Kehre wieder!

kehre wieder

 

„kehre wieder, kehre wieder, o sulamith. kehre wieder, dass wir dich schauen!“

(hohes lied salomons)

 

ich musste da raus

aber erst heute will ich es wahrhaben

 

  1. im schwarzen walfisch

 

günter, mit seinem rotschwazen dreitagebart und den dicken brillengläsern, die stets beschlugen, wenn er gegen zehn vom kino kam – er sah dann ungefähr einer eben dem antarktischen meer enttauchten robbe ähnlich – war unser chefideologe. bernd, spitzmundig lächelnd und seine pfeifenrauchende dorit, anna, seifigen gesichts nach ihren entfallenen kontaktlinsen suchend,  mit dem langen hans, christoph im beigen manchester-blazer, franziska ganz durchsichtig leuchtend, micha der fassbinder-cowboy und verbalanarchist und ich am stammtisch. erst um fünf minuten vor vier legte kurt der wirt „spanish eyes“ von james last auf. immer wartete er langmütig, bis gegen halb fünf der letzte von uns heimzog. und uli, ja uli der kellner. „halben russen oder currywurst? ich hab da noch n stapel deckel von dir….“. wir engagierten ihn als kolummnisten für die marburger blätter.

ich, noch unberührt, micha noch nicht beim film, franziska noch nicht dozentin am politologischen, christoph noch nicht staatssekretär, hans noch nicht lindenstraßen-produzent, bernd noch nicht chefpsychologe in düsseldorf, günter noch nicht tot. nur anna war schon sie selbst. und das lange bevor es punks gab. ab und an ergänzen sir, der pfarrer, giesenfeld und kühnl unsere marathondiskussionen. der mehrwert. proseminar eins. strukturwandel der öffentlichkeit. die nazis unter den professoren. haut dem reichel auf die eichel! schlug anna vor

haut dem hans auf die glans! die vergesellschaftung des historischen instituts. der muff unter den talaren….. ach ja, und engelchen, angelika engel mit namen, engelchen hatte langes blondes haar und isisaugen, sie glühte für marx und ich glühte mit.

 

  1. frühe kämpfe

 

der weg vom wal nach hause führte, erst einmal am louisa-bad vorbei, durch ein niemandsland von brauereinebengebäuden. links am berg hingen die wintergartenterrassen des café vetter wie lamaklöster in der bleichen luft. wir beschrieben schlangenlinien auf dem bürgersteig oder wir gingen zu dritt nebeneinander auf der straße. natürlich waren wir kämpfer der 129. oder der XI. internationalen brigade –„mourir à madrid“-, natürlich waren wir kommandanten: „el lobo“, general kléber oder maté zalka. wir sind gekommen, dich zu verteidigen, als ob es die hauptstadt eines jeden von uns wäre! sagten wir. madrid an der lahn schwieg. nur die vögel sangen schon im holunderbusch. der weg war hell, unsere kommandos hingen wie gotische spruchbänder der nahen e-kirche in der luft. trocken sagte der bauzaun neben uns: no pasaran! und: killroy was here.

unsere zimmer, nr.36,37,38, lagen im haus übern hinterhof am kanal.  es war einmal ein puff gewesen. die stadt schlief. wir hatten noch nicht genug.

 

  1. biotop

 

oft nutzten wir michas zimmer, es war das größte. meistens waren keine briketts mehr da. auf der korinthischen holzsäule saß der große teddybär. die kalten roth-händle-rauchschleier hingen noch unterhalb des kapitäls. wir hingen auf dem bett oder auf kissen. der boden war mit  schwarzen schallplatten übersät. auf dem plattenteller: under the boardwalk. wir sahen kaum, wie am fenster über dem kleinen kanal die schwarze martina sich auszog. war sie nicht grade vom mediziner-fachschaftsball gekommen? ja, wir hatten alle drei mit ihr getanzt. reihum. schon dreimal hatte man ihr fahrrad geklaut, so dass sie es jetzt bei uns im hinterhof unterstellte. das testbild flackerte schnarrte laut  und  rauschte dann grau. der morgen graute auch. entschlossen sprangen wir auf, micha zog das kabel, ich öffnete das fenster und günter warf den fernseher im bogen in den kanal. die algen sollen ihn fressen! martina hatte uns verfolgt, hing im bh am fenster,die augen tellergroß, lachte. ihre brauen trafen dabei über der nasenwurzel zusammen.

 

  1. die mensabrücke

 

wir waren jung und wir waren jahrhunderte alt in einem. wir studierten. uns gefiel das bild der alma mater, an deren brüsten wir hingen. wir warfen mit steinen. an der äußersten kante der avantgarde. mittags die vollversammlungen und nachts die rekapitulationen. dazwischen lag die mensabrücke. auch im kino waren wir frühabends noch gewesen. james bond lehnten wir scharf ab, das war postfaschistische volksverdummung! wir liebten sergio leone, franco nero, klaus kinski als pokerspieler, für eine handvoll dollar für eine handvoll mehr. dann ein senfei oder eine boulette, und unter den sternen über die brücke, ein fries von wotruba im dunkleren blickwinkel. die heisere stimme rudi dutschkes sang in der luft. wir grinsten über fritz teufels erigierten penis – mach ma klein! hatten die kommunekinder gerufen -und unter uns, da waren sie: lange gewesene welten, sibirische lager, dekabristen, indios, hereros, baumwollpflücker, der zug der armenier, kamenew, janis joplin – und ein nomadischer teppich von samtenem flor, auf dem damhirsche weideten und lotosblüten sich öffneten. die beiden typen in uns trennten sich mitten über dem fluss. einer ging und tippte statements in die schreibmaschine: … verständlich wird dies nur unter aspekten, die man gewinnen kann, wenn man die prämissen wandelt auf denen fußend man eine solche analyse gewinnt….., der andere trieb auf dem teppich, nackt, die glieder kreuzförmig ausgestreckt, die lahn hinunter weit über die mündung hinaus.

 

  1. spiegels lust

 

die kurzen sommernächte sahen uns auf den wiesen, eine hingelagerte gruppe beim wein. über mir die haare der berenice, ringsum kaum hörbare worte, unsichtbares lächeln, glosendes feuer. einige repetierten “next time i’ll sing to you” von saunders, günter dozierte, verena hatte die geige mit, franziska hielt sich mit ihrem freund abseits, glühwürmchen gabs keine, geräusche kaum, die autos parkten im waldsaum. schüchtern küsste ich eine der zwillinge. war es gabi, war es michi? sie hielt mich fest und schwieg. selbst der duft des nackenhaars verriet das geheimnis nicht. es war in spiegelslust, am frauenberg oder bei den dammmühlen oder am elisabethbrunnen oder hinterm schloss, wo wir später in der falschen richtung die einbahnstraße nach hause nehmen würden. wir fanden in ein traumbewußtsein, unangestrengt, ohne ortssinn, ohne folgen. solche freundschaft verlorst du fürs leben. erinnerten wir uns daran? verabredeten wir uns? wo waren wir? die nacht, silbern und makellos, ohne gesicht, gelassen hütete sie ihre adepten. verweile doch, du bist so schön.

 

  1. sine sine

 

unsere zeitung hieß sine sine, die radikale mitte, ein quartblatt in foto-offset hergestellt. der drucker wollte bei jeder nummer hinschmeißen, so oft und so spät disponierten wir um. ich war anzeigenleiter, die clichées stellte ich selbst her: Besohlei Schumachermeister Sütterlin, Kammer-Lichtspiele, Parterre 1.60, Rang 2.50, ne scharfe Sache: Willes Paprika!, Studenten treffen sich in der Milchbar Garbelotto, …und abends in die „Eden-Bar“!, The original five blind boys of Mississippi, Mit LUST ins Parlament!, nicht nur nach 1 Uhr: in den Wal …… bei studentischen wahlen gabs ganzseitige anzeigen von der hsu, dem sds, dem rcds, der lust-fraktion. bohl und die korporierten überzogen uns mit prozessen. ehrabschneider! das wort mussten wir nachträglich schwärzen. opitz versorgte uns mit schrägen grafiken und siegfried pausewang schrieb sein gedicht von der dunklen kuh. ich kanns noch heute. “das gelbe laub erzittert/in einer dunklen kuh/ die hält sich mit puder und quaste/ den faltigen hintern zu…”. einmal im monat hieß es legen: in der redaktion am schneidersberg trafen sich alle zu später stunde und wir liefen blattpickend rund um den tisch, wo die frischgedruckten stapel aufgereiht lagen. eine runde – eine nummer. abheften, fertig. wir hatten uns von den hochglänzenden “marburger blättern” abgespalten, weshalb die hälfte der artikel insiderfehden waren, die natürlich im walfisch mit den kontrahenten hitzig vorbesprochen waren. monatlich wuchs unser defizit. jede nummer war ein schwanengesang. am nächsten tag würde schreiverkauf auf der mensabrücke sein. dort, wo ich mich mit anna verlobt hatte.

 

  1. too much of nothing

 

seither sind jahrzehnte vergangen. ich hatte überall anders gelebt, war zweimal geschieden und hatte drei erwachsene kinder. eine romanezza erzählte mir auf einer einwohnerversammlung des hamburger karolinenviertels von den alten zeiten am südbahnhof. anna traf ich eines sommers als bavaria-groupie in einem giesinger biergarten. sie war jahrelang in goa gewesen und hatte dort ihr gedächtnis gelassen. von einer verlobung wusste sie nichts. günter war an einem vorhauteinriss mit folgender infektion gestorben. franziska sammelte georgianische möbel. die zwillinge hatten zwei hugenottische professoren geheiratet, engelchen war zweimal geliftet.

ich habe oft versucht, zurückzukehren.  das eine mal hatten wir lokschaden und mussten in gießen bleiben. das andere mal war die b3 wegen hochwassers gesperrt. im jahr darauf hatte ich die fahrt fest vor, bekam aber kurz davor angina.

vor kurzem ist es mir gelungen. eine nacht war ich da, doch für die katz. auf dem frauenberg breitete sich ein riesiges klinikum aus. der krekel, wo immer die wagenburg der sinti und roma gestanden hatte, war einem baumarkt gewichen. die innenstadt glich, frisch saniert und poliert, rothenburg ob der tauber. weidenhausen und die armenhäuser lagen schräg unter der stadtautobahn. die beringwerke betrieben jetzt genforschung. der walfisch hieß „zur traube“. eine verwirrte kirchgängerin singsangte mir „jesus, meine zuversicht“ ins ohr. in den straßen wimmelte eine unbegreiflich fremde bevölkerung. hatten wir die gezeugt? oder woher waren sie gekommen? zu allem überfluss zertrat ich im dunkel meine brille. das war aber zeit für ne neue, sagte später der optiker. damit werden sie in zukunft viel besser sehen können.

 

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Logbuch

Suchmeldung: Haben Sie einmal den Nick „Anelka“ benutzt? Dann kommen Sei in diesem Text vor!

 

Ich habe bisher nicht eine einzige deiner km Geschichtchen verstanden, buh.

Sasa  – 19.02.02 at 15:56:43

 

„der wahrnehmungspartisan buh zeigt sich einmal wieder von hybrider geistesgegenwart. er setzt konventionelle beobachtungen einem crossover von gleichzeitigkeit der bewusstseinsebenen, den alltagsstimmen wie den lyrismen aus phrase und poesie, wortspiel und schräger metapher aus. so bringt er die realität aus der balance.“ (mousli ademov)

„wenn ich wüsste, was mein film bedeutet: warum sollte ich ihn dann drehen?“ (david lynch)

29.1.2002  15:08

km 3,2

am tisch sitzt ein taubblinder, ein jüngerer mann mit lichtem haar und unruhigen bewegungen. seine begleiterin tippt ihm eine zeichensprache in die handfläche, recht flink, streicht bestimmten fingern entlang, macht kreuze und haken, tätschelt dann zweimal schnell – neues wort? korrektur? bejahung? was es alles für sprachen gibt. ein lebendiges keyboard mit entertaste…… er antwortet mit unartikulierten lauten, die wie von unter wasser aus ihm hervortönen. sie versteht ihn.

30.1.2002

km 5,5

königsstraße. vor den jonischen Säulen der alten börse sind zwei große kranwagen aufgebaut. „tauben-abwehr“ ist auf die hydraulischen hebebäume lackiert. massive mittel sind das, technik wird gegen die ratten der lüfte aufgefahren. das erinnert an das unternehmen „enduring freedom – against shit“. mir ist etwas taumelig zumute. ob das die laue luft macht. die ersten gäste sitzen auf den terassen des schloßcafés. ein paar schritte weiter ist die zu restaurierende stiftskirche ähnlich wie das brandenburger tor von einer riesigen aol-werbefläche verhüllt. die erneuerung des baues wird zu guten teilen aus den werbemitteln bezahlt, die dadurch in die kassen der kirche gespült werden. das wäre doch eine lösung auch für marode theater und zu errichtende antifaschistische großdenkmäler. sie einfach vollkommen mit werbeflächen zu verhängen. hier ging ich vor kurzem mit meinem onkel entlang. oder war es ein nennonkel? er hatte kehlkopfkrebs im endstadium. unterm kinn haben die operationen ein großes loch gelassen. nun saß er an bord des flugzeuges, das in einen südkolumbianischen vulkankrater gestürzt ist.

