Verschwundenes

Der Telegraph

Das “Internet des victorianischen Zeitalters” wurde das Telegraphennetz genannt. Die nötige Spannung wurde nicht selten durch in Reihe geschalteter Ammoniumchlorid-Batterien erzeugt, wurde der Salmiakgeist knapp, konnte auch Urin verwandt werden. Ganz recht: der morsende Beamte im nӓchtlichen Funzellicht war auch hier zugange, oft wurde zum Chiffrieren und Dechiffrieren noch ein zweiter benötigt (Wir hoffen, dass sie immer genug zu trinken hatten).Sich vorzustellen, dass das zum Teil noch nicht einmal drahtlos geschah! Mein Bruder diente bei den Fernmeldetruppen, ihr Motto war nicht mehr das der Kreuzzüge: “Tötet sie alle! Gott wird die seinen schon erkennen”, sondern “Verbindung um jeden Preis!” (Vielleicht diente er ja deshalb bei den Telegrafçıs?). Die Kabelrolle wurde aus dem fahrenden Auto gehalten und wickelte sich dort rasch ab. Anschliessend ans Manöver musste na klar alles wieder aufgerollt werden. Heute genügt vermutlich ein Handy, um ein Armageddon auszulösen?

Verschwundenes

Das Morse-Alphabet:

Was wӓre der Film “Once upon a time in the West” ohne den morsenden Bahnbeamten? In Bodrum morste Teleğrafcı Kemal Einzelheiten über den Feind bis zum eigenen Tod. Kein Schiff sank ohne SOS. Die Punkte und Striche und deren Kombinationen wurden von uns auswendig gelernt und hatten mythischen Charakter. Heute haben wir na klar Handy, GPS und Google-Earth…..

Verschwundenes

Der Brief:

Was schrieb Franz Kafka an Milena und Martha Gellhorn an Hemingway? Tempi passati! Vorbei die Zeit der vielseitigen Briefe, der wertvollen Briefmarken, an denen auch kein Zacken fehlen durfte, der Billetdoux an die Geliebte, die diese nach dem Lesen errötend am Busen verbarg! Wir schicken mal eben ne E- Mail, schreiben auf Facebook oder gehn in den Chat und “sprechen” dort mit wildfremden Leuten aus Wellington oder Urumtschi….. Selbst das (stationӓre) Telephon hat irgendwie ausgedient. Meine Grossmutter ging zur Wand, an der auf Kopfhöhe das Telefon angebracht war, nahm den Hörer ab und sagte: “Schefer hier!” In der Leitung war dann Geschӓftskollege Wellauer aus der Multergasse. Vorbei…

Dafür haben auch die Ӓrmsten auf Haiti oder in Somalia mindestens ein Handy. Das hat Vorteile: werde ich verschüttet oder gehe verloren, wӓhle ich mal eben 911. Flaschenpost? Wer wird denn jahrelang warten? Das Papier überhaupt wird kaum mehr gebraucht. Das wird unsern Wӓldern guttun. Zeitung? Denkste. Packpapier? Das Cargo-Unternehmen verfügt über eigene Plastikbeutel. Klopapier? Wir wischen uns mit synthetischem Hakle-feucht den Hintern ab!

