Mythologie des Alltags: Aimée Mann & Gretchen Seichrist

Wer würde denken, dass es Schwestern sind? Ich fand es nur mit Mühe heraus. Im Wikipedia steht über Aimée Mann nur: sie hat eine Schwester. Gretchen ist die Schwibschwӓgerin von Sean Penn, mit desen Bruder Michael Aimée verheiratet ist. Doch viele Fragen bleiben offen:
– Wer ist die jüngere von beiden?
– Gibt es noch mehr Geschwister?
– Wie war und ist das Verhӓlnis der Schwestern untereinander?
– Treten die beiden auch mal zusammen auf?
– Stimmt es, dass die beiden weitlӓufige Nachkommen der verschwundenen Virginia Dare sind?
– Wer von beiden wohnt nӓher am Hudson?
und was der Fragen noch mehr sind…

Klar ist nur, dass beide Sӓngerinnen sind (Gretchens Band heisst “Patches and Gretchen”), und dass sie sehr verschieden sind. Ich würde (nur nach youtube-Ohren- und Augenschein) Gretchen bevorzugen. Ihre Fans gaben ihr den Titel “the new Dylanette” nach ihrem grossen Vorbild, sie selbst singt mit tiefer Stimme wie ein Verschnitt von Incredible String Band, Patty Smith, Chrissie Hynde und Lou Reed, sie ist als geborene Malerin (“ich SEHE meine Lieder”) sehr farbenfreudig, trӓgt in rascher Folge die phantastischsten Kostüme, hӓlt viel von Performance und Bühnenshow, sprudelt nur so von Ideen (“schade, dass nur so wenige Songs auf eine CD passen”). (aus einer Konzertbesprechung: . “The petite, spritely Seichrist is an ethereal, singular presence with an edge of danger about her, like a forest nymph hiding rows of sharp teeth behind a beguiling smile. Her madcap lyrics, wonderfully odd phrasing, and powerful voice…..”) Aber was ist ihr Musikstil? Indie-Rock? Folk? Hippie? Punk? Eben Patches and Gretchen.

Aimée dagegen: unterkühlt, androgyn (Name! und immer in Jackett mit Krawatte), trotz guten Gitarrenspiels die typische Studiomusikerin, korrekt, melancholisch, auch wunderschön anzuhören…… Ihre Titel, etwa “Save me” (aus dem “Magnolia”-Soundtrack) oder “You do” sind wohl in aller Ohren und Munde?

Die beiden Schwestern müssen inzwischen über 50 sein? Naja, wie alt ist Bob Dylan?

Mythologie des Alltags: Rȁtsel über Rȁtsel

Müde kam Frédéric Chopin eines Nachmittags aus dem Café nach Hause. Heute, chérie, schreib ich mal was ganz Neues! und als er damit fertig war, spielte er es seiner Liebsten gleich auf dem Klavier vor. Aber das tönt ja mal wieder voll nach Chopin! rief George Sand enttȁuscht, immer diese ausgeschmückte Melodik, die mit ihrer freien rhythmischen Entfaltung so deutlich von Vokalen mitgeprȁgt ist! Na und, antwortete dieser hustend (auf französisch natürlich), ich habe die feingliedrigen Fiorituren und die Portamenti des Klaviersatzes eben dem Belcanto abgelauscht! Kannst du uns nicht mal überliszten und ein bisschen brahmsen? Das tun Schubert und Schuhmann doch schon zur Genüge, beim Cherubini! und überhaupt, was verstehst Du schon von Musik? Zigarre rauchen, Mȁnnerkleider tragen und mir nicht gehorchen, dass kannst du! Nimm dir ein Besipiel an Clara Wiek!

Was anderes: woher weiss ein in die Erde gelegter Kern eigentlich, dass er Olivenbaum werden soll? Müde lȁchelt der Botaniker. Die DNS natürlich, sagt er, die hat er doch in sich. Und? Wie kann er sie lesen? Er hat doch keine Augen?

