Mythologie des Alltags: Ornella, Ornella Ornella…

Die Beschreiberin Ornella:

Auf dem Steg, im Hintergrund die sel’ge Bläue von Himmel und Meer, stand an diesem Morgen ein Brautpaar. Der Mann in schwarz, die Frau in weissem Tüll, einen Strauss roter Rosen in der Hand sowie einer dieser Rosen im Haar. Aber warum so früh am Morgen? Hatten sie durchgefeiert, mit Zurna, Tamburin und Dudelsack? Weiss ist die Farbe der Trauer. An diesem Tag begibt sich jede Braut in freiwillige (oder unfreiwillige) lebenslange Gefangenschaft, dagegen ist die babylonische ein Klacks. Das Rot leuchtet punktförmig auf dem Weiss wie der Fleck der Entjungferung. Weiss wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz – wir sagten als Kinder “schwarz wie Holle-Brot”. Ornella fällt bei diesem Anblick ein Gedicht C.F.Meyers ein. Sie hatten es oft in den Bergen, im blumigen Gras liegend, gesprochen, noch bevor sie entjungfert wurde:

“Ich lag im Gras auf einer Alp,
In sel’ge Bläuen starrt ich auf –
Mir war, als ob auf meiner Brust
Mich etwas sacht betastete.
Ich blickte schräg. Ein Falter sass
Auf meinem grauen Wanderrock.
Mein Seelchen wars, das flugbereit,
Die Schwingen öffnend, zitterte.
Wie sind die Schwingen ihm gefärbt?
Sie leuchten blank, betupft mit Blut.”

An diesem Tag braucht Ornella Eure Hilfe. Seitdem der Beschreiber in den Ewigen Schriffgründen ist, zusammen mit dem fetten Indianer, ähem, dem übergewichtigen Ureinwohner, hat sie sich beim Beschreiben wacker geschlagen (sie sollte ja eher selbst beschrieben werden, so mit dem Stift gezeichnet wie sie ist…), aber als sie jetzt über See und Küste schaut, stockt ihr Beschreibungswille. Also? Welchen Satz würdet Ihr ihr vorschlagen?:
“Obwohl noch früh am Morgen, schien die Sonne schon heiss.”
“Im gleissenden Sonnenlicht gingen die Leute wie im Fieber.”
“ Äusseres Fieber umgab einen.”
“Bleiern lag die See darnieder.” (Typische Projektion von Innerem auf Äusseres)
“Der Morgen war heiss.”

Stimme aus dem Off (getragen):
Hier ist Hotel Naipaula mit der Beschreibung des Tages!
Ornella:
Zu der ich sie auch heute begrüsse! An diesem Morgen war es ganz ruhig und windstill, so dass die Stimmen der vereinzelten Schwimmer weithin trugen. Aber was sie sagten, war trügerisch. Ich musste über das Wort “tragen” nachsinnen und begann, innerlich Beispiele zu sammeln: Mein Rind ist trächtig, ich hoffe, es trägt ein Kuhkälblein? Heute trug ein Heide Häute durch die Heide. Mein Freund betrog mich, das ist Betrug! Opa stammte aus Trogen, er hatte aber Becher und Teller und ass net ausm Trog. In Betragen ne Eins! Er fuhr sehr gerne Tretboot. Nach oben buckeln, nach unten treten. Und die Fremdsprachen? Tramontana, Treblinka, Triglav, Trastevere, Trasimeno, Tragödie, Trubschachen…..
Betrübt (oder traurig?) ging sie mit dem Hund nach Hause. Trallalalla, trallallalera…

Ornellas Familie kommt ursprünglich aus Bayern. Manchmal träumt sie von lebendigen oder toten Schweinen, manchmal auch von am Bier (Etliche ihrer Vorfahren haben als Serviertöchter in Mühldorf am Inn gearbeitet). Aus ihr unerfindlichen Gründen könnte sie für die Weisswürste, die Eva Illouz von ihren Europareisen mitbringt, sterben. (Eva reist ganz alleine, ihre Illusionen hat sie inzwischen verloren). Ornellas Kinder (sie sind alle unehelich) bauen manchmal Sandburgen am Strand. Ornella ertappt sich dann dabei, dass sie die fertigen Burgen mit Neuschwanstein vergleicht, aber Türme und Söller sind lange nicht spitz genug! Eh Erbauer und Beschreiberin sichs versehn, kommt aber irgend son Tourist daher und zertrampelt die Gebilde. Saupreuss, damischer!

