim in midst of the population like fish (as good old Mao Tse Tung already stated). Finally the only solution (in 2002) was the “Green Zone”, there they retired and stayed on in spite of rockets and grenades coming from outside. But in the outback:

Islands of anarchy! Gangs came into power, and since we have smartphones this is working worldwide, and they have a better network than our secret services. Feral cities!

 
Agglomerations (first we take Manhattan – then we take Berlin!)
Istanbul has about 15 million inhabitants. Nobody knows it exactly, don’t think the registration office might have means to prove it. Tokyo? A nightmare. In Mexico-City most inhabitants never saw the border of the town and they are incapable to imagine ever to reach it. The only border is the starry sky behind the smog. Lagos and the neighboring coastal cities form nowadays an agglomeration of an estimated 70 million people, living mostly in slums, shantys and quonsets.

On the one hand cities are still the motor of economy, but on the other hand (or maybe therefore) constantly growing centers, magnets of poverty and inside a city we more and more have a dualism: here slums, there guarded quarters of the rich with fences, walls, cameras, controls by security-personnel, in other words No-Go-Areas here and there. And in future? The rich don’t have much kids, their birthrate goes towards zero, while their bank-accounts grow indefinitely. Offspring out of the proletariat? The walls seem insurmountably. And the masses procreate not only by reproduction, but by migration from the countryside too.

The fairy tale about better life in town has been refuted for a long shot, but the inrush goes on. Just these weeks in Haiti hurricane Matthew made plenty of refugees run to Port-au-Prince. And this happens everywhere on the world these days.

The hidden economy – drugs, prostitution, human trafficking, organ trade, petty crime and the hope of “unexpected turn” (what the Greek word “crisis” means) flourish. The bonds with used to enchain villagers dissolve (yes, yes, “honor-crimes” are village jobs, in town people are murdered for much less). But guaranteed things are: means of mass transport, mass communication, transparency. This becomes a curse to the conservative people. They would like to cut off all slums, but this would mean the end.

 

Who rules?

In the quarters out of control – they are not only in Sao Paolo or Mumbay, but meanwhile in Paris, Berlin, Hamburg, Milano, London too – emerges the question of certain corporations: who controls, who organizes, who keeps track of developments (because blindness is the beginning of chaos). Now of course we think of gangs. In fact: since the US-government declared the worldwide war on terror gangs took a legendary development, mainly in the big cities. Some gangs exist for decennials, show up in well known TV-series (“Sopranos”), are cross linked nationwide and even worldwide, do have social institutions which are much better than those of the state. In addition they incolate sense of togetherness and warmth. Only a football-fan knows, what this is….The government? The state? The administration? Forget it.

Now the youngsters. More and more young people grow up in the streets, without family, without home, without school or job. Who wouldn’t unite in groups then? And because all legal ways are closed there’s only the route to illegality, to rebellion and to suicide-bomber left.

The neighborhoods. Yes, astonishing fact: they are mentioned by all researchers. Of course: If there’s a burglary the police is not able to solve the case, if your daughter is raped, the cops will be too late to interfere. In consequence you research the protection of the neighbors. And it is mainly a peaceful one. In our street everybody knows everyone, and a stranger would immediately catch attention. But all this is light years away from our political system. The urban society is in full disintegration, in Hamburg-Wilhelmsburg as in Baghdad. Such areas are even disintegrating the whole country, and no aircraft carriers, no drones and no cruise missiles will help against it.

 

Town. An exact image of our development

Postscriptum: For decennies now Cuba suffers from sanctions the capitalist world imposed on them. Since the collapse of the  Eastern bloc they are not even able to export their sugar.Because of the lack of daily things their ingenuity is challenged to the maximum. Their cars are all oltimers, repaired each one a hundred times. Their potholes are so big that plants grow inside. Every night electricity is cut in some quarters. But yet the one who knows says: In Havannas darkness I am fifty times more secure than in New Yorks brightness!