Ich habe auf dem Markt junge Zwiebeln gekauft, die sind unten weiss und oben grün. Das macht das auftreffende Sonnenlicht, sagt der Naturwisschenschaftler milde. Wieder: was ist mit den Augen, wȁr nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt es nie erblicken! Und die Zwiebel hat kein einziges!? Der Stengel nimmt die Wȁrme wahr. Und wieso bleibt dann der Stengel auch in der kühlen Nacht grün? Einmal grün, immer grün, sagt Claudia Roth.

Mythologie des Alltags: Möbelnamen

Heute warn wir bei einem nordischen Möbelhaus und haben eine BücherWAND gekauft! Wie immer bei der Gelegenheit dachte ich – und ich sah es ja vor mir – man müsste auch der Wohnungsausstattung Namen geben. Diesmal sei es versucht: Bett = Malm, Nachttisch = Flört, Matratzen = Ingolf und Bobbin, Laken = Behaga, Kopfkissen = Dickhals,  Decke = Hemmes, Nachthemd = Verhyll, Wecker = Nervnet, Nachttopf = Leck, Spiegel = Akne, Stiefelknecht = Sör, Aschenbecher = Hyst, Waschbecken = Godmorgen, Klo = Arşvoll, Kreativecke = Flygel, Portemonnaie = Skuld, Rollator = Krippel, etc….

Mythologie des Alltags: Hahnrei

Das Wort “Hahnrei” ist wohl die Übersetzung des englischen Begriffs “cuckold”. Wir alle kennen die Redensart “Jemandem Hörner aufsetzen”. Sie mag daher kommen, dass manchmal der sexuell sehr aggressive Hahn beschnitten und zum Kapaun wird. Zum Zeichen werden ihm dann die Sporen wie Hörner aufgesetzt. Das Wort “Hahnrei” meint also, dass eine Ehefrau ihren Mann wie einen Kastraten behandelt. Das ist natürlich Unsinn, denn heutzutage sollte Ehe etwas anderes als sexuelle Treue sein. Aber wusstet ihr, dass “Ehebruch”, also fremdgehen, noch bis ins letzte Jahrhundert hinein bestraft wurde, ja,in manchen Lȁndern – etwa den USA – noch immer wird? Mann und Frau werden auch da sehr ungleich behandelt: Ist ein Mann ein Frauensammler, gilt er als toll, tut die Frau dasselbe mit Mȁnnern, gilt sie als Hure.

Mythologie des Alltags: Das Gelobte Land

Wo ist es? Für 55 Millionen Europȁer war es Amerika. “Miss Liberty”, die Freiheitsstatue, die jedes in New York einlaufende Schiff begrüsste, wurde ihnen zum Symbol. Im alten Russland, in Polen, in Galizien hatten sie Pogrome erduldet, in England und anderen “zivilisierten” Lȁndern waren sie wegen ihrer Konfessionen verfolgt worden, auf Sizilien, in Irland, in Griechenland und im Osmanischen Reich hatten sie gehungert, in Deutschland wurden sie nach gescheiterten Revolutionen verfolgt und ermordet…

Die Emigranten waren bereit, alles zurückzulassen: Heimat, Beruf, oft auch Familie, Sicherheit, alte Gewohnheiten.

Als das gelobte Land von Freiheit und Neuanfang galten besonders die gerade entstehenden Vereinigten Staaten. Ihre Verfassung war noch vor der des revolutionȁren Frankreich entstanden.

Halt: war dieser liberale Rahmen nicht gerade geeignet, alte Gewohnheiten beizubehalten? Und so finden wir in der Neuen Welt oft orthodoxere Juden, radikalere Christen, fundamentalistischere Muslims als in der Alten Welt (Obwohl aus allen Gruppen auch weiterentwickelte Leute hervorgingen, man denke nur etwa an Bob Dylan, Leonard Cohen oder – lach –  Arnold Schwarzenegger. (Joan Baez, Emily Dickinson, Susan Sontag))

Erstaunlich: 55 Millionen liessen damals alles zurück und wanderten aus. Und wir erschrecken über ein paar 100 000…