An diesem Morgen glaubte Ornella herunten am Strand ein Seufzen zu hören. Gewiss war es die Saison, die in den letzten Zügen lag. Nun gehe ich, um nie mehr, nie mehr wiederzukommen! Nach mir wird eine andere, neue kommen, und wiederum werden die Leute sagen: es war eine schöne Saison! oder: die war garstig! Ein Beweis, dass wir auch Unsichtbares wahrnehmen, denn niemand hat mich je erblickt, und doch arbeiteten und arbeiten noch jetzt viele für mich: Sie kommen aus fernen Ländern, um mir nahe zu sein (obwohl ich genauso bei ihnen zu Hause wäre), sie schuften schon frühmorgens für mich: stellen Sonnenschirme und Liegen auf, verteilen Polster, zurren die Bojen und Freizeitgummis neu fest, breiten Souvenirs aus, decken die Tische, machen die Gulets startklar oder putzen die Gefährte für die Fahrt zum Markt… Ornella hört wieder ein Seufzen, diesmal noch stärker. Was tun all die Leute bis in neun Monaten meine Nachfolgerin ankommt?

Die Sonne brannte auch an diesem Morgen, so dass Ornella am Strand aufs Beschreiben verzichtete und schnell wieder schattige Plätze aufsuchte. Wie die alten Aegypterinnen hing sie nämlich dem Ideal der Weisshäutigkeit an. Waren nicht die Stoas der Antike überdacht gewesen, um Stoikern, Kynikern wie auch Epikureern ein Wandeln im Schatten zu erlauben? Aus genau diesem Grunde trieben es die Platoniker mit den Knaben in überdachten Gymnasien, aus demselben Grunde war selbst noch das Forum Romanum teilweise überdacht. Dort spazierten die Foristen, solange sie net Senatisten waren. Von Oben hatte Ornella gehört, dass die Foristen der Zukunft nicht einmal mehr spazierten, in abgedunkelten Räumen stritten sie mit ihren virtuellen Mitforisten:

“gehts doch kaum noch!
das sind also die berühmten kleinen kinder, die im sandkasten um ihre förmchen streiten.
wenn nicht der gesamte frieden auf der welt auf dem spiel stehen würde, könnte man nur noch müde lächeln und mit dem kopf schütteln.
hätte man sich auf seiten der türkei,USA,saudi arabien, katar usw. rausgehalten aus dingen, die nur syrien angehen, hätte man sich viel sparen können.”

“wer oder was sind assad-apologeten hier im forum?
oder wird man das automatisch,wenn man ihre meinung nicht teilt, bzw. die zweifelhaften berichte von HRW ignoriert?
ich erinnere mich gerne an die lügen von viagra-containern, die man den libyischen soldaten verabreicht hat…”

“Was in dem Videobericht von dem netten französischen Journalisten in Bezug auf die Streubomben erzählt wird ist ja auch wieder der Witz. Ich möchte es nicht gut heißen das solche Waffen eingesetzt werden. Ich heiße keinen Einsatz jeglicher Waffen für gerechtfertigt. Doch hier mal die Realität!! Die USA im Besitz von Streubomben und setzten sie ein. Frankreich und England sind im Besitz von Streubomben und setzten sie ein. Deutschland ist im Besitz von Streubomben und wird, od. hat bereits 70mm Raketen mit Bomblets gekauft um diese in Afg einzusetzen (siehe Medien). Russland verfügt über Streubomben und setzt diese in Tschetschenien ein, usw, usw. Ach ja die Türkei verfügt ebenfalls über Streubomben und setzt diese gegen Kurden ein. “

“Ich bin kein ‘bestimmter Forist’, sondern der User Didi, den Sie gern persönlich auch ansprechen dürfen ☺”

Der phantasiert, der Oben….

Ornella denkt an Rilke (und weiss nicht, dass sie an Hofmannsthal denkt). Auch Gedichte, so sinnt sie, sind dem Verrinnen der Zeit unterworfen, müssten also in der Zukunft – genau wie vor ihrer Geburt – anders ausgesehn haben. Auch sind sie nie frei von Konnotationen. Diese wurden vom Dichter zugunsten einer interlinearen Leseweise, und um in ein Versmass, einen bestimmten Rhythmus, zu kommen, meist weggelassen. Verstehste net? Also ein Beispiel: Lese ich (wir haben Oktober) “Frühling”, so denke ich “Herbst”, na, undsoweiter.
Also versieht Ornella Rilkes Gedicht (ach, Hofmannsthal hats geschrieben) innerlich mit Anmerkungen:

Es läuft der Frühlingswind
Durch kahle (bunte) Alleen,
Seltsame Dinge sind
In seinem Wehn.