31.1.2002

km 7

wieder einmal einen mittag im marktcafé. biofein! eselsmühle! und „le città del vino“ sagen die fahnen, schilder und plakate. ich trinke roero aus dem piemont. mit dem wein die gegend gleich mittrinken? zum ersten mal bekomme ich eine italienische zwei-euro-münze zurück. was ist daran italien? das material ist in allen dasselbe, die münzen müssen nicht einmal unbedingt in italien selbst geprägt worden sein. aber das profil dantes überträgt unmittelbar die „italianità“. was die überlegenheit des zeichens über die substanz und selbst das bild beweist. was also ist piemontesisch an meinem glas weißen? ich kaufe anschließend noch ein halbes pfund gemahlenen esels und ein stück raclettekäse, und stolpere zu guter letzt über einen knoblauchzopf.

1.2.2002

km11,5

auf dem weg zur eva. ich muss zur monatsabrechnung in die büchsenstraße. an der kasse wartet vor mir herr aydogdu, mein alptraum. er hatte ein jahr lang unter mir im keller gewohnt. er lieh sich zu jeder tages- und nachtzeit bier und margarine von mir. die margarine geriet ihm in der bratpfanne in brand, und sein kellerzimmer mit. oft brach er seine eigene türe mit dem kuhfuß auf, weil er die schlüssel verloren hatte. sogar nach seinem rauswurf bat er mich ab und zu, ihn doch im flur schlafen zu lassen. heute sah er gepflegt und nüchtern aus. hallo! aber mehr lieh ich ihm nicht. ob gott existiert? vermutlich schon, denn er konnte arabisch, seinem propheten den koran zu diktieren. es ist gar nicht so leicht. der lautumbruch bei den verschiedenen pluralformen! suk-aswaq, dukhan-dukakin, tadschin-tudschar!!! wer sollt das erfunden haben. es gibt ihn. die evangelische gesellschaft aber sucht ihn noch immer. beim stehbäcker spielen die bedienung und ich mit unserem lächeln ping-pong  sie ist hellblond, bronzehäutig, hat weißgrünen lidschatten und heißt hülya.

2.2.2002

km 11,8

eine schwarze hummel krabbelt am rand des trottoirs. im waschsalon sitzen männer, die john malkovich ähnlich sehen. malkovich, malkovich? malkovich! die nachrichten um mullah omar und bin laden sind versiegt. stattdessen müssen maxima und hildegard idolatrisiert werden. und wir tun es mit. strange, sagt malkovich, wie wir feste übezeugungen mit wenig wissen kombinieren.  der himmel ist knallblau, der orangensaft gelb, die pfeiler des salons tieforange, die bodenkacheln grün. darauf ein chaos von wäscheteilen. ich geh vor die tür, rauche eine, schaue zur haltestelle arndt-spittastraße hinüber. keine bahn fährt. es ist samstagmorgen und die welt ist klein.

3.2.2002

km 15

eissalon fragola. die tische stehen schon draußen, und sind auch im nachmittagsschatten voll besetzt, die hausfassaden gegenüber leuchten und spiegeln. ich bestelle einen espresso und eine eisschokolade. ein schwarzer setzt sich zu mir. wir kommen ins gespräch. ich bin ein yoruba, sagt er. das ist meine ethnische gruppe, so was wie schalke oder dortmund.

meinen einweg-fotoapparat habe ich in der tram liegenlassen. es bleibt mir nur, zur nächsten öffentlichen fundsachen-versteigerung zu gehen. die finden immer in der alten zahnradbahn-station statt. wenn mein foto nicht mehr auftaucht, werde ich einen schirm ersteigern, oder ein fahrrad, oder eine schrotflinte. damit könnte ich datteln schießen.

6.2.2002

km 20 (km 4300)

oase selime (wâhat salima)

über die wüste. nachgedacht oder geträumt. die wüste ist ein bewusstsein mit spuren des denkens. hier denkt man, indem man wandert. die sesshaften haben keine geschichten, keine märchen. sie haben grundstücke. im sand verwehen spuren  nach stunden, in der steinwüste bleiben alte reifeneindrücke, benzinkanister, skelette für jahrzehnte. ich gehe geschichten. ich suche einmal wieder die weiße stadt zarzura. zarzura ist auch ein vögelchen, schwalbenartig, schwarz mit weißer stirn und weißem schwanz. in seinem schnabel trägt es den schlüssel zum tor. kommst du hinein, findest du prinzessin und prinzen schlafend. wecke sie nicht, aber nimm teil an den schätzen.

festgeklemmt unter einem steinbrocken finde ich einen fetzen zeitung. ich entziffere einen satz, gebe ihn hier sinngemäß wieder. „signifikant höher war da schon mein interesse an der mirakulösen miranda, die mich eine gewisse zeit lang auf eine art faszinierte, wie es sonst nur cameron diaz tut.“ ich muss nach wegzeichen suchen, ich muss unbedingt auf der darb el arbe’in bleiben, der straße der vierzig tage.

7.2.2002

km 4317 (km 31)

um die staatsgalerie zu erreichen muss ich nach meinen berechnungen kurs nord 21° ost anlegen. ich will die lange nacht der poesie erleben. schech abu hussein neben mir staunt, dass man nach dem papier reisen kann. immer wieder nehme ich peilungen mit meinem prismen-kompass vor, steige auf transformatorenkästen oder telekom-relais am straßenrand, um den horizont nach den charakteristischen gebäudesilhouetten abzusuchen. schon glauben wir uns verirrt, aber da kündet das dichter werdende halfa-gras und endlich sogar einige dum-palmen das nahe ziel an. meine begleiter spüren ihr maurisches blut und legen im betongrund des parkhauses eine verschwundene quelle frei. das wasser schmeckt leicht salzig. dankbar trete ich in die halle mit dem giftgrünen bodenbelag und den geschwungenen glaswänden. ringsum krieger. sie wissen mit ihren körpern nichts anzufangen, warten sitzend, die knie unschlüssig angezogen darauf, dass sie ihn in die nächste schlacht werfen können.

8.2.2002

km 31

staatsgalerie

brigitte oleschewski hat ihre lesung beendet. im kimono. rühmkorf würde das postmodern manieristische bemängelt haben. pause mit prosecco. eine nervöse frau, groß, in kleidungsschichten gehüllt, mit wirren blonden locken, setzt sich neben mich. wir wechseln einige worte, schnell verstummt sie wieder. es ist birgit kempker, stelle ich bald fest, nun trägt sie in schnellem singsang aus „mike und jane“ vor.

„mike liegt unter dem baum. jane liebt mike. sie liegt daneben.“ „i“ spricht sie wie die vögel so hell, „a“ und alle umlaute abgedunkelt. arabische fernsehsprecher bei al jazeera vokalisieren ihre nachrichten vor der sendung. sicherheitshalber. ob „o“ oder „u“ gesprochen wird, ist schriftlich nicht festgelegt. „an was denkst du, fragt jane. an dich, sagt mike. jane weint. man denkt nur an das, was nicht da ist, sagt jane.“ der security-typ, der neben dem podium steht, lächelt. „an was denkst du, fragt mike. an die liebe, sagt jane. aus rache, sagt mike. aus liebe, sagt jane.“

9.2.2002

km36

the world will devore you, so you better taste good. neben der rolltreppe auf der b-ebene esse ich einen selbst gemischten gemüseteller. betrachte kauend die muttermale meines gegenübers. eine schräge linie. der schwarze punkt rechts der nase tiefer als der links, zusammengehalten von einem goldenen nasenring im linken flügel. darunter mahlende kiefer. keine paradiesvogelfeder quer hindurchgeschossen. ein weiterer fleck, linsengroß, rotbraun, wandert unmerklich den hals hinunter. endeavour, discovery, resolution. mancher entdecker ist am schluss selbst verspiesen worden.

10.2.2002

km 41

zur lilie

bami goreng und gunpowder. gebatikte tischdecken auf deutscher eckeiche. rund und gemütlich schlurft die wirtin den archipel entlang. und an der wand die schattenspielfiguren, im langen bastkleid, mit federhauben, die knochendünnen arme zierlich abgespreizt. das russische paar zeigt das kurzprogramm. perfekt, sagt der sprecher, die koordination der sowjets. kumaran mein freund spielt den wok-rock, den phuket-rock, den perlentaucher-shimmy. einst brach er von penang mit ziel island auf, kam aber nie weiter als bis deutschland, wo er seine karin traf. karin liegt auf den batiktüchern. ich reibe sie mit haselnussmus ein, befeuchte sie mit kokosmilch und bestreu sie mit sojasprossen. dann geben wir den wurf-lutz, den dreifachen toeloop und die eingesprungene waage mit oberschenkelgriff. kumarans lockenkopf hält die mitte zwischen kofi annan und jimi hendrix. er singt noch  den ayam-rica-rica-blues und we didn’t start the fire. wir erhalten note 5.7 für die technik und 5.8 fürs künstlerische.

11.2.2002

km 290 – 328

in linksauswickelnder spirale verlassen wir die stadt. geleisegeflecht, schuppen, verwachsene rangierbahnhöfe, haselkätzchenschnüre. über die braunen isarwiesen geht anelka. halb schläft sie noch, halb ist sie schon munter. die neue brille steht ihr gut. am güterbahnhof berg am laim ist ein weißes beiboot vertäut. klar zum halsen! belegt ankerleine! ein kronleuchter hängt im baum. darunter mechanische puppen in kostümen aus der zeit casanovas. ihr abgezirkelter tanz ist von rührender schönheit, ein paar betritt den wagon, bückt sich suchend unter alle tische. haben sie ihr haustier verloren, frage ich. die frau lacht. nein, wir suchen nach steckdosen. ein schälchen strom für den laptop! bestellt sie beim kellner. reggeli. rönditalok. söröh.  ich nehme noch einen zwack unicum. auch der inn will zur puszta und macht sich grün.

buh  – 12.02.02 at 22:49:32

12.2.2002

km 768

friedensbrücke

ich hatte einen traum, nicht auf dem blaubeerenhügel, aber im café rundfunk . ich sah blinkende fahrradrücklichter und liebhaber mit ziegenbärten. ich glaubte an engel. die mélange floss mir wie nebenbei durch die kehle. eine samora-zuckertüte wird mir in diesen minuten in der westentasche geplatzt sein. meine ocb-blättchen streifte ich mir am gummiband über zeige- und mittelfinger. die wandspiegel warfen mich sechsfach zurück. im windfang ließ ich kommende und gehende gäste pendeln. man soll allen spiegeleier mit bratkartoffeln bringen. die temperatur soll sinken und auch der blutalkoholspiegel der anwesenden. ist doch nicht so schwer: deren lebern brauchen das ethanol nur in acetaldehyd und dann in essigsäure – sprich urin – aufzuspalten. das jeweils verschieden getönte resultat würde ich dann draußen in den pissoirs begutachten können.

13.2.2002

km 799

rose sitzt in miami beach. rose sitzt im ghetto. rose sitzt in ihrem leben. auf die dachterasse des vokstheaters platschen indes große regentropfen. sie spielt mit füßen und schuhen und das üble jahrhundert wandert an ihr vorbei. ihre zehen holen diesen gedanken, verwerfen jenen. sie hat ringe um die augen und hustet. nein, sie will sich nicht erinnern. andererseits. weißt du noch, sagt irene zur tochter, als ich dich neunjährig ins bellaria mitnahm? pünktchen und anton. in der esche hängt eine mistel. die gehsteige tief unten sind fest in der hand von schneeräumdiensten, die rechtsseitigen von attensam, die gegenüber von kuruz. rose hustet. sie schmiert den samen ihres amerikanerischen freundes an die tür, damit der geist ihres toten geliebten als ein dibbuk in sie einziehe. das leben hält für sekunden inne.

14.2.2002

km 821

auf dem kagraner anger

ein atelier mit wohnrändern. tonias bilder, nicht abbilder, haben auftrieb,. ich schaue an den verästelten strukturen des farbauftrags entlang. tonia serviert crèmerollen und pfauenaugen. ich will endlich auch wieder schwarze lederhosen tragen, unter paulonien im sand liegen.  irene fährt uns in faeks galerie gleich hinterm ring. das rathaus ist lila beleuchtet. from sarah with love! zeichnen die schlittschuhläufer ins eis. in der volkshalle spricht ein (die menge) überragender magistrat symmetrische sätze von der weltoffenen großstadt, die die kunst liebt. faeks bilder hängen auch da. sie sind geschlossene türen, mit zeichen versiegelt.

