Mythologie das Alltags: Ein Gedanke zur deutschen Nationalhymne “Einigkeit und Recht und Freiheit”

Warum heisst es “Einigkeit” und nicht “Gleichheit”? Naja, die Silben würden stolpern. Naja, das Lied stammt ja aus dem späten 19. Jahrhundert, als Deutschland noch in Kleinstaaten zerfallen war (Komisch, dass Einigkeit für Jugoslawien nicht mehr gilt). Naja, “Deutschland, Deutschland, über alles” ziemt sich ja nicht mehr laut zu singen.

Also, ihr Guten: seid einig mit denen, die ungefähr 153mal soviel wie ihr verdienen, ob in der Fussballmannschaft oder im Aufsichtsrat (ein Mercedes-Aufsichtsrat verdient ungefähr 8 Millionen Euro im Jahr. Naja, ist ein paarmal mehr als ein Mercedes-Arbeiter nach Hause bringt. Vom Aufsichtsratvorsitzenden reden wir hier nicht.
Seid einig mit denen, die landauf, landab den neuen Antisemitismus predigen!
Seid einig mit den Dieben und Bestechlichen, ob auf dem Kiez oder in der Politik!
Seid einig, ihr Männer, mit den Frauen, die ja eigentlich nur bessere Möbelstücke sind….
Seid einig, einig, einig!

Streitkultur, aber mit Gleichheit: das wär doch was?

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Mythologie des Alltags: Landkarten

Landkarten – oder warum es Bielefeld wirklich nicht gibt

“We are such stuff
As dreams are made on; and our little life
Is rounded with a sleep” (William Shakespeare)

“The content of every medium is always another medium” (Marshall McLuhan)

“Jede Landkarte erfüllt ein Versprechen und verbirgt eine Lüge. Die Kartographie behauptet, die Realitӓt abzubilden, auf dass der Kartenleser sich in der Welt zurechtfinde. Doch es gibt Karten ausschliesslich, weil ihre Schöpfer die Wirklichkeit manipulieren, und sei es zum Beispiel auch nur, dass sie entscheiden, was auf der Karte zu sehen ist. Landkarten zeigen immer etwas Wahrheit, aber nie die ganze. Wenn der Zeichner bekannt ist, ist auch bekannt, was die Karte zeigt – und was nicht…” (Frank Jacobs)

