Mythologie des Alltags: Das Gelobte Land

Wo ist es? Für 55 Millionen Europȁer war es Amerika. “Miss Liberty”, die Freiheitsstatue, die jedes in New York einlaufende Schiff begrüsste, wurde ihnen zum Symbol. Im alten Russland, in Polen, in Galizien hatten sie Pogrome erduldet, in England und anderen “zivilisierten” Lȁndern waren sie wegen ihrer Konfessionen verfolgt worden, auf Sizilien, in Irland, in Griechenland und im Osmanischen Reich hatten sie gehungert, in Deutschland wurden sie nach gescheiterten Revolutionen verfolgt und ermordet…

Die Emigranten waren bereit, alles zurückzulassen: Heimat, Beruf, oft auch Familie, Sicherheit, alte Gewohnheiten.

Als das gelobte Land von Freiheit und Neuanfang galten besonders die gerade entstehenden Vereinigten Staaten. Ihre Verfassung war noch vor der des revolutionȁren Frankreich entstanden.

Halt: war dieser liberale Rahmen nicht gerade geeignet, alte Gewohnheiten beizubehalten? Und so finden wir in der Neuen Welt oft orthodoxere Juden, radikalere Christen, fundamentalistischere Muslims als in der Alten Welt (Obwohl aus allen Gruppen auch weiterentwickelte Leute hervorgingen, man denke nur etwa an Bob Dylan, Leonard Cohen oder – lach –  Arnold Schwarzenegger. (Joan Baez, Emily Dickinson, Susan Sontag))

Erstaunlich: 55 Millionen liessen damals alles zurück und wanderten aus. Und wir erschrecken über ein paar 100 000…

»Viele wandern aus Trieb und ohne recht zu wissen, warum. Sie folgen einem unbestimmten Ruf der Fremde oder dem bestimmten eines arrivierten Verwandten, der Lust, die Welt zu sehen und der angeblichen Enge der Heimat zu entfliehen, dem Willen, zu wirken und ihre Kräfte gelten zu lassen. Viele kehren zurück. Noch mehr bleiben unterwegs. Die Ostjuden haben nirgends eine Heimat, aber Gräber auf jedem Friedhof. Viele werden reich. Viele werden bedeutend. Viele werden schöpferisch in fremder Kultur. Viele verlieren sich und die Welt. Viele bleiben im Getto, und erst ihre Kinder werden es wieder verlassen. Die meisten geben dem Westen mindestens so viel, wie er ihnen nimmt. Das Recht, im Westen zu leben, haben jedenfalls alle, die sich opfern, indem sie ihn aufsuchen.«
(Joseph Roth über die Ostjuden. Ich denke dabei an Bob Dylan, dessen Vorfahren wohl auch aus Osteuropa kamen. Aber das Zitat gilt für alle Migranten!)

Aber:

Wem gelten die USA heute noch als das gelobte Land?