16.2.2002

km 880

traktion st.pölten

aufgeschüttete kieshügel mit nach oben schwebenden fahrwegen. brombeergestrüpp und die skelette der letztjährigen beifußstauden. überall das nagende und mahlende geräusch gefräßiger seidenraupen. die eier wurden aus südafrika eingeflogen, wegen der vertauschten jahreszeiten kommen sie im jänner und schlüpfen, kaum dass man sie aus dem kühlschrank holt. maulbeerblätter gibt’s jetzt nicht, deswegen die brombeerblätter, angenommen, diese blieben auch im winter grün. ich verschlinge das vielfache meines gewichts, dann spinne ich mich mit lemniskatenförmiger bewegung meines hinterteils in goldenes dunkel ein. katapultiere mich alsbald in eine höhere daseinsform. pilger in sportkleidung warten nahebei auf den triebwagen nach mariazell.

19.12.2002

km 1521

von den toten. im barbaresco ist die bar aus maurischen kacheln gearbeitet. ein piano, silberne kerzenleuchter und angelaufene barockspiegel tun ein übriges. eine hochschwangere frau schuckelt ihr kind, mit mechanischen bewegungen der hüfte an den wagen und beschwörenden serbischen oder russischen lauten bringt sie es in den schlaf. wie viele werden jetzt eben geboren?  tim ist aus den faschingsferien nicht zurückgekommen. aus einer brennenden skihütte hat er es als einziger der jugendgruppe nicht ins freie geschafft. vor kurzem hatten ihn  welche aus seiner klasse noch abgezockt. er schüttelt mir die hand. von den toten reden. ice wilhelm röntgen. der zug nach assuan. mein vater, dessen warme stirn ich streiche. dampfwolken steigen aus seinem atemgerät. gerlinde mit der petroleum-lampe. l’inconnue de la seine. day and night/you are the one…. spielt das digitale piano.

20.2.2002

km 1532

ein sitzriese, der mit rechts wie ein linkshänder schreibt. die nässe an den fingern, wenn ich eine saure gurke aus dem glas klaube. die idee von essig. diese sandsteinbauten. braune wiesen in autobahnkreiseln. enthemmte karnickel. grundsätze! deutschland war immer so düster. einen tango mit hikmeta. sie weint, sie lächelt. sie steht morgens früh auf. mit einem allein erträgt sie die stille nicht, flüchtet in einen kuss und versteckt ihr gesicht. alle sind an allem schuld. wenn wir das nur wüssten, hätten wir das paradies auf erden.

21.2.2002

km 1543

die veilchen. die schneeglöckchen. die winterlinge. und verrückte vögel, die in den blattlosen bäumen singen. unterhalb des schwäbischen taj-mahal – die liebe höret nimmer auf – wird tim begraben. viele jungs in schwarzen anzügen, viele tränen. konzert ist heute angesagt/im frischen grünen wald. il pomeriggio è troppo lungo ed azurro/per me. die schuhe treten die treppenstufen aus. die treppe nagt an der ledersohle. der tod als spiegel. wir mustern uns darin. haben wir ihn, als es zeit war, geschätzt, bemerkt, erkannt. nur er geht durch die silberwand wie durch laue luft. die krokusse. die gelben hartriegelbällchen. die hyazinthen.

22.2.2002

km 1555

zwei verliebte beide studieren sie jura, lassen sich aber davon nicht abhalten, über rex gildo und roy black zu reden. als ich noch in heilig blut war, wohnte er in meinem nachbardorf, in einem bauerndorf. war voll der psychopath. der boogie-effekt. umarm mich! oh, ist noch alles dran. dreh dich noch einmal um. der gratäng, päng,päng. der jurist goethe, der jurist kafka. der jurist handke. so ein glas prosecco, das hält wirklich warm. warum bin ich da die letzten jahre nicht drauf gekommen.

24.2.2002

km 1557,6

gefühlvoll – denn es hat neulich schon wieder einen vorfall gegeben – fahre ich durchs rückgrat hoch in den obersten stock. pressekonferenz im kleinhirn. auch die hypophyse ist zugezogen. weiße blutkörperchen sind in alarmbereitschaft, um gegen eingedrungene viren auszuschwärmen. denen wird eine verbindung zur al-quaeda nachgesagt. sonderkommandos besetzen die schleimhäute. wer nicht mit uns ist, ist mit den terroristen. indessen wiege ich mich mit evas schlange. mein bett rast krachend und holpernd durch die flure und treppauf-treppab. projektionen an sämtlichen wänden. alles ist besser/ ohne dich! singt sven regener. return to sender! elvis. man, you got a curse on you, as sure as the moon rolls around the earth! meint jarmusch. auf der bettkante sitzen victor hugo und mein hund. sie unterhalten sich über mich, und es scheint sie überhaupt nicht zu stören, dass ich zuhöre. hugo mag mich nicht. zum einen, sagt er, ist er zu wenig patriotisch. zum anderen besichtigt er viel zu selten die diversen körperöffnungen von bezahlten grisetten. mein hund ist sauer, weil ich noch immer nicht gemerkt habe, dass er ein mensch ist. er versteht außer deutsch auch österreichisch, dann katzen und hühner, den mond, die wasseradern. seine reflexe sind unglaublich.. aus tiefstem schlaf schnellt er empor, rennt zur terrassentür und bellt eine entfernte bedrohung an. ebenso unfehlbar reagiert er auf das leiseste rascheln von butterbrotpapier. er ist ein tag-und-nacht- und ein alljahreszeitenhund. seine weißen flecken leuchten des nachts, seine schwarzen im schnee. er steckt seine nase in jeden scheiß. gerade ist er indigniert über die berichterstattung aus salt-lake-city. es erstaunt mich, hatte der kommentator gesagt, dass die japaner im langlauf so weit vorne zu finden sind. und das trotz ihrer kurzen extremitäten.

25.2.2002

km 1599

die wirtin heißt lys. sie tanzt gerne, und das, obwohl sie gewöhnlich x-beinig daherschlurft. i dont like reggae/ oh no!/ i love it! wir müssen zusammenhalten. sagt sie, sagen ihre knie. der wirt heißt leo, er hat eine rockerfrisur, in seinem alter, und einen recht serbischen schnurrbart. aus liebe hat er ihr lokal “zur lilie” genannt.

km 1610

nahebei eine frau, die nach waldmeister riecht. mein haus am deich. ein zentimeterdünner wasserfilm rinnt über den hof und verschwindet unter der schwelle. mit tapetenleisten lenke ich ihn in den garten. umsonst, vergeblich. ich werde mitglied im verein zur verzögerung der zeit. ich trinke an brüsten von ufern und küsten.

heaven – monsters inc – from hell

km1617 (km2631)

tozeur, sahara. das filmteam des englischen patienten ist bei den einwohnern unvergessen. bordel, ces mecs! in unserem reisebus ist jemandem schlecht. der chauffeur hält beim friseursalon kurz vorm ortsende. hierzulande, sagt sami, der reiseführer, ist der friseur zugleich arzt, therapeut aufklärer, hochzeitsmakler, brautputzer. mich überkommt ein verlangen nach depilation. das zwickt an manchen stellen. der bus fährt inzwischen ohne mich weiter. ich habe zeit und lasse mir im selben arbeitsgang den rücken tätowieren. was soll es sein? ein lokal, vielleicht das  café nast, wo die stühle blaugrün gepolstert und die deckchen weiß sind. dort sitzen die leute wie in eisenbahnabteilen. nur logisch, denn das café rast unvorstellbar schnell mit der erdumdrehung mit. glücklicherweise fährt der bürgersteig auch mit, die straße mit den lieferwagen, der comic-shop, das dreifarbenhaus, die stiftskirche. aber keiner schaut nach draußen. jeder einzelne liest in einem buch des schweizers stauffer. dort sind die fußnoten länger als der haupttext. in einer art foxtrot-rhythmus blättern die leute zwei seiten vor, eine zurück, zwei vor, eine zurück. killing me softly. ich bin schon vorsichtig, sagt der tatoo-friseur. die leute im café leiden etwa an staublunge, arteriosklerose, bandscheibenvorfall oder ulkus. indem sie auf meiner haut ins bild gebannt werden, ist auch ihr leiden stabilisiert. voilà, sagt der berber. ich freue mich auf den sommer, wenn ich mich am strand bäuchlings hinlegen werde. die leute sollen was zu schauen haben.

km 1622

¿ud. esta conforme con su cuerpo? fragt mein blut aus der gruppe null. baskischer rundkopf oder burgundischer langschädel? du machst dir vielleicht gedanken. i can hear your heartbeat, like thunder. und wenn ich mich aufrege, dann sagt sie, ach halt dein maul! sie sagt: pssssssst!

km 1627 (km 2028)

du bist schon ein seltsamer typ, sagt vicky, versprichst kaum mehr als du hältst. das an einem kühlen hellen morgen. wir sind klamm aus den zelten gekrochen. der tau kommt noch dazu. vickys freund micha steht als letzter auf. campingaz anzünden, kaffee. wir sind mit zwei zelten unterwegs. heute in nevers, wo die vorleserin vorliest, de sade und beethoven mit dabei. komisch, micha schläft mit mir im zelt, vicky im anderen. sie steuert den 2CV bei, den ich meist lenke. michas aufgabe ist es, die rotweinflasche herumzureichen. anstatt eines korkens bekommen wir ein wergbüschel. und nicht vergessen, vor dem ersten schluck den ölfilm abzugießen. zu hause steht vicky ebenfalls alleine auf der einen seite des gitternetzes, micha und ich auf der anderen. pausentreff, poesie zwischen mädchen- und jungengymnasium. jetzt ist das weit. wir haben die karten der gegend auf der kühlerhaube ausgebreitet, planen die weiterfahrt. um jedes dorf mit irgendetwas romanischem ist ein kringel gezeichnet.  Mars sur Allier, Gimouille, Marzy, St.Parizé–le-Châtel. bald sitzen wir auf einer sonnenwarmen kirchhofsmauer und zeichnen. hier die flucht nach aegypten, da christus in der mandorla. schöne form. vicky hat ihre tage, läßt ein wenig blut auf den weißen kalkstein tropfen. im nächsten semester ist wolfram von eschenbach dran.

km 1629

sie sind nicht aus stuttgart? ich auch nicht. aus djakarta. seit neunundzwanzig jahren hier. frauen sind da flexibler. lacht breit. die europier, mann! aber meine landleute auch kindisch. hab hier architektur studiert, musste kämpfen. sagt mein mann: komm, wir machen ein spezialitätenlokal auf!

meine kindheit zog mich weg. amis. px. marsmalows.

8.3.2002

km 2438

hermine hansen, hafenstraße 108, am fischmakrt. ziemilich hoher raum, klavier unter der decke, steile treppe. zwanzig tasten fehlen. die wände tapeziert mit bildern von windjammern, trawlern, u-booten. tante hermine sitzt hinterm tresen auf hohem hocker. sie kann kaum mehr gehen. wer ihr nicht passt, den läßt sie nicht hinein. ein alleinunterhalter erzählt kalauer und trommelt dazu auf einem walfischpenis, den er um den hals hängen hat. sing rolling home und seute deern. ist ja alles für oberhalb des bauchnabels hier. wenn die sonne aufgeht, werden die gardinen geöffnet. imke dreht mir die brustwarzen ab und will sie in einem heftchen pressen.

10.3.2002

km 2441

sonntag. alles ruhig. ich sollte nicht aus dem haus gehen, ich erlebe einfach zu viel. ein kleines kind steht wie an fäden aufgespannt, beugt sich nach vorne, damit die beinchen zu laufen beginnen. ein dunkellockiger junge und ein amerikaner mit stetson, sie parlieren völlig ungehemmt auf englisch, und das hier. ich muss dir von meiner neuen erfindung schreiben. ich schreibe viel. habe alle briefkästen des viertels genau im kopf. der eine hinter dem pissoir am bismarckplatz, der andere neben schlecker um die ecke beim waschsalon. einer hinter der hauptstraße neben toto-lotto, einer an derselben beim chinesen. also, pass auf. ich erfand einen neuen schuh, mit zwei absätzen, einem hinten wie üblich und einem vorn. ich verspreche mir export. die truppen! keiner könnte mehr an ihren spuren ablesen, in welcher richtung sie geflohen sind! auf die idee kam ich durch meinen alten verdacht, dass die erde trotz anderslautender meldungen doch eine scheibe ist. der beweis? meine schuhsohlen sind immer vorne und hinten abgelaufen. wäre die erde aber ne kugel, müssten sie es doch in der mitte sein? zugegeben, die erde als kugel: eine berückende, wenn auch abstrakte vorstellung: wo auch immer ich auf ihr bin, stets bin ich die mitte der geschehnisse….ich wähle den briefkasten beim pissoir. vorher nehme ich einen espresso und stecke eines der zuckertütchen in die tasche. blau ist es, vorne ist der schiefe turm von pisa, hinten der mailänder dom zu sehen.

km 2450

safranland will ich essen

sorgfältig beschreiben. stell dir vor, günter grass wäre dick und mollig und trüge eine brille: so etwa sieht sie aus. komme ich wegen ihres mundes darauf? als wenn ein halbgott in verzweiflung zähne durch den kosmos geschmissen hätt, sie stand da, offenen mundes, ergeben, und fing sich die ihren ein, und so wie sie geflogen kamen, sind sie angewachsen. meine mutter wünschte sich immer enkelin, sagt sie. aber ich bekomm tochter. und guck! charakter wie ein mann. die tochter lächelt schief. sie nimmt mich nach bali mit. aber merk dir: streiche niemals einem niedlichen kind übers haar. der kopf: tabu. dort sitzt die würde. ich esse jeden tag weißen reis an erdnusssauce. meinerseits nehme ich sie mit ins südliche hochland. safranernte. die roten, fadenförmigen pollen, krokusgold, wertvoller als trüffel.  die erntenden frauen. der rücken. den ganzen tag gebückt, mit daumen und zeigefinger an den blüten zupfen. sie bergen es wie einen schatz an ihrem busen oder nahe am schoß: ambulantes bankkonto. nur so viel verkaufen, wie gerade geld benötigt wird. ein weibliches gewürz, sagen sie. safran. sehr weiblich.  der boden des paradieses ist ganz damit ausgelegt. man lacht, wenn man viel davon nimmt. zu viel ist giftig. man lacht sich tot. ich würze meine fischsuppe aus ihrem schoß.

