Das Bordell und der Richter

Uns wurde die folgende Geschichte erzählt: Neben einer Moschee (wir könnten hier ebensogut Kirche oder Tempel einsetzen) sollte ein Bordell erbaut werden. Der Imam und alle Gläubigen baten Gott, dieses Vorhaben zu verfluchen. Kurz vor Vollendung des Hurenhauses kam ein verheerender Sturm und zerstörte das Gebäude. Daraufhin verklagten die Bordellbetreiber das Gotteshaus. Der Imam wies jeden Eingriff Gottes weit von sich. Der Richter schwitzte fast Blut, als er ein Urteil sprechen sollte: “Ist es nicht seltsam, dass die Ungläubigen ein Wirken Gottes vermuten, die Gläubigen das aber bestreiten?”

Liao Yiwu im Hotel Naipaula

Vorübergehend wohnt Liao Yiwu im Zimmer 13xx. Er kann jeden Augenblick wieder verschwunden sein, denn er ist Wanderschriftsteller. Normalerweise wandert er in den chinesischen Provinzen Chengdu oder Yünnan, nur wenn er ausnahmsweise die Ausreisegenehmigung erhält, ist er im Hotel Naipaula zu finden. Auch er gibt dann Seminare, aber nicht, wie Annie, nur für den Beschreiber. Alle kommen sie, die sie am Erzählen interessiert sind….

“Es gibt so viele Geschichten, dass man sie niemals alle wird aufschreiben können”, ist sein Credo, “man muss im Grunde einfach nur losziehen, und schon erntet man Geschichten!”

Ob dieses Aufschreiben nicht gefährlich sei?

“Wenn man von einer Giftschlange gebissen wird, gibt es ein Serum dagegen; wenn man von einem Menschen gebissen wird, kann einem nicht geholfen werden.”

Ob er nicht von den vielen Geschichten genug habe und sich manchmal nach etwas eigenem sehne?

“Ich habe ja zwei Dinge aus meinem Vagabundenleben: Trinken und Musik machen.”

Und ob er zensiert werde?

“Der Berg ist hoch und der Kaiser ist weit!”

Ob es ausserhalb des Hotels Naipaula noch eine Poesie des alltäglichen Lebens gebe?

“Davon schreibe ich ja. Ich werde keine der Geschichten, die ich aufgeschrieben habe, je vergessen. Ich rufe mir aber ständig in Erinnerung, dass ich keinen Deut über den Menschen, die mir da draussen etwas erzählt haben, stehe. Ich bin genau so arm und winzig wie sie. Ich mache meinen Job, verdiene mir meine Reisschüssel, das ist alles, was es dazu zu sagen gibt.”

Ob er Erinnerungen an seine Zeit im Gefängnis habe?

“Ich habe das Gefühl, dass diese Dinge mir zunehmend entgleiten, wie bei einem kleinen Kind, dem irgendwann sein Lieblingsspielzeug ins Wasser fällt. Es treibt davon, und es kann es nicht mehr herausfischen, aber das Kind bleibt noch lange am Ufer stehen und sieht ihm nach, oder läuft am Ufer entlang, neben dem davontreibenden Spielzeug her…”

Absichten für die Zukunft?

“Wartet nur, bis ich einmal niemandem mehr etwas schuldig bin, dann ziehe ich mich hierher zurück, übe mich in Kalligraphie und gebe Euch Seminare über Schönschrift.”

Verschwundenes

Die Cutterinnen

Stumm sassen sie vor ihren Schneidemaschinen, je eine Hand auf den Spulen rechts und links und gekonnt schnitten sie das braune Band des Films in Stücke. Nur manchmal wurden sie vom Chefredakteur nach unten in die Kantine geschickt um Nachschub an “Cutty Shark” zu besorgen. Sie soffen auch selbst wie die Löcher. Frãulein Neubauer sah nicht unhübsch aus, hochaufragend wie sie war, nur vom langen Sitzen hatte sie etwas von einem Speckgürtel um die Hüften. Gerade war sie die Favoritin vom Boss und wurde nicht selten in sein Büro gerufen. Der Film blieb dann unbeschnitten. Ein ewig langer Take wie “Weekend” von Godard. Katastrophe.

Das sind nur wenige Beispiele. Mehr und mehr Sachen werden verschwinden. Und das so lange, bis einer am Meeresgrund den Stöpsel findet und die ganze Welt auslaufen lӓsst.

Verschwundenes

Der Schaffner

“Limelimelim, Elektrisch kommt,

Schaffner muss sich plagen.

Wer noch 20 Pfennig hat,

der steigt in den Wagen…”

Früher fuhr im jeder Tram, im Omnibus, im Trolleybus, ein Schaffner mit. Er kam zu dir an den Platz und kontrollierte oder verkaufte Billets. An der Decke des Wagens war eine Schnur gespannt, wo immer er auch war, konnte er daran ziehen, dann klingelte es vorne beim Fahrer und der wusste, dass er weiterfahren konnte. Später sass er hinten in einem eigenen Kabuff und man konnte nicht ungerupft an ihm vorbeikommen. Dort war dann noch später eine Entwertungsmaschine, in deren Schlitz man sein Billet steckte. Lösen tat man beim Fahrer. Noch später wurden die Orte, an denen man Fahrscheine erwerben konnte, nach aussen verlegt. Man verbarg sie immer besser, auch wurden sie automatisiert. Wehe, du kamst in einer fremden Stadt an und suchtest diese und hattest womöglich das nötige Kleingeld in der fremden Währung nicht!

In Prag haben wir einmal lange nach diesem Ort gefragt, aber niemand wusste was. Man verpasste die Bahn oder den Bus, man irrte herum. Im Bahnhof meiner Träume (es ist der S-Bahnhof Hamburg-Harburg) musste man treppauf treppab zum Bahnsteig und wieder hinunter in die Halle und kreuz und quer. Kam man endlich zum Schalter mit der Ticketvergabe, war dieser meist wegen Bauarbeiten geschlossen. Derweil fuhr die Bahn schon über die Elbe…

In Ravenna nannten wir einen Bus-Schaffner nur “Sempre io”, weil er schwach im Kopfrechnen war und wusste, wenn er unsere wartende Gruppe sah, dass er gleich 38 mal 750 Lire und dreimal 1000 ausrechen musste. “Immer ich!”, rief er dann.

In Belgrad schätzte der Busfahrer die Schlaglöcher. Warum? Die Schaffnerin war ein junges Mädchen in Jeans und Bluse. Mit einem Packen Geldscheine in der Hand (Inflation!) schwankte sie den Mittelgang entlang und bediente. War ihre Arbeit getan, setzte der Fahrer sie mit dem Rücken nach vorn aufs Armaturenbrett und bretterte (sic!) die Allee hinunter, so dass ihr Busen vor seiner Nase tanzte. Konnte er die Strasse überhaupt noch sehen? Frage nicht.

“…Kathrin ist noch klein,

Die steigt ganz hinten ein,

Monika ist schon gross,

Die fährt von vorne los…”