Er hat sich gewiegt,
Wo (Gülşens) Weinen war,
Und hat sich geschmiegt
In (Gülşens) zerrüttetes Haar.

Er schüttelte nieder
Akazienblüten (ja!)
Und kühlte die Glieder (Gülşens)
Die atmend glühten.

Lippen im Lachen
Hat er berührt,
Die weichen und wachen
Fluren (Akyarlars) durchspürt

Er glitt durch die Flöte (Muzafers)
Als schluchzender Schrei,
An dämmernder Röte (hier geht die Nacht meist unmittelbar in den Tag über)
Flog er vorbei

Er flog mit Schweigen
Durch flüsternde Zimmer (ich hab aber ein recht laut sprechendes Zimmer?)
Und löschte im Neigen
Der Ampel Schimmer (dumm gelaufen, die stand auf rot)

Es läuft der Frühlingswind
Durch kahle Alleen,
Seltsame Dinge sind
In seinem Wehn. (echt seltsam, ne?)

Durch die glatten
Kahlen (immergrünen) Alleen
Treibt sein Wehn
Blasse Schatten

Und den Duft (Lancôme)
Den er gebracht,
Von wo er gekommen
seit gestern nacht

…Ornella mag Rilke

 

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Mythologie des Alltags: Die Nachrichtensender haben jetzt beschlossen ihre Sprecher nach Sachgebieten einzusetzen

Marc Bator und Jens Riewa = Schifffahrt
Laura Dünnwald = Natur und Umwelt
Anja Chalet = Hochbau und Immobilien
Joachim Hütte = Vorstadtprobleme
Patricia Schäfer = Haus und Herde
Jan Hofer und Klaus Feldmann = ums Haus
Jo Brauner, und Udo van Kampen =Tourismus
Ina Bergmann, Gabi Bauer = Rohstoffe
Wilhelm Wieben, Klaus Kleber, Hans Dieter Poschner = verarbeitendes Gewerbe
Eva Herman = Sex & Genderfragen
Werner Veigel, Johannes B. Kerner = Obstbau
Petra Gerster, Susanne Daubner, Sandra Maischberger und Reinhold Beckmann = flüssige und feste Getreideprodukte
Kristin Otto = Motorsport
Maibritt Illner = Gesundheit
Edmund Stoiber = neuer Korrespondent bei der Dakar-Rallye
Werner Sonne in halbjährlichem Wechsel mit Sarah Winter = Wetter
na und? da kräht doch kein Hahne danach

Mythologie des Alltags: Josephine de Beauharnais (“die schöne Kreolin”)

Sie wird hier nicht wegen ihrer Heirat mit Napoleon Bonaparte erwähnt, sondern wegen ihres sehr poetischen Namens, wegen ihres Lächelns – ihre Abstammung von der karibischen Insel Martinique liess sie Zuckerrohrsirup lieben, wodurch ihre Zähne, naja, verfaulten, weswegen sie beim Lächeln die Lippen geschlossen hielt (Psychologen bezeichneten diese fortan als “Schamlippen”), was ihr ein enigmatisches Timbre verlieh, wegen ihrer Rosenzucht und – last but not least, weil sie über ihren Sohn nicht nur Ahnherrin der meisten europäischen Fürstengeschlechter, Grossmutter Napoleons III. und Vorfahrin des rätselhaften Kaspar Hauser war….
Ihr Geburtsname: ein Gedicht…Marie Josèphe Rose Tascher de La Pagerie, und auch die Namen ihrer Eltern poetisch: Joseph-Gaspard Tascher de La Pagerie und Rose Claire des Vergers de Sannois. Die Rose (sic!) kommt schon in den Namen vor….
Sie heiratete in zweiter Ehe Napoleon Bonaparte, dieser liess sich später von ihr scheiden, weil sie ihm “keinen Thronerben” schenken konnte. Beide hatten Liebhaber und Geliebte während ihrer Ehe… Josephine sagte man nach, sie trüge typisch karibische Charakterzüge: sie sei träge, lasziv und verschwendungssüchtig. Ob man dasselbe von Usain Bolt sagt?
Auf ihrem Alterssitz Malmaison züchtete sie Rosen und empfing hochgestellte Gäste, achtete auch weiterhin eher auf schöne Kleider und Juwelen als auf ihre Finanzen.
Am Tag vor ihrem Tod führte sie den russischen Zaren in einem dünnen Sommerkleid durch ihr Anwesen und zog sich dadurch die fatale Lungenentzündung zu.