»Viele wandern aus Trieb und ohne recht zu wissen, warum. Sie folgen einem unbestimmten Ruf der Fremde oder dem bestimmten eines arrivierten Verwandten, der Lust, die Welt zu sehen und der angeblichen Enge der Heimat zu entfliehen, dem Willen, zu wirken und ihre Kräfte gelten zu lassen. Viele kehren zurück. Noch mehr bleiben unterwegs. Die Ostjuden haben nirgends eine Heimat, aber Gräber auf jedem Friedhof. Viele werden reich. Viele werden bedeutend. Viele werden schöpferisch in fremder Kultur. Viele verlieren sich und die Welt. Viele bleiben im Getto, und erst ihre Kinder werden es wieder verlassen. Die meisten geben dem Westen mindestens so viel, wie er ihnen nimmt. Das Recht, im Westen zu leben, haben jedenfalls alle, die sich opfern, indem sie ihn aufsuchen.«
(Joseph Roth über die Ostjuden. Ich denke dabei an Bob Dylan, dessen Vorfahren wohl auch aus Osteuropa kamen. Aber das Zitat gilt für alle Migranten!)

Aber:

Wem gelten die USA heute noch als das gelobte Land?

 

Mythologie des Alltags: Schubert

“Stȁndchen” Franz Schubert

https://www.youtube.com/watch?v=K9MVCsYcmJQ

Leise flehen meine Lieder
Durch die Nacht zu dir;
In den stillen Hain hernieder,
Liebchen, komm zu mir!

Flüsternd schlanke Wipfel rauschen
In des Mondes Licht;
Des Verräters feindlich Lauschen
Fürchte, Holde, nicht.

Hörst die Nachtigallen schlagen?
Ach! sie flehen dich,
Mit der Töne süßen Klagen
Flehen sie für mich.

Sie verstehn des Busens Sehnen,
Kennen Liebesschmerz,
Rühren mit den Silbertönen
Jedes weiche Herz.

Laß auch dir die Brust bewegen,
Liebchen, höre mich!
Bebend harr’ ich dir entgegen!
Komm, beglücke mich!

(Text: Ludwig Rellstab, Interpret: Dietrich Fischer-Dieskau))

 

“Leise flehen meine Lieder durch die Nacht zu dir…”

Nicht ich flehe, nicht mein Lied, sondern “meine Lieder”. Schubert fensterlt. Aber er singt: “Liebchen, komm zu mir”, also nicht er steigt ein sondern sie soll rauskommen. Wir hoffen, sie kommt.

Hach! Wie überwȁltigend romantisch! Es gab schon immer Schlager, nicht wahr? “Komm, beglücke mich!”

Moll ist in dem Lied vorherrschend, mit Ausbrüchen ins Dur. Stets aber behȁlt das Moll die Oberhand. Als wenn eine Sonne nach dunkler Nacht triumphal aufginge – um sich aber gleich wieder in die Schatten zurückzuziehen. “Küsse, Holde, mich!”. Nicht leicht zu singen, diese Übergȁnge ins Dur. Das soll uns Zuhörer aber nicht beschweren, wir haben ja nur zu lauschen. Es ist wie ein Versprechen. Auch Robert Schumann beherrschte diese Technik, höre “Nach Frankreich zogen zwei Grenadier…”. Es bleibt ein Versprechen. Die Erfüllung wird erst einmal verschoben. Doch wenn wir die Wahl hȁtten: “Erlkönig” oder “Atemlos durch die Nacht”?

Mythologie des Alltags: Die Assel

assel

Zur Zeit haben wir hier eine Menge Asseln. Ich weiss, dass sie sich bei Gefahr instinktiv zur Kugel rollen, deshalb ist es leicht, sie im Haus aufzusammeln. Aber was weiss ich sonst über sie? Sind sie Einzelgȁnger oder Gruppenwesen? Wie pflanzen sie sich fort? Haben sie ein Hirn, und wenn ja, was denken sie? “Heute will ich mal in aller Ruhe Futter suchen, aber vorher noch die riesige Betonflȁche hier überqueren!”. Oder: “Was Ralph Waldo Emerson über die Natur sagt, ist doch meisterhaft getroffen!”