13.3.2002

km2467

die kaugummipapiere, der hundedreck. schräg aufgeklebte türkische plakate, die einen DJ oder eine revolution ankündigen. verkehrsschilder, schaufensterparolen, heruntergelassene rolläden, halb heruntergelassene wegen weltschmerz, wolkenstores vom nikotin gelbgefressen. die albernen slogans – fc wangen entthront tabellenführer steinenbronn! maden entlarven mörder – , die unzähligen dinge, die man sieht oder mit sich führt und sie so vor dem verschwinden in die vergangenheit bewahrt. die bemessenen freuden. sie schaffen es kaum, die alten verletzungen zu lindern. aber am meisten bedrückt es sie, dass ihre eltern ihr den namen eines kanadischen bundesstaates gegeben hatten. alberta sitzt mir gegenüber und dreht sich eine. dabei kommt sie ins erzählen.

km2471 (km3035)

mit alberta erkletterte ich dann den eiffelturm. es ist eine demonstration der klimaschützer, sagt sie. machst du mit? wir seilten uns an und nahmen die direttissima. sie hatte sogar an sherpas gedacht. kaum oben, wurden wir verhaftet, noch bevor wir dazu kamen, unsere gleitschirme zu öffnen. um die geldstrafe abzustottern, planten wir, im jardin du luxembourg und in den tuilerien mit unserem puppentheater aufzutreten. alternativ wollen wir „östlich der sonne und westlich vom mond“ und eine szenische fassung der chants du maldoror spielen. für wochen lernten wir auswendig, unterbrochen nur von fahrten nach clignancourt, wo wir stoffe für die puppenkostüme und requisiten wie schwimmende inseln, wälder samt chasse à cour, winzige jagdhörner, dreispitze,  pelikane, die sich mittels eines verborgenen mechanismus den schnabel in die brust stoßen, weichselkirschensaft, der als blut vorgesehen war und viele andere dinge im kleinformat erwarben. albertas freund khalil, der kebab-mann vom marché aux puces, half uns. ohne ihn wäre das ganze kaum möglich gewesen. ich murmelte auch während dieser einkäufe die expositionen, variierte sie, damit sie hundert tage reichen würden. es war einmal wie keinmal, da lebte auf einem fernen schloss kira die wunderschöne…. da lebte in einem land hinter dem horizont kira kiralina, fee dzina, jungfrau schönes kind, schön wie blumen sind…. alberta deklamierte lautréamont: „Je cherchais une âme qui me ressemblât, et je ne pouvais pas la trouver. Je fouillais tous les recoins de la terre; ma persévérance était inutile. Cependant, je ne pouvais pas rester seul!“

und als wir dann in dem engen puppenkasten kauerten, schaute ich mitten im spiel zu ihr hinüber, sah ihre ernste konzentrierte miene, die buschigen augenbrauen, den flaumigen damenbart, der im widerschein des lichts wie samt schien, das eifrige doppelkinn, winzig wie ein gerolltes rosenblatt. wechsel schon die kulissen! zischelte sie.

15.3.2002

km 2499

ich frag sie nach ihrem make-up. mal mehr die augen, mal mehr die lippen, sagt sie. meist mehr die lippen. alberta weiht mich dann nach und nach in ihre pläne ein. für widerstand war ich schon immer, sagt sie. doch jetzt sind langsam andere mittel gefragt! das neue konzept der USA über mini-atomwaffen, du weißt? das system bush verhält sich als schurkenstaat, ich mein, genau was sie denen vorwerfen tun sie selbst. mein großvater meldet sich aus dem jenseits, aus far-rock-away-beach, im schwarzen einteiligen badeanzug mit schmalen trägern über die schultern, ein auswanderer, ein ehemann von wallis simpson in spe. von appenzell nach NY. die utopie amerika. sie hielt in etwa bis 1945, für mich jedenfalls. er hat noch diesen resignierten zug im gesicht, ganz im gegensatz zu alberta, die entschlossenheit im mundwinkel zeigt. wie gerne wäre ich da geblieben! stattdessen mit der lusitania mitten im u-bootkrieg nach europa zurück. der vietnamkrieg hat mein wunschbild dann endgültig zertrümmert. mein großvater ernst verschwindet wieder. und meine amerikaner, sage ich. ich entdeckte sie in der besatzungszone, großgewachsen, kaugummikauend, vielfarbig, “lässig” war das wort, damals, als noch nicht alles cool war. wie sie aus den jeeps sprangen! später die besuche in den patton-barracks, marshmallows vom px und unglaublich große und wohlschmeckende steaks. beide patenonkel von mir waren juden…..der eine hieß hans der andere frank. frank löw floh vor den nazis nach osten durch russland, sibirien, von wladiwostok aus nach san francisco, und kam als major frank lion wieder nach deutschland zurück. ich besuchte ihn in friedberg, wo er stationiert war. er wurde mit der umerziehung befasst. einmal um die erde und dann die übriggebliebenen neu erziehen. er fuhr einen silbernen studebaker. wir sitzen noch immer im auto, die nacht vergeht. früher, sagt alberta, zog ich mich schwarz an, meist weil ich mich schlecht fühlte. heute zieh ich mich ganz normal an. sie ist ganz in schwarz. mein anderer patenonkel hans floh in die schweiz. nach dem krieg fand er nur noch seinen hund. die ganze familie war vergast worden. honzo, nannten wir ihn. er war musiker. seine wohnungseinrichtung bestand außer in büchern aus einem flügel, um den ein halber meter platz bis zu den wänden blieb. wenn er erzählte, ging er fahrig um ich herum. draußen ist‘s eisig, die fensterscheiben frieren zu. alberta kratzt sie mit einer der kassetten frei, ich glaube es ist die mit luca bloom drauf. die rückseite r.e.m. „ you shugar sweet, you cinnamon“. nicht ist besser zum enteisen als eine audiokassette, sagt sie. zurück zu den amerikanern. ich würde keine hochhäuser mehr in die luft pusten, obwohl, merke: der symbolische wert war unübertrefflich. ich würde die pipelines im mittleren osten sprengen, mal hier, mal da, wer will die überwachen. oder, noch besser, rings um L.A. und las vegas weiträumig die wasserzufuhr. aber kämpfen müssen wir.

20.3.2002

km 2509

airport. türk hava yollari. die zeichen an der wand. die durchsagen. herr sikora bitte sofort zu gate 16 kommen. ich bin halb bewusstlos, halb überbewusst. leoparden, tiger, antilopen und schmetterlinge streifen und flattern durch die halle. müde flugkapitäne dazu. mit der kirchlichen betreuung reden. nicht nötig. flight tk 1701 delayed. dann dilek hinter der glaswand. sie schlendert! wirft mir eine kusshand zu. there is a train that‘s heading straight to heavens gate and on the way a man and woman wait. watch and wait. and it‘s exploding in the shells of night.

 

km 2550, 12543,, 0,99999 periode, 3,14159.., 23, 4187, 2765, etc.

aus der welt getrunken

dienstag, 9:39:

feuerbach:

ein schlossergeselle ißt genüßlich einen berliner, den er eben von der verkäuferin frau karabulut erstanden hat. er liest dazu BILD. ich habe kein schlechtes gewissen, erklärt uschis rivalin.

hong kong:

im vegetarischen indischen restaurant in einer der fast unterirdischen seitenstraßen von kowloon verzehren lilien und ihre mutter irene gemischtes gemüse (scharf). lilien hat soeben ein foto von zwei hochhäusern, die nur 8cm voneinander entfernt stehen, geschossen. eigentlich hat sie den ZWISCHENRAUM abgelichtet.

basel:

bernoulli schaut einmal wieder sein eigenes grab an. man hängt so an den irdischen dingen. eadem mutantur resurgo. mathematisch gesehen, denkt es in ihm, ist meine spirale weder am nullpunkt noch im unendlichen je angekommen, und doch bildet sie die vollkommene spannung ab: zwischen freiheit und geborgenheit, zwischen SEEFAHRT und mutterleib, zwischen isolation und vermischung. er notiert sich all das wie jedes mal in sein akasha-notizbüchlein.

slawrafia:

mitten im grießwall halte ich halb erstickt inne. wie lange noch muss ich mich durchfressen zum gelobten land, wo milch und honig, wein und BALSAM fließen? der grießbrei kommt mir zu mund und nase wieder heraus, aus den ohren und dem hintern auch.

wonderland:

“I’m late! I’m late! I’m late for an IMPORTANT date!”

istanbul, anatolu siteleri:

DILEK bereitet bulgur-salat. sie nimmt noch eine weitere junge zwiebel, schneidet sie behutsam in ringe. sie lächelt.

schaffhausen:

die 8. realschulklasse der johannes müller-schule mitten im deutschaufsatz. welches wäre meine liebste todesart? an einer SALAMI ersticken, schreibt gian-andri.

königsberg:

kant trifft sich an diesem sonnigen vormittag mit merleau-ponty und foucault zu einem schwätzchen. er hatte darauf geachtet, dass der treffpunkt nicht zu weit von seinem haus ENTFERNT sein würde.

nablus:

hanan hastet aus einem dunklen tordurchfahrt zum brunnen, um wasser zu holen. ein israelischer scharfschütze schießt sie nieder. die kugel zerschmettert ihr eine RIPPE und zerfetzt die aorta. ihr schwarzes samtkleid tränkt sich mit warmem blut

eden-bar, larsum:

mascha, der klar ist, dass ihr kunde wegen der einnahme von betablockern nahezu impotent ist, tränkt dessen schwanz in GRANATAPFELgelée und genießt ihn als lolli.

imam bayıldı

seine frau hatte ihm gefüllte eierfrüchte gebacken. wieviel öl hast du dafür genommen? ein ganzes glas. der imam fällt in OHNMACHT.

ceva:

aus einem zwinger vor der stadt wird der beste trüffelhund der gegend, ein LABRADOR, von unbekannten entführt.

dublin:

„..und ein nettes, halbdurchscheinendes morgenkleid habe ich auch sehr nötig oder eine pfirsichblütenfarbene matinee wie damals ist schon lang her bei walpole nur 8/6 oder 18/6 ich will ihm noch eine gelegenheit geben ich will früh aufstehen kann es auf alle fälle  in cohens altem bett nicht mehr aushalten könnte mal über den markt gehen und mir das gemüse besehen und den KAPS und die tomaten und die karotten und all die herrlichen früchte die so nett und frisch reinkommen wer weiß welchem mann ich zuerst auf der straße begegne morgens sind sie schon danach auf der suche hat mir mamy dillon erzählt…“

17.4.2002

logbuch, km 2611

bad bellingen

drei frauen plaudern in lautem appenzeller-dialekt. spargelfelder, weinberge, spalierobst. ein pathologe mir gegenüber hakt positionen in seinen listen ab. 25-jährige weibliche leiche. rechte hand abgerissen. kontusionen, frakturen. er diktiert in ein gerät, das er wie ein belegtes brötchen an seinen mund führt. den genauen zeitpunkt des exitus’ wird erst die obduktion ergeben. zwischendurch nimmt er mit präzisen bewegungen einzelne haselnüsse aus einer milchigen  plastikdose mit blauem deckel, kaut sie, und es klingt, als ob es seine kieferknochen sind, die knacken. ein müsli, ein trekker, ein bilanzbuchhalter des lebens, ein eifriger mensch mit schwerem goldenen ehering. die hethiter, das volk der tausend götter. vom 18.januar bis zum 28.april in bonn. jetzt wo die götzen nach berlin gezogen sind. ein zeichen sind wir, deutungslos. schmerzlos sind wir und haben fast die sprache in der fremde verloren.