P.S.: Ich habe übrigens einiges mit Josephine gemein: ich mochte Bonaparte, ich hab’ schlechte Zȁhne und ich war auch in Peschiera am Gardasee (wo sie wȁhrend einer Schlacht auf ihren ausgezogenen Ehemann wartete).

Mythologie des Alltags: Mata Hari

„Cleopatra had her way, Mata Hari too. Whether they were good or bad, is strictly up to you.“ (Madonna)

Auch Simenon kommt einem in den Sinn, zumal Mata Hari’s Vater Hutmacher war. Wer würde dieses Frollein Zelle, das 1876 im friesischen Leeuwarden geboren wurde, kennen, wȁre die berühmte Spionin und Nackttȁnzerin Mata Hari nicht hingerichtet worden? Mata Hari ist bis heute Teil unserer kollektiven Phantasmagorien, unzählige Produktionen oder Projekte aus Kunst, Film, Musik, Unterhaltung und Kitsch nahmen und nehmen sich bis heute Mata Haris Lebensgeschichte an, spielen auf sie an oder verwenden ihren Namen: Sie kommt etwa bei Asterix und Obelix, James Bond und Indiana Jones vor, Madonna, Ricky Martin, Die Ärzte, Dschingis Khan oder Ofra Haza singen von ihr, Getrȁnke, Musicals, Flipperautomaten und Kneipen künden von ihr…..
Sie ist auch ein gutes Beispiel für das Bild des Orients, das der Westen sich machen wollte, also für den sogenannten Orientalismus: Sie hatte von Geburt an einen dunklen Teint und erfand sich phantastische Geschichten über ihre Herkunft und Ausbildung zur orientalischen Tempeltȁnzerin: Sei es Indien, sei es Ägypten oder Indonesien (wo sie tatsȁchlich war, bloss nicht als Tempeldienerin), sei es Shiva, Ra oder das Auge Gottes, alles musste für ihre kaum verschleierte Erotik herhalten. Aber das Bild, das sie abgeben wollte, war erfunden, war falsch….
P.S. Fanny zu Reventlow ist ebenfalls friesischer Herkunft, ist im gleichen Jahrzehnt geboren, ist mit Erotik beschȁftigt: wen ziehen wir vor?

Mythologie des Alltags: Marco’s

marco

Marco’s ist meine Lieblingskneipe in Turgutreis. Man sitzt – draussen, wie hier meist – gegenüber dem Marktplatz und hat freie Sicht auf Passanten, den Verkehr, die windgezausten Bȁume und die ziehenden Wolkenformationen.
Marco’s ist auch ein weiterer Beweis für die Überlegenheit von Benennung über die Substanz. Den Namenspatron Marco erinnert kaum einer mehr. Er war bestimmt ein Freund des Herakles oder ein von den Bergen herabgewanderter Lelegier. Ich entsinne mich noch der Wirtin Rita, einer fast nur aus Haut und Knochen bestehenden Englȁnderin und ihres Gefȁhrten, einem Mann, der eher schottisch als seldschukisch sprach. Die beiden wurden fast über Nacht nach Kos ausgewiesen, weil sie nicht die richtigen Lizenzen besassen. Wer ist inzwischen der Besitzer? Ich vermute nach wie vor der Viktualienhȁndler an der Ecke, der da in seinem winzigen Kabuff hockt, aber meines Wissens auch ein Hotel besitzt. Mehr sein als scheinen. Das Lokal ist inzwischen umgebaut, der Kellner nach wie vor derselbe. Auch die Musik ist nach wie vor die gleiche, sie wird eingeschaltet, sobald sich ein Gast im Schatten niederlȁsst. So höre ich hier in der Levante “Take on me”, Hello – Goodbye” und, wohl als Zugestȁndnis an den Imam, “God only knows”.
Andere Lokale haben tatsȁchlich mit dem Besitzer auch den Namen gewechselt. Nur wir sprechen immer noch vom “Şapka”, vom Malama-Beach-Hotel, vom Violin Hotel und von “Friends Beach”. Eine andere Institution hat ihren Namen behalten und wird ihn auch in Zukunft nicht abgeben, selbst wenn es Katzen regnen sollte oder die Regierungsform des Landes wechselt: das WC. Zwar sind diese Stȁtten der Erleichterung und des Abgebens weniger geworden – gibt es weniger drangvolle Menschen oder wird nicht mehr so viel getrunken? – aber immer werden wir zumindest ein öffentliches WC haben.
Zurück zu Marco’s. Ich sprach mit Gȁsten, wie sie sich ihn vorstellen. “Er hatte Embonpoint”, sagt der Frankophile; “er war dunkelhȁutig, hatte Schnurrbart, eine kreisförmige Bernsteinkette in der Linken und schaute machohaft drein”, ein Heimischer. “Bestimmt einer der Scheissgriechen!”