Schon immer haben mich Landkarten fasziniert. Ich kann mir dann die Gegend vorstellen. Wohl aus diesem Grund hatte Jürgli Berger, der ein wenig eigen war (wir nannten ihn “Trämli”), Vassien gezeichnet, samt Städten und Dörfern, Strassen und Eisenbahnen, Wäldern, Wiesen, Bergen und Tälern, Flüssen und Seen. (Mittelerde kennen ja die meisten von uns).
In jedem zweiten Onlinespiel bewegen wir uns auf Karten imaginärer Gegenden.
Es gibt im Internet-Pläne von allem und jedem, zum Beispiel eine grafische Darstellung von Rockkonzerten in Manhattan oder welche TV-Serie in welchem Bundesstaat angesiedlet ist (“In plain sight” = New Mexico), etc.:
http://bigthink.com/blogs/strange-maps
Ich bewundere im Internet die Stadtpläne eher unbedeutender amerikanischer Orte wie Sandwich am Cape Cod, sehe dort selbst die Strandpromenade, den Mill Creek und die Meerestiefen vor der Küste (wobei mir nicht klar ist, ob es sich bei den Zahlen 27, 31, 35 um Meter oder Fuss handelt….), ich liebe es, mir eine fiktive Hafenkneipe auf einem alten Stadtplan Barcelonas vorzustellen, ja, ich bevölkere sie sogar und lasse darin Lieder singen (“wo man singt….”); höre ich eine neue Nachricht aus dem unteren Kongolauf, schaue ich mir die geographischen Gegebenheiten auch auf Google-Earth an.
Da wären wir bei Google-Earth. Ich finde auf dem Monitor unser Haus mit dem Wagen davor, so nahe kann ich heranzoomen. Ich zoome mich weg, bis ich die ganze Erdkugel im leeren Raum schweben sehe (Wir sagten als Kinder oft: Die Welt geht unter! aber dann erschrocken: Wohin geht sie unter?)
Aber halt: den Lada haben wir schon vor drei Monaten verkauft. Er steht schon lange nicht mehr vor dem Haus, sondern fährt die Rohre des Klempners durch die Gegend. Wann werden die Photos für Google-Earth eigentlich aktualisiert? Ich sehe – genau wie beim Sternenhimmel – ein Bild der Vergangenheit. Und: ich sehe ein Bild! Wie schön ist es! Aber es ist nur ein Verzeichnis von Pixeln, letztlich auf nur zwei Ziffern, Null und Eins, beruhend. („Das Descartesche Ordnungsideal distinkter Begriffe, der Neuzeit eingeschrieben in der reduktionistischen Eleganz des Dualismus, findet seine Vollkommenheit im binären Code von Null und Eins. Zum Datenformat aller Informationen und sinnlichen Oberflächen universalisiert, bildet das denkbar klarste Zeichenprinzip – Nichts und Etwas, Sein und Nichtsein – das signifikante Fundament des elektronischen Universums. Eine Genesisvariation, machtvoll und unsichtbar.“)
Niemand würde auf die Idee kommen, das Verzeichnis aller Adressen von Bielefeld, die “Gelben Seiten”, für die Stadt selbst zu halten, oder? Warum halte ich unwillkürlich die Vogelschauansicht von Bielefeld für das wahre Bielefeld?
Wirklichkeit schauen! Ich setze mich dazu mitten in Bielefeld in ein Strassencafé und bestelle einen Cappuccino. Nun soll jemand behaupten, das sei net wirklich!! Die Kellnerin hat kurzes, blondiertes Haar und ein Piercing im Nasenflügel. Vielleicht hat sie ein Tattoo auf dem Rücken, womöglich eine Landkarte? Der Verkehr fliesst, die Passanten schlendern an den Schaufenstern von H & M vorbei, manche mit Tüten in der Hand, manche mit den Blagen daran. Pralles Leben!
Aber ach. Der Stuhl, auf dem ich sitze, wurde vor Zeiten von einem Tischler gefertigt. Dieser Tischler brauchte natürlich ein Haus für sich und seine Familie, um leben, um arbeiten zu können. Es ist irgendwo in den Aussenbezirken der Stadt gebaut worden. Der Architekt wurde später zum Alkoholiker, als er keine Aufträge mehr bekam, wanderte er nach Albuquerque aus. Er hatte gehört, dass es da noch mehr Säufer gebe. In Bremerhaven auf der “Alten Liebe” verlor er kurz vor dem Einstieg in den Dampfer seinen Schlüsselbund. Ich fand ihn und entrostete ihn mit Säure…….Der Kaffee in meiner Tasse musste irgendwann am Strauch irgendwo in Übersee, sagen wir Yucatan, entdeckt und dann dessen Beeren systematisch angebaut und nach Europa verschifft werden. Dort wurden sie in der Kaffeerösterei Illy in Triest (oder anderswo, Bremen vielleicht?) nach Geheimrezepten verarbeitet. Die Rezepte schrieb der alte Herr Illy kurz vor seinem Ableben auf, das Papier dazu kam….aus Catania? Von den Schiffen und wie sie gebaut wurden, wollen wir erst gar nicht anfangen. Jeder noch so kleine Gegenstand, jedes Gebäude hat so seine ganz spezielle Geschichte. Was ich hier für krude Realität halte, wären also nur Spuren der Vergangenheit?
“Spuren sind Medien: sie vermitteln zwischen An- und Abwesenheit. Obwohl sie selber der Gegenwart angehören, ist ihre Anwesenheit ganz und gar abhängig von der Abwesenheit von etwas anderem” (Wer hat das nochmal – wann? – gesagt?)
Mein Kaffeehausstuhl ist also nur die Spur, die Hinterlassenschaft eines Tischlers, der vielleicht ja schon tot und auf dem Stadtfriedhof begraben ist? (Sein Neffe pflanzt grad eben Levkoien auf sein Grab). Und all das pralle Leben um mich: nur Spuren! Unversehens geht der Raum in Zeit über. Endlich verstehe ich Wagners pathetische Worte: Zum Raum wird hier die Zeit! Bielefeld, wenn es denn existiert, ist also unsichtbar. Es war einmal – vormodern – eine blosse Wiese, über die eine Mücke flog….
Ein anderer Gesichtspunkt: Bilden Landkarten tatsächlich die reale Gegend ab? Zahlreich waren in den vergangenen Jahrtausenden die Versuche, Welt abzubilden. Man weiss, dass es auch heute noch mindestens drei Arten der Kartographie gibt, wobei wir uns am meisten an Mercator gewöhnt haben. Da stimmt es am Äquator (wohl), doch Nowaja Semlja ist ins Übergrosse verzerrt, und von den Polen wollen wir gar nicht erst sprechen. Müssen wir ja auch net. Wer kommt schon zum Nordpol? Den Weg ins Fussballstadion weiss ich eh auswendig….
Sind also geographische Karten ähnlich wie Historie eine blosse Fable Convenue, haben wir uns auf eine Version geeinigt?
Und: wer sagt mir überhaupt, dass ein Meter wirklich ein Meter lang ist? Von der Zeit kennen wir es besser: wie unterschiedlich lang kann eine Minute sein!
Also gibt es ausser dem Zoom bei Google auch noch andere Zooms? Den Soziologie-Zoom etwa: Ganz Gallien, ehm, ganz Deutschland liegt im Kapitalismus, ich kann mich aber bis an den Hartzer heranzoomen. Oder den Psycho-Zoom, den Bequerel-Zoom und welche andern noch immer…..
Jetzt lasse ich mal meine Einbildungskraft spielen: Der Feind will “uns” erobern. Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch, sagte doch schon Fritz Hölderlin. Wir setzen erstmal die GPS und auch Google-Earth und Ähnliches ausser Kraft. Dann ziehen wir alle Strassenkarten und Atlanten ein. Dann baun wir alle Wegweiser ab oder ändern ihre Richtung. Dann montieren wir sämtliche Strassenschilder und Hausnummern ab. Endlich lassen wir Einbahnstrassen auf freiem Feld oder im Kreisverkehr enden. Wir selbst wissen ja den Weg zum Bäcker und anderes, was wir brauchen. Aber ich möchte wohl sehen, welcher Fremde dann Bielefeld noch findet!