21.4.2002

km 2629

retinal

ich dachte, meine augen würden schwächer, aber ich hatte nur die brille nicht geputzt. voyeur, voyeur, are you out tonight? auf den treppenstufen vorm trashfood tempel liegt schräg ein junge auf einer iso-matte, auf dem bauch, regungslos, stumm, die augen geschlossen, neben ihm ein pappschild darauf steht geschrieben: auch du wirst sterben, also sei klug! im café künstlerbund fehlt hikmeta, wie schon seit wochen. es ist, als habe sie mir sagen wollen: warte! bald wird etwas wunderbares geschehen. und nun, da es passiert ist, konnte sie gehen. ein mann hält mich auf, will feuer. ein anderer ein paar schritte weiter hält mir einen brief vor die nase. entschuldigen sie! ich bin pole. ich habe eine problem. ich muss warten eine woche. jetzt brauche ich eine briefmarke. ich gebe ihm zwei fuffziger. in dem brief steht: lieber adam, diese worte wirst du nie lesen. vergangene nacht sah ich eine schweizer fünflibermünze vor mir und mir fiel wieder ein, wie wir sie nannten: cent sous. ein auto hält neben mir, rotlackiert. die seitenscheibe versinkt lautlos. pardon! wo geht es hier zur russischen kirche? ben alors….. fahren sie die hauptstraße runter, dann links in die senefelder. wenn sie dann auf tramschienen stoßen, immer denen nach, bis sie links die zwiebeltürme sehen. nie werde ich erfahren, ob sie sie fanden. jetzt einen espresso. mit dem rücken zu mir sizt eine junge frau. ihre tief taillierten jeans lassen das dreieck ihres string-tangas hervorschauen, zwischen ihm und dem beigen pullover spannt sich die schöne boa ihres rückgrats. neben einem briefträger stehend, fahre ich nach hause. sein gefährt ein rollstuhl für briefe, der lenker in form eines überdimensionierten kleiderbügels mit bremsgriff. unser postbote liest „la lenteur“ von milan kundera. seine augen liegen tief in den höhlen. sein gesicht ist ausdruckslos. soeben liest er den satz: „Vincent ayant la tête sous l’eau, elle est sûre que personne ne la regarde; l’eau monte à la hauteur de sa toison et lui parait froide, ell voudrait bien s’immerger, mais le courage lui manque…. elle trempe la main et, par des caresses, refroidit ses seins.“

21.4.2002

geburtshilfe

anus

ein weißgelb leuchtender spot in meinem glas, auf der rotweinoberfläche pulsiert er zum rhythmus von „I’ve got Bette Davis eyes“. Ich trage ein t-shirt mit aufgedruckten massage-zonen vorne und hinten. so kann nichts schiefgehen. neben mir sitzt ein taubstummer. er bestellt, indem er mit dem finger auf die karte deutet, und „nudeln!“ röchelt. ohne fleisch? fragt lili. sein bart gleicht dem des apostels adreas. die neue CD von brian ferry. frantic. er covert richard-coeur-de lion. ein dandy hat stil/ein dandy hat klasse/und er gibt sich nie ganz. oder: dont pay the ferryman, dont even fix a price, dont pay the ferryman, until he gets you to the other side. die turmglocke schlägt zwei. „zehn tage nach der explosion eines lasters auf der insel djerba hat das bka….“ apollinaire schrieb seiner geliebten ein gedicht mit je einem vers zu allen neun ihrer körperöffnungen. zwei für die augen, zwei für die ohren, zwei für die nasenlöcher – narines! – einen für den mund, einen für den anus, einen für die vagina. einer anderen geliebten schrieb ers auch, bloß tauschten da vagina und arschloch die plätze. warum? die vagina sei öffentlicher,, verehrter, besungener. das arschloch als letztes geheimnis. nun kundera: der mond ist der anus des universums.

eine walliser hebamme pflegte bei schwierigen geburten in bergdörfern den werdenden müttern einen rotwein-einlauf zu verabreichen. der erfolg war verblüffend. in sekunden waren sie betrunken und schmerzfrei.

 

©buh, thomas kutzli büro für unwiederholbare handlungen

Ayşe’s diaries

 

The other day Ayşe asked me if I could write down her memories, what she lived, felt and thought. Yes, I said, yes I will yes. Then days passed before I saw her again. I wondered what she might have experienced.

 

A house with a view

I had a long letter from our neighbour. It was a copy from what she sent as a complaint to the authorities, together with a plan of all our houses. She asks rather ultimatively to free her view (to the pool) – by cutting plants and trees. Can you go to court with your wish for a view? And why isn’t she looking to the seaside – in that direction she has free sight? I went to be rather mad. If I see her, I’ll greet her: “Merhaba, Sürtük Hanım!”

Anemone

Of course I am thinking about the wind sometimes. Did you know that the Greek word “anemoi” means “winds? We all should, because the Anemones are called “Windflowers” too. I will tell you my mythology of them (The official mythology is, that Anemone was a nymph at Flora’s court and that windgod Zephyr fell in love with her. Flora was jealous – well, Jealousy is important in mythologies – and changed her to a flower….). In my tales Anemone is a nymph too. Nymphs love humans, but each of them a certain kind. Anemone loved seamen. And they loved her! Always tried to catch her, but even sailing under spinnaker they couldn’t reach her…and she fled away and the poor ships didn’t get a breeze anymore and stayed in calm-zones…until she felt pity.

Years ago I heard a young woman from Siberia, Yvetta Gerasimchuk, holding a speech about winds. “I, from the windy town of Samara tell you Stuttgart-freaks, living in one of the most windless regions of the earth”, she began, “that clearly there are two types of humans: anemophiles and anemophobes!”

The anemophiles or “friends of the wind” are moveable, mobile types, they adore changes, they look towards the new. The anemophobes hate changes. “It has always been like this!”, they say. They want rules for everything. They want things to last. Don’t condemn them! How could we know a poem from Sappho if it wouldn’t have lasted for centuries in our minds at least. Better: to write things down. Archives and databanks are paradise for anemophobes. Anemophiles but don’t care, the play with life and culture like the wind with the falling leaves….

But we? Maybe we should have tho good things of both of them.

Waiting for Godot

I had a dream. DON’T tell me! Shoes and hats and simple answers. Dejà-vu. The longer we watch, the more we lose our orientation. Arm in arm on the Eiffel-Tower. Let’s go. No! We have to wait for Godot.

What we ate

Soufflé

1 broccoli, 3 carots, 1 big potato. Flour or potato-starch, butter, milk, cheese

Gently cook broccoli, carots and potato (in pieces) in salty water. Then put it all in a gratin dish. In another pot melt a bit butter, fry flour in it and, by stirring, add milk, salt and pepper to get a kind of Béchamel-sauce (flavour with muscat!), pour this sauce onto vegetables, scatter grated cheese all over and put everything into the oven (20-30 min, 200 Celsius, Turbo from up and down)

Pumpkin- (or squash-) soup:

Olive oil, onion, 1 garlic, ginger, 500 g pumpkin or squash, 1 apple,1l water, two cubes bouillon, salt, pepper.

fry the onions and the garlic, cut to small pieces, until they are glassy, then add water and the pumpkin cut to (3cm) cubes too. Peel the apple and the fresh ginger and add it to….cook for some time (how long? intuition) then go with electric whisk and make the whole creamy. finally, when soup is poured into plate add a bit pumpkin seed oil. The more ginger you add, the hotter it’ll be.

P.S. Béchamel-sauce, originally from Tuscany (“Salsa Colla or Colletta”), has it’s name after Louis XIV.’ banker Louis de Béchamel. Why are things named only after rich people? Why is there no “Ayşe-sauce”?

I love the way you walk

Lately I was aware how different people walk. Some stomp, some run, some sneak like on paws of velvet. That lady there! She walks proudly and deliberately, braving the world. Another one goes straight too, she don’t cares about the world, she wants to show her tits. Oh, someone with all the sorrows of the week on the shoulders! Not one step more (just to the next pub)! Why do we have ducks and geese? Look how he shambles over there! Often one feels a kind of hesitation in the gait, sometimes a shuffling or a rolling. Children do not feel the weight of gravity yet, they bound, they hop, they frisk. How much’s the world? We’ll not marry anyway (until mother wants it).

Die Strasse der schönen Leute

Die Strasse der schönen Leute

20.3

Hilfe! Brauche Euren Rat. Hab doch neulich eine Strasse “Strasse der schönen Leute” genannt. Nun sah ich heut an deren Ende einen hȁsslichen Gwaggli. Was soll ich nun tun? Die Strasse umbenennen? Etwa in “Strasse der nur am Anfang schönen Leute”? Oder die Strasse verkürzen?

26.3.

Allahallah! Musste die “Strasse der schönen Leute” schon wieder umtaufen! Sie heisst jetzt: “Strasse der schönen Leute (abgesehen von den normalen Strassenarbeitern)”

Barbara N. Grauwiler Manch guttrainierter Strassenarbeiter ist eine Augenweide für Passantinnen

1.4.

Glücklich über meine Namensgebung. In der “Strasse der schönen Leute” heute zwei mit wohlgeformten Nasen, jemand mit venetianischen Schultern und eine mit wunderschönem Arsch!

6.4.

Da meint man, mit der Rente fingen faulere Zeiten an, aber Pustekuchen! Musste heute die “Strasse der schönen Menschen” schon wieder umtaufen! Nun heisst sie “Strasse der schönen Menschen mit schönen Hunden wo die Glyzinien blühen”.

Silvia Heyer Bin gespannt, welche weiteren Strassenbegebenheiten noch in den Titel eingearbeitet werden können. Dann wird der Titel vielleicht ebenso lang wie die Straße selbst.

Thomas Kutzli Ein faszinierender Gedanke: Strassennamen lȁnger als die Strasse selbst! Mit dem Stadtplan in der Hand wȁre man damit schon in einer anderen, bevor man den Namen ganz gelesen hȁtte!

 

Thomas Kutzli Mir schwebt schon lange ein Stadtplan im Massstab 1:1 oder grösser vor

16.4

“Strasse der schönen Leute mit schönen Hunden, von denen manche Harley-Davidson, andere Sonnenbrillen schȁtzen, und zwar ganz unabhȁngig vom Blühen oder Verblühen der Glyzinien”

Wobei die Leute dort gleichzeitig (mal wieder) beweisen, dass es auf Erden nur 4 Qualitȁten gibt. Das glaubst Du nicht? Bitte zeichne ein Koordinatenkreuz: x-Achse = Harley Motorrȁder, y-Achse = Sonnenbrillen. Für jeden beliebigen Punkt gilt jetzt: Leute mit Harley und Sonnenbrille, Leute mit Harley ohne Sonnebrille, Leute ohne Harley mit Sonnenbrille oder Leute ohne Harley und ohne Sonnebrille. Hab ich recht?

(Obige Erlȁuterung habe ich aber NICHT in den Strassennamen aufgenommen, was würde sonst passieren? Der Drucker würde beim Erteilen eines Auftrags für Strassenschilder schier wahnsinnig werden, würde seine Haare ausreissen, sich Asche aufs Haupt streuen und seine Kleider zerreissen. Das verstiesse aber gegen die guten Sitten.)

10.5.

Grade in der “Strasse der schönen Leute” fastn Unfall gebaut! Weit mehr empörend aber: der andere Fahrer war NICHT schön! Moment ma: Bin ich schön?

22.5.

Mann! In der “Strasse der schönen Leute” wieder fast überfahren worden. Diesmal aber ok: der Fahrer war nicht hȁsslich. Ich wȁre einen schönen Tod gestorben.

23.5.

Eine Katze ging durch die Strasse der schönen Leute. Na und? Alle Katzen sind schön.

Jacques Jacobus Curfs Sind es solche mit Nagellack auf den Pfoten, Thomas?

24.5

In der “Strasse der schönen Schwalben” fliegen die Leute tief…ȁhm, nein, in der “Schwalbe der schönen Strassen”…ȁhm, in der Tiefe…ach was..ich fahr heut woanders durch!

 

28.5.

Heute in ein kleines Restaurant da. Keine Touristen. Aber das Lokal voll! Ich schȁtze an diesem Land, dass man überall auch am frühen Morgen Suppe kriegt. So “trank” ich Mercimek Çorbası (Suppe aus gelben Linsen püriert, mhm!) um 9.20! Ein schöner Kellner bediente mich, auch Koch und Beikoch na klar schön. Die Gȁste: alle schön. Einige trugen Tarnanzüge. Sie wollten wohl unsichtbar sein, das misslang ihnen aber. Sah man dort nicht ein gut gelungenes Schmetterlingstatoo auf den Schulterblȁttern, dort ne goldene Halskette? Wer nicht essen und trinken wollte, war zu Hause geblieben. Aus dem Innern brüllte jemand am TV mit weinerlicher Stimme über Verrȁter, Terroristen und auslȁndische Konspirationen. Der Kellner fragte mich, ob ich nicht in Euro bezahlen könnte?

30.5.18

Zum ersten Mal fand eine Lotterie in der Strasse der schönen Leute statt. Doch ein Unschöner hatte sich dazugesellt! Er kaufte sogar ein Los. Die Lose sahen aus wie chinesische Glückskekse. In seinem war ein Zettel, darauf stand: Grosses Los! Du wirst innerhalb einer Stunde schön werden! Und die schönen Leute? Die zogen alle Nieten.

1.6.

