Mythologie des Alltags: Tozeur, Sahara

Das Filmteam des Englischen Patienten ist bei den Einwohnern unvergessen. Bordel, ces mecs! In unserem Reisebus ist jemandem schlecht. Der Chauffeur hält beim Frisiersalon kurz vorm Ortsende. Hierzulande, sagt Sami, der Reiseführer, ist der Friseur zugleich Arzt, Therapeut Aufklärer, Hochzeitsmakler, Brautputzer. Mich überkommt ein Verlangen nach Depilation. Das zwickt an manchen Stellen. Der Bus fährt inzwischen ohne mich weiter. Ich habe Zeit und lasse mir im selben Arbeitsgang den Rücken tätowieren. Was soll es sein? Ein Lokal, vielleicht das Café Nast, wo die Stühle blaugrün gepolstert und die Deckchen weiß sind. Dort sitzen die Leute wie in Eisenbahnabteilen. Nur logisch, denn das Café rast unvorstellbar schnell mit der Erdumdrehung mit. Glücklicherweise fährt der Bürgersteig auch mit, die Straße mit den Lieferwagen, der Comic-shop, das Dreifarbenhaus, die Stiftskirche. Aber keiner schaut nach draußen. Jeder einzelne liest in einem Buch des Schweizers Stauffer. Dort sind die Fußnoten länger als der Haupttext. In einer Art Foxtrot-Rhythmus blättern die Leute zwei Seiten vor, eine zurück, zwei vor, eine zurück. Killing me softly. Ich bin schon vorsichtig, sagt der Tatoo-Mann. Die Leute im Café leiden etwa an Staublunge, Arteriosklerose, Hüftluxation oder Ulkus. Indem sie auf meiner Haut ins Bild gebannt werden, ist auch ihr Leiden stabilisiert. Voilà, sagt der Berber. Ich freue mich auf den Sommer, wenn ich mich am Strand bäuchlings hinlegen werde. Die Leutesollen was zum Schauen haben.