 

Unterschwellige Sympathien

Wallis

Seit langer Zeit, vielleicht zeitlebens, habe ich Vorlieben. Unabhȁngig von Fakten – die immer auch wichtig sind – habe ich manche Menschen und Dinge ins Herz geschlossen. So etwa Juden. Bin ich selbst einer? frage ich mich oft. Vielleicht waren meine Vorfahren welche? Aber egal ob es meine Patenonkel Hans und Franz, ob es Theodor Wiesengrund Adorno, ein Keller im “Abaton”, eine alte kartenspielende – und inzwischen gestorbene – Dame namens Lika (“rira bien, qui rira le dernier”), Bob Dylan, Karl Marx oder irgendwer (naja, Liebermann nehme ich mal fast aus) ist, ich betrachte sie mit Wohlgefallen. Dann die Russen! Bin ich nun ein Putinversteher? Zum Teil durchaus. Russische Literatur! Aber auch das Bȁuerchen oder der Weltkriegsoffizier…..

“Keine Höhen, keine Tiefen spürt/ wer echte Russenadler fliegen liess” (Zwetajewa) Das hat sie uns wohl voraus. Aber Schweizer? (naja, die Walliser “Treize Etoiles”-Fahne……..) oder Deutsche? oder Türken? Sagen wirs auf Heinemannsch: Ich liebe keine Nation, ich liebe meine Frau!