Seltsame Begebenheit in der Strasse der schönen Leute

Ausnahmsweise ging ich zu Fuss durch die Strasse. Aber da zwickte mich ein kleines Steinchen im linken Schlappen. Ich zog ihn aus und entleerte ihn, wobei ich aber mit dem nackten Fuss auf den Boden trat. Da klebten ungefȁhr zehn Steinchen an der Fussohle. Ich muss schauen, was die Leute hier für Schuhe tragen! dachte ich. Aha! Die meisten trugen geschlossene Turnschuhe und Socken. Nur eine Dame zeigte winzige Sandaletten und silbern lackierte Fussnȁgel. Muss ich mir jetzt die Zehennȁgel silbern anmalen? dachte es erschrocken in mir. Aber nein! Dafür weiss ich, was ich hier tu, wenn’s mich mal in der Unterwȁsche zwickt.

2.6.

Ein Gedicht? Mom. Muss ma in die Strasse der schönen Leute schaun

Der Feigenbaum, pathetisch

Wieviele Nackte könnte er beblȁttern!
Aber das sei weit
Wie der Himmel, gegen den er sie reckt
Um von ihm die Früchte zu empfangen
In den Achselhöhlen

3.6.18

Nichts

Heute fiel nichts besonderes in der “Strasse der schönen Leute” vor. Verlassen lag sie da, selbst die Glyzinien bis auf ein paar Nachzügler verblüht, die Maulbeeren weggegessen, die Feigen noch unreif. Ah, da blühen die “Morning Glory” am Zaun! Ist das erwȁhnenswert? Wie heissen die nochmal auf Deutsch? Ich glaube “Winden” aus der Familie der Convolvulaceae, kommt bestimmt von “konvulsivisch”. “Die zur Amputation bereitliegende Patientin wand sich konvulsivisch, da die Anaesthesie versagte, wȁhrend Cristina und Meredith nachdenklich zusammen im Bett lagen” (Ihr wisst: Grey’s Anatomy!). Die schönen Leute schliefen wohl noch (sicher in schönen Pijamas), die schönen Katzen und Hunde hatten am extra bereitgestellten Fresstisch (“Küçük dostlarımızı”) schon leergerȁumt. Unnütz zu sagen,dass mich nirgendwo was zwickte. Erinnert ihr euch an Louis XVI.? Er hatte am 14.7.1789 “Nichts” in sein Tagebuch eingetragen, da er auf der Jagd nichts erbeutet hatte. Und seine arme Frau Marie Antoinette! Aus dynastischen Gründen den Kopf verloren! Ganz anders Napoleon, der behielt den Kopf oben, selbst wenn er auf St.Helena Arsen schluckte! “Nach Frankreich zogen zwei Grenadier/ die waren in Russland gefangen/ und als sie kamen ins deutsche Quartier/ sie liessen die Köpfe hangen” (Mein Kaiser, mein Kaiser gefangen!) Ah, gut, dass die Französischen Truppen nur selten durch die Strasse der schönen Leute ziehen! “Dort will ich liegen und horchen still/ wie eine Schildwach im Grabe/ bis einst ich höre Kanonengebrüll/ und wiehernder Rosse Getrabe…dann steig ich bewaffnet heraus aus dem Grab, den Kaiser, den Kaiser zu schützen!” Aber heute nicht…. Selbst unser Mann, der dort an der Ecke organisches Obst und Gemüse verkauft, ist abwesend. Bestimmt nach İzmir gefahren. Wenn er mal net dahin auswandert, wie unzȁhlige Mittelklasseleute es wegen der schlechten Lebensqualitȁt am Bosporus (Beton! Verkehr! Trȁnengas!) es jetzt tun.

Shit! Eben fȁllt mir ein, dass jetzt “Klein İstanbul” zu Bodrum gesagt wird. Zum Glück sind wir in Turgutreis.

Ok, ok. Ich melde mich dann wieder, wenn es etwas zu berichten gibt.

5.6.18

Fünf oder sechs Leute sitzen in der Meyhane “Soru İşareti” (“Zum Fragezeichen”) und unterhalten sich über die “Strasse der schönen Leute”. Die Kneipe öffnet erst um 11 Uhr morgens, vorher waren die Zecher wohl aufm Markt (“Ausrufezeichen”?).

  • Überhaupt Du immer mit Deiner “Strasse der schönen Leute”! Bestimmt sind da nicht alle schön!
  • Vielleicht wohnen die Schöne und das Biest da?
  • Wobei das Biest zum einen durch die Schöne, zum andern durch Passieren der Strasse, kontinuierlich ein bisschen schöner wird.
  • Das gilt bestimmt für alle, die da wandeln?
  • Na, guck mich an! Ich geh da jeden Tag!
  • Du meinst mit “schöne Leute” ja doch nur sexy Hot Pants von hinten!
  • Gilt Orangenhaut auch als schön?
  • Manche kleiden sich auch schön, etwa mit Burka oder Hijab.
  • Jetzt werd nicht sarkastisch.
  • Kennt ihr die “Unsichtbarkeits-Burka”, sie wird übergestreift, und keiner sieht dich mehr!
  • Oh je, wer weiss, wieviele solche stȁndig hier unterwegs sind?
  • Naja, der schwarze Hijab ist ja – wenigstens Nachts – auch unsichtbar machend. Nicht mal die schwarzen Augen sieht man mehr.
  • Die Freundin meines Kumpels Burkhard lȁsst sich von ihm aber die Burka ausziehen.

(Guck! Typische Kneipengesprȁche!)

  • Gut, das mein Kumpel net “Unterhose” heisst
  • Jetzt werd’ nicht schlüpfrig!
  • Apropos Augenfarbe: Gestern sah ich zwei Schwestern, beide dunkelblond, aber die eine mit schwarzen, die andere mit ganz hellbraunen Augen! Ich rȁtselte: Ham die vielleicht dieselbe Mutter, aber nen anderen Vater?

(und so entfernt sich das Gesprȁch immer weiter von der “Strasse der schönen Leute”, so dass wir es hier nicht lȁnger wiedergeben müssen)

6.6.

Bin es müde, “Strasse der schönen Leute” zu schreiben. In Zukunft einfach “1484 Sokak”. OK? Ihr wisst ja dann den rechten Namen.

Vom einen Ende der Strasse sieht man das Meer, die Insel Kos im Morgenschatten ganz links, Çavuş Ada in der milden Morgensonne ganz rechts. Dazwischen ein Panorama von Inseln, teils türkisch, teils griechisch, Pserimos, Kalymnos, Leros, die vielen kleinen und winzigen Eilande, Çatal Ada…Der Himmel mit ein paar wenigen verwaschenen weissen Wolken! Alle Muscheln und Schnecken sind hellwach, das wunderbare Perlmutt zu kopieren.

Griechenland und die Türkei sind einmal wieder am Rande eines Konflikts um diese Inseln – ich bin fast sicher, dass unsere Leute vor den Wahlen noch etwas inszenieren, das weitere nationalistische Stimmen bringt – dabei: mir ist es herzlich egal, WEM diese Inseln gehören, und ich stelle mir vor, dem Einwohner einer Athener Vorstadt auch. Schön oder nicht.

7.6.

Gül

Ein anderer, der sich nicht schön fand – aber was ist “schön”? wir wissen ja, dass die Schönheit im Auge des Betrachters liegt (vielleicht die ganze Strasse?) – bekam jedesmal fast Depressionen, wenn er da lȁngsgehen musste. Gül, die das wohl sah, sagte daraufhin folgendes: “Mein Lieber, du gehörst zu uns, ganz egal, wie Du bist, wir lieben Dich gerade so, wie du bist!”, und umarmte ihn.

9.6.18

Der Staub der Jahrhunderte

Heute waren einige Stühle vor die Tür gestellt worden, man sah noch das rote oder weisse Plastiktuch, aber bereits war eine dicke Staubschicht darauf abgelagert. Das kam von den umfassenden Bauarbeiten, die die ganze Stadt in trübe Wolken hüllten. Ich sprach kurz mit dem –reichen – Araber Abu Nasr, “I’m all out of love!”, sagte der, “habe hier eine Villa gekauft, weil ich mich nach grünem Wald und grünen Gȁrten sehnte, jetzt verkauf ich das Haus wieder; Wüste kann ich auch zu Hause haben, und wahrscheinlich ist Sandwüste sogar schöner als der Beton hier!”

Hoffentlich sind nicht all die Leute hier auch staubbedeckt, dachte ich, und dann an die Archaeologen, die nach vielen Jahren die wunderbaren Statuen der Venus Kalipygos, der Aphrodite von Knidos oder der vielbrüstigen Kybele von Turgutreis unter Metern von Schutt hervorkratzen…

10.6.

Pazar

Um die Ecke war der allsamstȁgliche Markt, der Pazar, aufgebaut. Das weite Gelȁnde mit den Stȁnden der Kara Kuruyemiş, der Mert Doğal Zeytin Çeşitleri, der Bacaksızlar, wo man Kȁse, Joghurt und Milch erstehen konnte, war unter einem Meer von schützenden Planen verborgen. Werden auf See Segel gehisst, um davonzugleiten, werden sie hier aufgezogen um zu bleiben. Wo auch immer fahrende Hȁndler ihre Stȁnde aufbauen, spannen sie im Nu ihre weissen Segel auf, sie bieten Schutz vor Sonne, Wind und Regen… Darunter wuseln die Leute, halb in Hot-Pants oder Leggins, halb in blümchenstoffige Pluderhosen gekleidet. Gefastet wird wohl nicht viel, die umliegenden Lokale sind gut besucht. “Zufrieden jauchzet gross und klein: Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!”

17.6.18

Ich muss Euch unbedingt was von den Gȁrten in der Strasse der schönen Leute erzȁhlen: dort stehen dicht an dicht Auberginen, Paprika, Artischocken, Tomaten, Bohnen, Saubohnen, Kichererbsen und Bamia, es wachsen Mispel-, Aprikosen-, Pfirsich-, Feigen- und Kirschbȁume, überall gedeiht Wein, teils an Hauswȁnden, teils an Zȁunen und Bȁumen rankend. Am Zaun selbst die wunderschönen blauen Winden; an die Mauer hat der gütige Gott – auf dem Weg nach Frankreich, wo er sich an Gȁnseleber zu stȁrken gedenkt – hingeschrieben: “Siehe die Blumen am Wegesrand, sie schminken sich nicht, sie kaufen weder Push-up noch Ohrringe, sie lackieren sich weder Finger- noch Zehennȁgel, und doch sind sie schöner als die Königin von Saba in all ihrer Pracht!”. Gut gemacht! Die schönen Frauen hier würden sonst sicherlich der Hoffart verfallen, und das ist bestimmt eine Todsünde (die Mȁnner hier dürfen sich eh alles erlauben).

19.6.18

Zinggggg! Dunkel wird hell. Schwȁrze wird Aussicht. Sonne. Bananenstaude vorm Fenster. Daneben das zugemauerte. Jaja, ich weiss, die Nachbarn nennen es “Das einȁugige Haus”! Die Unordnung vom Vorabend, leere Rakıglȁser…Hatte ich Gȁste? Schnell unter die Dusche. Sehe mich in der Glaswand der Kabine. Wie mit dem Stifft gezeichnet. Bisschen schummerig. Muss zur Arbeit. Ein Glas Tee, ein Simit. Könnte nie ohne Tee frühstücken. Draussen: “Guten Morgen, Necla, wie gehts?”. Dem Gemüsemann an der Ecke “Kolay gelsin!” gewünscht. Im Büro die Angestellten alle schon da. Ahmet lȁchelt mich an. Warum duzt er mich?

20.6.

Die Strasse der schönen Leute ist voller Schlaglöcher, alter, notdürftig geflickter, neuer, unbeirrt offen starrender und vom letzten Sturm gegrabener. Jaja, auch schöne Leute haben mit Unbill zu kȁmpfen! Jetzt vor den Wahlen fahren regelmȁssig Propagandawagen durch die Quartiere, die trichterförmigen Lautsprecher auf dem Dach plȁrren lautstark. Ein Kleinbus der regierenden Partei bricht plötzlich ein, verschwindet in einem Krater, landet direkt in der Hölle. Noch immer lȁrmt der Lautsprecher. Stirnrunzelnd naht sich der Teufel: “Musik aus hier! Von uns habt ihr eh alle Stimmen!”

21.6. sexistisch

Zu meinem Entzücken tragen etliche Frauen hier keinen BH (#me too). Ja, ich weiss, es sind die ȁlteren mit dem Hippie-Erbe… Es gibt aber auch Argumente FÜR BHs. Hört die Geschichte: Fadime wird im stȁdtischen Bus ihr ganzes Geld gestohlen. Stracks rennt sie zum Polizeirevier. “Wo hattest du denn das Geld aufbewahrt?” fragt der Beamte (schlȁfrig). “Hatte alles im BH versteckt, Herr Wachtmeister, efendum!” gibt Fadime zu. “Und? Hast nichts gemerkt, als da jemand die Hand reisteckte?”. “Ah, es war wunderbar. Ich konnte doch nicht wissen, dass das ein Schurke war!”