Geographisches

Vassien

Einer unserer Jungendfreunde wurde von uns “Trämli” (Strassenbahn) genannt, weil er oft glaubte, er sei eine Tram. In diesen Momenten ging er nicht, sondern “fuhr” – mit kleinen Schritten versuchte er sich möglichst gleichmässig zu bewegen, beschleunigte dabei ruckweise mit einer imaginären Kurbel und machte Elektromotorengeräusche. Er blieb immer in den Gleisen und hielt nur an Stationen an. Manchmal lief wer vor ihm her, er kingelte dann schrill und stiess Warnrufe aus. “Kannste nicht ausweichen?” rief er dann wohl. “Ich schon, aber du nicht!” erwiderte der Störenfried dann.Wenn er anders gestimmt war, sann Trämli über Vassien nach. Von diesem Land, das nur in seiner Phantasie existierte, zeichnete er eine genaue Landkarte mit Städten, Dörfern, Weilern, Gebirgen, Wäldern, Strassen, Flüssen und den kleinsten Details. Er selbst hielt sich verschiedentlich in einer Eckkneipe der Hauptstadt Vassopol auf. Das Lokal hiess “Zur Frage” (Na Pitanje) und stammte noch aus der Zeit, als Vassien ein Teil des bordurischen Imperiums gewesen war. Nach dem Krimkrieg war selbiges implodiert, die gesamte Einrichtung des Cafés war jedoch aus diesen goldenen Epochen übernommen: die niedrigen Hocker, die achteckigen, fein ziselierten, kurzbeinigen Holztische, der in Messingbleche gepunzte Hirsch mit dem mächtigen Geweih (“Achzehnenender” würde der Waidmann fachmännisch sagen)….Vassien, obwohl eine Fast-Insel, grenzte im Osten an Russland. Das alleine war schon eine Zumutung, dachte Trämli, zumal weite Teile Russlands von russischen Truppen besetzt waren. In guter Obama-Manier wollte Trämli deswegen demnächst Sanktionen verhängen.Der russische Geheimdienstchef war noch nie in Vassopol gewesen, welche ungeheure Provokation würde ein solcher Besuch darstellen! Wenn hingegen CIA-Chef Brennan vor Ort mit hochgestellten Vassiern sprach, krähte kein Hahn danach……Gleich um die Ecke war die römisch-katholische Kirche (in Vassien waren die meisten Religionen und Konfessionen vertreten – sogar die Atheisten hatten in Vassopol ihren eigenen Raum, in dem nur Lubunya gesprochen wurde). Trämli beobachtete von seinem Stammplatz aus, wie der Pfarrer mühselig den Turm bestieg -wäre das nicht des Küsters Aufgabe? – und bei dem Versuch, die Zeiger der riesigen Turmuhr für die Sommerzeit umzustellen, abstürzte und reglos auf dem Pflaster liegenblieb. Das Leben und Treiben der Stadt ging indes ungeachtet dieses Ereignisses weiter seinen Gang. Trämli kannte alle Ecken der Agglomeration und des Landes, er schuf die Bewohner, zeichnete ihre Gesichter; er fällte das Urteil über ihren Charakter, über ihr Temperament und ob ihre Unterwäsche schmutzig war. Über das Schicksal der Leute entschied er ganz allein und fühlte sich dabei einem Schöpfer gleich. Manchmal war ihm das auch eine Last. “Muss ich alles allein entscheiden?” dachte er dann.

Verschwundenes

Die Fensterkurbel: Auf früheren Autofahrten kurbelten wir bei Hitze die Seitenscheibe von Hand herunter. Wehe dem, der das heute versucht! Seine Hand greift voll ins Leere. Stattdessen übernimmt nun der Bordcomputer auf Knopfdruck diese Aufgabe. Aber Vorsicht! Leuchtet eine Warnlampe auf, kann das heissen, dass ein Teil des Wagens kaputt ist, meist aber heisst es nur, dass der Bordcomputer net funzt…..

Hotel Naipaula

“Sind Sie im Fall Gössl und Reder weitergekommen?”
“Nicht wirklich, Lieutenant.”
“Da soll ein Mensch dahinterkommen, wie Sie eigentlich Ihre Fälle lösen…”
“Manchmal gehe ich, ohne zu verstehen warum, in eine Synagoge. Ich habe dann ein Gefühl von Geborgenheit, auch wenn ich nicht genau weiß, was gebetet wird. Aber die Gesänge gefallen mir. Ich denke oft, über ein Ritual kommt man zu den Dingen, nicht umgekehrt.”
“Wenn ich nur wüßte, ob Sie sich über mich lustig machen, Poacher….”

Verschwundenes

Die Souffleuse und der Souffleur: Nun haben wir den Teleprompter. Davon wird alles abgelesen. Vorbei die Zeiten, als im Theater aus dem Souffleurkasten Hilfe kam. Die Huckedohle kam extra als Souffleuse auf unsere Wintertournee mit und half uns über alle Textklippen von “Next time I’ll sing to you” und “Woyzeck”. Zugegeben: bei entscheidenden Sӓtzen wie “ich sterbe!”, “ich komme!” oder so war der Blick zum Bühnenrand kontraproduktiv. Das aber ist heute beim Prompten net anders. Eben versagte für die TV-Nachrichtensprecherin der Teleprompter (vielleicht hatte sich ein Mistkӓfer in die Maschinerie eingeschlichen? Sie sehen, ich stelle mir den Teleprompter noch mechanisch wie den “Rolling Title” vor). Sofort war sie stumm wie ein Fisch. Wahrscheinlich hatte sie im Privatleben noch nie vom Bundeswulff gehört?