Mythologie des Alltags: Der Blaue Peter

Mit Fahnen oder Flaggen hat es irgendwas auf sich. Obwohl als optische Signale lȁngst obolet geworden, mögen wir noch immer gerne Flagge zeigen. Ob ein Schiff in Panama, eine Millionȁrsjacht auf den Bermudas beheimatet ist, erkennen wir sofort an der Fahne im Heck. Zusȁtzlich wird – bei Einfahrt in ein anderes Staatsgebiet – die Flagge des Gastlandes oben aufgezogen. Als wir kürzlich auf der kurzen Überfahrt nach Kos waren, fiel mir auf, dass da ein Mitglied der Besatzung (das einzige?) genau auf der Grenze *smile* die griechische Fahne hisste, bzw. Sie auf der Rückfahrt wieder einholte. Und das trotz Handy, Funk und Radar…
Früher wurde auch ein Flaggenalphabet als optische Verstȁndigung zwischen Schiffen und zwischen dem Schiff und dem Land benutzt. Jeder der bunten Flaggen stand sowohl für einen Buchstaben, als auch für eine bestimmte Botschaft. Der “blaue Peter” (P/ Papa) zum Beispiel wurde im Hafen immer vor dem Auslaufen gehisst, damit die Matrosen beizeiten – woher? – zurück an Bord kamen. Mittels Zeigen der verschiedenen Flaggen hintereinander konnten aber auch Botschaften übermittelt werden (“König Georg ist tot, es lebe Elisabeth II.!), (“Hasse ma ne Mark?”). Zu festlichen Anlȁssen wurden alle Flaggen aufs Mal gehisst (“Über die Toppen geflaggt)

(Die Flagge K/Kilo bedeutete auch “Ich möchte Verbindung mit Ihnen aufnehmen”. Wȁr doch auch an Land was, selbst für Fussgȁnger?)

ICS_Kilo.svg

Mythologie des Alltags: Ornellas Grossvater (aus dem Hotel Naipaula)

Muss Euch noch von meinem Grossvater erzählen, Ornella nu wieder, er fuhr mit dem Velo über den Gotthard, wenn die Bremsen nicht mehr zogen hielt er Grasbüschel zwischen Schutzblech und Vorderreifen. In jungen Jahren war er nach New York ausgewandert, aber seine Frau verzehrte sich nach der Heimat; so ging es mitten im Ersten Weltkrieg per Schiff zurück. Das war gefährlich, Mann!
1936 fuhr er zu den Olympischen Spielen nach Berlin. Muss mir den Hitler mal anschauen. Immer wenn später die Tante sagte, aber er habe doch Autobahnen gebaut und überhaupt sei nicht alles schlecht gewesen, herrschte er sie an.
Im hohen Alter verliebte er sich noch in eine vietnamesische Krankenschwester. Das kam so: ein Auto fuhr ihn auf eisiger Strasse über den Haufen, mit Schädelbruch kam er im Koma ins Krankenhaus, als er erwachte, sah er dieses schöne junge Gesicht vor sich. Er konnte lange nicht sterben, 20 Jahre lang stand sein Sarg bereit im Nebenzimmer, aber die Termiten nisteten sich ein, so starben zwei Särge vor ihm. Wir dachten schon, wir müssten ihn töten lassen. Dann aber schaffte er es mit 99 Jahren und elf Monaten doch noch selbst.
Wir fuhren zu seinem Begräbnis. Er sah winzig und vertrocknet aus, da in der Leichenhalle. Nur sein graues Haar war noch büschelig und voll. Das Restaurant, wo wir nachher “etwas zu uns nahmen” sah aus wie aus einem Marthaler-Stück, es gab Würstchen und Kartoffelsalat.