22.6. didaktisch

In der Strasse der schönen Leute dürfen die Leute kein Fitzelchen Plastik wegwerfen oder sie werden sofort heruntergestuft. Kommt es mehrere Male vor, werden sie sogar potthȁsslich. Wer da stuft? Na, ich natürlich. Ich erinnere mich ans Val d’Anniviers (“Quand je pense a mon village…”), wo uns der Oberst einmal samt und sonders auf die Alp zurückschickte, um da den Müll, den wir liegenliessen, aufzusammeln. Es war schon Abend und der Weg dahin 3 Stunden… Da kommen doch die schönen Leute noch gut weg? Naja, inzwischen verwenden sie kaum noch Plastik. Selbst die Kondome sind aus Guttapercha. Die Leute da sind echt gut.

23.6

Strasse der schönen Leute, additiv

In Nr.1 = 7 schöne Leute

Nr.2 steht leer, nur Zwerghühner suchen da Schutz

In Nr.3 = jede Menge guttrainierter Strassenarbeiter. Aber sie sind schon beim Training

In Nr.4 = eine schöne Familie samt schwangerer Mutter. Wir wünschen ihr Schönes!

In Nr.5 = ein (gutaussehender) Gemüseverkȁufer. Aber er ist zum Wȁhlen nach İzmir gefahren. Wir wissen, was er wȁhlt. (Er ist bis jetzt noch unverheiratet. “Die würden mich nur wegen meiner Schönheit nehmen!” denkt er. Deine Chance, einen Platz in dieser Strasse zu ergattern!).

Nr.6 ist abgerissen. Nur Ebegümece wȁchst da. Die Leute: nach San Francisco ausgewandert. Du wirst sie da sofort erkennen.

Nr.7 = zweistöckig. An den Ecken schrȁge Dachhörnchen. Drinnen (mindestens) 2 Familien. Dem einen Kind (Nagehan) wȁchst grad ne Warze am Handgelenk. Wird es seinen Status halten können?

Nr.8 = ne piekfeine Villa mit einem schwarzen Porsche davor

Usw., im Ganzen ne gute Hundertschaft schöner Leute. Mann, Mann, Mann! Ne Augenweide.

25.6.

Strasse der schönen Leute, kontrapunktisch:

Puckel, Schorf im Gesicht, krumme Beine, die Silhouette ist auch nicht, was man sehen möchte, Schwimmhȁute zwischen den Zehen, verkniffene Gesichtszüge, schöne Gedanken!, erlesene Emotionen!, edle Ohrringe, schuppige Haare, Phimose, wunderbare Gedichte, Rosen beim Blumenhȁndler kaufen nicht vergessen!, trȁnende Augen, Fusspilz, stȁndiges Hüsteln, Mentholzigaretten, der Coiffeur soll die Augenbrauen stutzen!, finstere Aussichten, bin ich hȁsslich?, Hosen kneifen, Loch im Strumpf, Laufmaschen waren einmal, Pneumothorax, Chemotherapie, zeugungsunfȁhig, Karies, Mundgeruch, Blutgruppe D, Freund in den USA, liebenswert!

25.6.18

1484 Sokak (Gedankenflucht)

Fuhr heut durch die…ah schau mal, n Spatz! Wie verschieden sind sie von den Geiern! Die Geier (Vulturidae), deren Gesamtheit wir als Familie auffassen, sind die größten aller Raubvögel. Der Schnabel ist länger oder mindestens ebensolang als der Kopf und gerade, nur vor der Spitze des Oberschnabels hakig herabgebogen. Ein eigentlicher Zahn fehlt immer, wird aber, wie bei den Adlern, durch eine hervorspringende Ausbuchtung der Schneide des Oberkiefers ersetzt. Bei einigen Arten kommen Hautwucherungen, namentlich kammartige Erhöhungen, auf dem Schnabel vor. Die Füße sind kräftig, die Zehen jedoch schwach, die Nägel kurz, wenig gebogen und immer stumpf, so daß die Fänge als Angriffswerkzeug wenig Bedeutung haben. Die Flügel sind außerordentlich groß, dabei aber breit und meist sehr abgerundet. Der Schwanz ist mittellang, zugerundet oder stark abgestuft und aus steifen Federn gebildet. Der Schlund erweitert sich zu einem Kropfe von beträchtlicher Größe, der gefüllt wie ein Sack aus dem Halse hervortritt. Wer war noch Trapper Geierschnabel? Schon komisch, dass Karl May bei uns verboten war. Las ihn heimlich unterm Kopfkissen. Uhh, muss dringend die Betten neu beziehen. Dieses Jahr weit mehr Flöhe als üblich. Wir knicken und ersticken doch gleich, wenn einer sticht. Unsere Musiklehrerin mit dem hohen Blutdruck. Sie lebte mit einer Frau zusammen. Nun ja, ich kenne auch weitere Lesben. Das Duschen im Sportstudium: wunderbar! Lauter nackte Frauen! Aufpassen, gleich kommt jemand mit Alterserotik. Unverfȁngliche Sachen: Kartoffelpreise heute leicht gefallen. Tu mir einen Gefallen: schau net so blöd. LINKS abbiegen!

26.6.18

Die Strasse der schönen Leute – assoziativ

Wie fast jeden Morgen fuhr ich durch die Strasse der schönen Leute. Hab meine statistischen Parameter jetzt erweitert: zȁhle ausser den Kopftüchern nun auch die haarigen Beine. Da! fuhr grad ein Haariger inkognito auf seinen Moped durch die Strasse. Schȁmte sich nicht.

Die Hȁuser hier haben meist vergitterte Fenster, damit die schönen Leute nicht nach Paris ausreissen. Paris, Paris, wir fahren nach Paris! Paris, c’est une blonde… Blondes Bier, haha. Das war nett damals mit Marietta Biermann.Nur Figens Haus ist nicht vergittert, aber die ist eh in Ankara. Ankara, Ankara, güzel Ankara! Auch Keziban ist ausgerissen. Reiss dich am Riemen! sagte der Steuermann des Deutschland-Achters. Jedes Jahr das langweilige Rennen auf dem (schönen) Nordostseekanal…Da! fliegt ein Doppeladler. Du hasts mit Vögeln, Mann…

 27.6.18

Die Strasse der schönen Leute – gefȁlscht

Manche der Einwohner hier haben sich freilich unter falschen Voraussetzungen eingeschlichen, sei es, dass sie ihr schwarzes Haar blond fȁrbten, sei es, dass sie sich die Beine rasierten –denn Haarlosigkeit gilt ja in der heutigen Zeit als schön -, sei es, dass sie “Morning Glory” in Massen an ihrem Zaun erblühen lassen, um vorzuspiegeln, sie seien keine Morgenmuffel, oder sei es dass sie ein Sonnendach über ihr dreirȁdriges Gefȁhrt spannen, nur um dieses zu verschönern. Andere freilich wohnten schon hier, bevor die Strasse so benannt wurde und kümmern sich wenig bis gar nicht um ihr Aussehen. Das sind – beiseite gesagt – oft die apollinischsten. Einer hier, Özkan, schreibt Gedichte. “Ah”, sagt er, “wir Dichter haben es gut: nie werden wir wegen unseres Aussehens, unserer Bankkonten oder dicken Yachten wegen bewundert!”

28.6.18

Adjektive und Adverbien

Vor dem schönen, weissleuchtenden Haus in der sanftgeschwungenen und gleichzeitig sehr reparaturbedürftigen, holprigen Strasse der blendend schönen Leute verharrte regungslos eine Gazelle. War es wirklich eine? Oder vielmehr einer der vielen streunenden Hunde, die lȁngst ihre Bestimmung als Wach-, Hüte- oder Blindenhund vergessen hatten? Das senffarbene Fell wies zwar auf die scheue, grassfressende Spezies hin, die Lȁnge der struppigen Haare aber, der Haare, der wind- und wettergegerbten, die noch nie eine striegelnde Bürste gesehen hatten, liess eindeutig auf einen Kangal schliessen. Auch waren sein bulliger Kopf, seine blutunterlaufenen Augen, seine geifernde Schnauze mit den scharfen Reisszȁhnen – omf, wie lange hatten diese nur schleimige Nacktschnecken und hingeworfene Brotkrümel aufgeschnappt? – in keiner Weise mit dem eleganten Kopf einer der vielen immer flüchtenden Antilopenarten, die oft erst dann zur Ruhe kamen, wenn ihr Fell endlich vor dem Kamin eines fetten, abgefuckten Bürgers lagen, zu vergleichen.

Da stand der Kangal nun, erschöpft, ausgelaugt, endlich angekommen, flankenzitternd, selbstvergessen, stumm…

Di Strass vong schön Loit – ohne “e”

(Was gar nicht so einfach ist, ist “e” doch der hȁufigste Vokal in der deutschen Sprache. Wie gut, dass wir so viele “e”s auf Vorrat haben! Als Kind las ich die Reklamen auf der Tram und war untröstlich bei dem Gedanken, die Buchstaben könnten uns ausgehen! Bei der Gelegenheit eine nette Vokal-Anekdote: In Joyces “Ulysses” steht “A.E.I.O.U”. In dem Kapitel, dem 9., “Scylla und Charybdis”, ist auch ein Schriftsteller A.E. zugegen. Stephen sag ihm: “A.E., I owe you 1 pound” (A.E.I O.U. 1 pound). (Aber nu wirklich los J ))

Was für schön’ Typn (und Typin’n) wohn in that fucking Strass! Ich glaub, ich hab noch ni’ solch Ansammlung gfundn! Und dort: ȁ girl! Omf! Krass! Möcht aufstöhn! Naja, laif is laif (Vong Pflastr hȁr, Alda)…

Ich üb: Adla, Bruda, Mudda, Vadda, Rȁuba, Digga…

Wi du mir, so ich dir!

Das Tal war von Nȁbul ȁrfüllt

Bumsfidȁl

Di Sonn klotzt vom Firmadings

(Wie viel einfacher wȁrs doch ohne “y”! Wir würden einfach “Nümphen” oder “die Schlacht bei Üpern” schreiben)

Die Strasse der schönen Leute. Und was wohl Freud dazu sagen würde?

“…noch bevor wir auf ein Riff liefen konnten wir glücklicherweise am schönen Strand anlegen. Die Begleiterin hatte ein Schulterblatt und einen Anker, den warfen wir aus und er sank tief in den Sand, grad zwischen den Hausbooten, darin Leute standen. Aber die hatten keine Köpfe und trugen die Panamahüte auf den Schultern. SchulterHans sagte: Wükommen! Da fiel ich tief ins Erwachen…”

1.7.18

Die Strasse der schönen Leute – tüpfchenscheisserisch

Die Strasse der schönen Leute ist 378,56 m lang und erstreckt sich leicht geschwungen von Ost nach West. Wir finden 73 Schlaglöcher da, noch mehr von ihnen sind zuasphaltiert worde, was das Ganze aber nur noch holpriger macht. Entlang der Strasse sind 49 – geöffnete – Fenster, aber da die Hȁuser eh aus Angst vor Dieben vergittert sind, passt alles, was grösser als ein Sȁugling ist, nicht hindurch. Die Diebe aber sind in Urla, wo sie wissen, dass die Deutsche Schule grad von den Behörden versiegelt wurde und daher wohl keiner sie bei der Ausübung ihres Berufes stört. Es gibt in der ganzen Strasse keine Bewohner mit Glatze. Die Haarfarbe ist weit überwiegend ein dunkels Braun oder Schwarz. Echte Blonde sind rar, gefȁlschte gibt es einige. Wie es der Schönheitsnorm entspricht rasieren sich die Damen auch am Körper. Die Mȁnner aber zeigen unbeschwert bewaldete Brust, Schultern, Beine und Handrücken. Die durchschnittliche Penislȁnge der Mȁnner betrȁgt 13,9 cm (wir messen nicht wie die Englȁnder in Zoll!), die Körbchengrössen der Frauen schwanken zwischen AA und K, der Durchschnitt liegt wohl so um D. Wie soll man das feststellen, wenn die Frauen es selber nicht wissen? Sie probieren den neuen BH auf dem Markt beim Unterwȁschestand an, indem sie ihn überm Kleid anlegen. Auf dem Weg zum Strand, der 943 m weit entfernt ist, werfen sich die Damen ein Fetzchen übern Bikini. Da! Die eine trȁgt einen sehr schönen Poncho aus weissem Leinen mit feinen roten Querstreifen. Da sie sehr dünn ist, kann sie sich das leisten. Der Imam ruft: Schandbar! Wie die Frauen wieder ihren Körper zeigen! Einfach nicht hinschauen? Die schönen Leute geben im Monat exakt 981 TL aus – bei weitem nicht nur für Kosmetik. Gut, dass sie meist mehrere Kreditkarten besitzen, so kann man ordentlich Schulden machen. Die Menschen, aber nicht die Verben, sind im Ausnahmezustand. Am Abend wird der Fernseher angemacht, sie schauen aber weder A noch K, sondern Kanal D.

2.7.18

Brief

Lieber Onkel Albert!

Nun bin ich hier in Turgutreis angekommen und will Dir meine Erlebnisse brühwarm berichten. Meine Gastgeber wohnen in einer Strasse mit sehr seltsamem Namen: “Güzel insanlar sokağı”, was, soviel ich verstehen konnte “Strasse der schönen Leute” bedeutet. Aber sie wohnen hier nun schon viele Jahre, obwohl beide, sowohl Henner als auch Karen, in Mönchengladbach geboren sind. Karen spielt wundervoll Geige, bloss wird Henner dann immer unruhig und sagt: “Schatz! Denk an die Schönheit deines Halses!”. Das ist ganz unnötig, denn beim Musizieren sieht sie noch schöner aus als sonst schon in ihrem geblümten Kleid. Henner hingegen! Der Arme hat’s mit der Haut, schorfig wie Oskar oder Paul Klee….Er geht deswegen fast nie aus und verbringt viel Zeit am Laptop mit Herumsurfen. Kinder haben sie keine. Mal sehen, ob ich die Chance hab, so etwas wie eine Ersatztochter zu werden.

Ich denke, das hier ist ein nettes Stȁdtchen. Heute gehe ich erst einmal zum Markt um die Ecke, vielleicht auch zum Strand. Der ist auch gar nicht weit entfernt. Die Touristen laufen meist auch in der Stadt im Badeanzug herum….

Soweit meine ersten Eindrücke. Ich melde mich bald wieder!

Heute und stets

Deine Dich liebende Nichte

Caitlin

Mythologie

Einst ging Apollo unerkannt durch die Strasse der schönen Leute. Sein Blick fiel auf eine Jungfrau, die in der Küche eben Erbsen puhlte. Er verliebte sich spontan – und unsterblich. Kaum zurück im Olymp, schickte er seine Botin Koronis – eine weisse Krȁhe – mit einer Liebesbotschaft an die Schöne, und diese empfing ihn auch sogleich. Nach geraumer Zeit ereilte ihn die Botschaft, dass seine Schöne einen Sohn geboren habe. Mein Gott! Er bot ihr sogleich die Ehe an. Wieder schickte er Koronis, die Botschaft zu übermitteln. Aber wer will schon einen Gott als Mann? Um ihre Ehre zu retten, heiratete sie prompt Ali aus dem Nachbarhaus. Apollo aber wurde darüber so zornig, dass er Koronis schwarz werden liess. Ach! Wie oft bestrafen wir den Boten, der uns Übles bringt! Seither – da schau! – sind alle Krȁhen schwarz.

Telegramm (gibts die noch? Ich sollt SMS schreiben)

Ankomme 14.84 mit Flug 114 von Kansas City in der Prairie. Stop. Hab mich schön gemacht. Stop. Grasslands! Onkel Toni.

(SMS) Vong Aussehn her. Alda!

 Friedhof

mezarlık

Ich bin nicht sicher, ob ich Euch schon von dem Friedhof, der auch an der Strasse der schönen Leute liegt, erzȁhlt habe. Nun ja, ich tu es heute, weil gerade zwei Leute da gestorben sind. Ha! Auch schöne Leute leben nicht ewig… Hier werden die Menschen sofort begraben, und zwar nicht im Sarg, sondern einfach in weisses Tuch gehüllt. Zuvor sind sie von den Klagefrauen gewaschen worden. Die Bouboulinas mussten sich aufteilen, einige gingen zu Atila, die anderen zu Josette. Atila war pensioniert. Eifrig werkelte er in seinem Garten, wusch sein Auto öfter, als es nottat und machte dabei sein stetiges Mausegesicht. Josette war eine zugewanderte Französin. Ich fand heraus, dass sie nur zwei Tage vor mir Geburtstag hatte. Sie ging hier voll als Türkin durch, da die meisten ȁlteren Leute von der Schule her noch Französisch sprechen.

Die beiden wurden also am gleichen Tag “zur Ruhe gelegt”. “Ruhuna fatiha” wird auf ihrem einfachen Grabstein, den sonst nur noch die Daten von Geburt und Tod sowie ein grüner Lebensbaum schmücken, stehen. Die Begrȁbniszeremonie, als ob sie noch aus der Zeit der Nomaden, wo man schnell weiterziehen musste, stammte, war kurz und einfach: die Trauergȁste standen lose um die Gruft herum, der Imam sang ein recht einfaches Grabgebet, jede/r schüttete eine Schaufel Erde auf den Leichnam, der dann von ein paar Arbeitern kunstvoll zugeschüttet wurde. Das war’s. Ich erinnerte mich an die verscharrte Krȁhe nebenan. Hatte sie da liegen sehen, wȁhrend der Partner auf dem Eukalyptusbaum laut klagte. Spȁter hatte sie jemand begraben. Ist wohl die einzige Krȁhe, die auf einem Friedhof liegt.

 

Hundehalter schlȁgt neuen Namen vor: Strasse der schönen Meute

Morsealphabet

SOS! Redde mich! Bin am verwanzen. Kann ich zu euch wohnen kommen? Gruss Thomas Alfa

Dit Dit Dit  Dah Dah Dah  Dit Dit Dit/ Dit Dah Dit  Dit  Dah Dit Dit  Dit/ Dah Dah  Dit Dit  Dah Dah Dah Dah/ Dah Dit Dit Dit  Dah Dit/ Dit Dah  Dah Dah/ Dit Dit Dit Dah  Dit  Dit Dah Dah  Dit Dah  Dah Dit  Dah Dah Dit Dit  Dit  Dah Dit/ Dah Dit Dah  Dit Dah  Dah Dit  Dah Dit / Dit Dit  Dah Dah Dah Dah/ Dah Dah Dit Dit  Dit Dit Dah/ Dit  Dit Dit Dah  Dah Dah Dah Dah/ Dit Dah Dah  Dah Dah Dah  Dit Dit Dit Dit  Dah Dit  Dit  Dah Dit/ Dah Dit Dah  Dah Dah Dah   Dah Dah  Dah Dah  Dit  Dah Dit/ Dah/ Dit Dah

(Ein “Dah” ist dreimal so lang wie ein “Dit”)

 Triolen

Die Familie ganz unten an der Strasse hat ein AU-PAIR-GIRL von der Insel. Nein, nein, she is no EN-GLISH-ROSE, sie ist ein I-RISH-GIRL. Ein neuer Stern am FIR-MA-MENT der Strasse. Und so UN-BE-SCHWERT und SOM-MER-BRAUN!. Nur ihre Haare sind etwas UN-GE-PFLEGT. Da freut sich der Friseur. FI-GA-RO, FI-GA-RO, FI-GA-RO!

BDSM

Der Millionärssohn Emek Alparslan hat das perfekte Leben: viel Geld, ein tolles Anwesen in der Strasse der schönen Leute, einen schwarzen Porsche, eine erfolgreiche Firma. Nachts wandelt er auf den Pfaden der Lust und frönt seinen Exzessen aus Schmerz, Qual und Dominanz. Die Damenwelt liegt ihm zu Füßen und befriedigt nur allzu gern seine extravaganten Bedürfnisse. Einzig die achtzehnjährige Elif verweigert sich konsequent seinen Annäherungsversuchen. Doch Emek gibt nicht auf, er will die verführerische Gothic-Lolita unterwerfen und sie zu seiner Sklavin machen. Dabei muss er sich nicht nur mit Elifs eifersüchtigem Bruder Rashid auseinandersetzen, sondern bekommt es auch mit ihrem gewalttätigen Vater zu tun, der ein dunkles Geheimnis hütet …

 

Heute blau und morgen blau, und üüübermorgen wieder!

blueeye.jpg

Einige Fenster der meist weissgetünchten Hȁuser in der Strasse der schönen Leute sind blau eingerahmt. Die einen sagen, das sei wegen der Insekten, die dann nicht ins Haus gelangen, die anderen, es sei eine schöne Ergȁnzung und Antwort auf das Blau des Himmels, auf das tiefe Blau des Meeres mit den weissen Segeln darauf. Aber guck was sonst noch alles blau ist!: die architravmȁssige Reklame von Derya und Serdars Coiffeursalon “Hera”, dieselbe beim Bodrum Balıkçı, die Zehennȁgel der vorbeiflanierenden Schönen, viele T-Shirts, Shorts, Baseball-caps und Pajeros (ausserdem leben wir ja im Bluejeans-Zeitalter). Der Cherokee, der Chevrolet, der Toyota (trotz ihrer geschwungenen Formen sehen sie alle wie Panzer aus). Dort geht eine Mutter mit dem Baby vor die Brust geschnallt, in der Linken eine knallblaue Plastiktüte mit der Aufschrift “Waikiki”. Ja, selbst der gemalte Hahn und sogar die Kellnerin vom “Can-Can” sind ein Traum in blau!. Nur der Bȁcker gegenüber ist weiss von der Sohle bis zum Scheitel. Er versucht diesen Eindruck mit einer schwarzen Schürze und einem ebensolchen Schnurrbart zu bekȁmpfen: umsonst! Die Schürze ist mehlbestȁubt, der Schnauzer von weissen Haaren durchzogen.

Fener

fener

Die Strasse der schönen Leute hatte einen neuen Belag gekriegt. Das würde sicher für ein paar Monate reichen. Mit belegter Stimme fragte sie mich: “Kanntest du den alten Leuchtturmwȁrter noch?” “Den Adıl Çürük? Na klar, ich bewȁsser’ doch sein Grab!” “Leuchtturmwȁrter” ist ja heute eher so was wie ein Ehrentitel,da die Leuchttürme lȁngst vollautomatisch leuchten – oder nicht leuchten. Deshalb hatte Adıl auch Zeit, hier ein Fischrestaurant zu eröffnen, “Fener” (Leuchtturm) nannte er es. Vor der Tür wuchs ‘ne riesige alte Tamariske. In der Nacht, als Adil einem Herzschlag erlag – er war erst knapp über 50 – fȁllte der Poyraz, der stürmisch von der nördlichen Aegȁis rüberwehte (“Wind, du mein Freund”, “Wind, du mein Feind”) den Baum. Echt! Zufall. Heute weht dieser Wind ja auch, verziert die See mit Schaumkronen und lȁsst die Mȁdchen und Buben am Steuer der Optimisten trotz Schwimmwesten-Pflicht leicht pessimistisch werden.

Die Strasse der schönen Leute aber verstummte. Wer’s nicht glaubt, soll hingehn und die Ohren spitzen.

Bodrum Balıkçı

Die Frau im Laden sitzt gerade am Frühstück. Spiegelei, Sucuk, Brot in Fettunke, alles mit scharf. Sie diskutiert lautstark mit ein paar Mȁnnern, springt aber auf, sowie sie Kundschaft sieht. Die Frau ist freundlich, der Fisch ist Barsch. In vier Teile teilen? Nein, nein, vier Stück. Fischfarm oder natürliche?. Sie  nimmt sie aus und gibt einem die Plastiktüte. Des Meeres und der Liebe Wellen. Die harte Pflicht des Sommerbades, allerdings auch Erfrischung bei 40,5 Grad. Leute und Fische müssen danach braun werden.

17.7.18

In einem der Gȁrten wȁchst ein Bananenbaum. Die schönen Leute lieben Bananenbȁume. Ihre langen Blȁtterfahnen von auffȁlligem hellgrün laden zum Beschreiben ein. Sind sie nicht dünn wie Papier? Aber vom Wind mehr zerrissen als jeder Papyrus, denkt der schöne Hikmet. Auf was haben die Menschen nicht alles geschrieben!, denkt er, auf Stein-, Ton-, Wachs- oder Goldplatten, auf Schilf, auf Tier- und Menschenhaut, dann auf Papier und jetzt auf Null und Eins!

Er riss ein noch einigermassen intaktes Bananenblatt ab und begann zu schreiben. Das Deutsche verblich sofort wieder, das Englische liess seine Hand zucken, nur das Türkische schrieb sich leicht! “Tuna’ya rastladım, akıyor çamurlu, çamurlu…” Aber guck: auch deutsche Lyrik verblasste nicht: “Schöne Jerachina/ wollte Wasser holen/ aus dem tiefen, tiefen Brunnen/ doch da rutschte sie auf einer Bananenschale aus! /Dumm, dumm, dumm, was da geschah:/ Schöne Jerachina in den Brunnen fiel…”

Hikmet dachte an sein Tatoo auf dem linken Oberarm: ein Şahmaran. Ob er deswegen jede Nacht denselben Traum trȁumte?

20.7.18

Elif

Elif hatte einen Liebhaber aus Norddeutschlands Bispingen. Er war ein Bauer, kam aber nach Turgutreis wenn er im Herbst mit der Arbeit fertig war. Zuerst war er freilich nur Gast im Haus, bald aber fanden sich die beiden voneinander elektrisiert und eines schönen Tages nahm er sie von hinten, als sie beide – völlig unbewegten Gesichts – zum Fenster im ersten Stock hinausschauten. Und das, ohne dass sie auch nur ein Kleidungsstück auszogen.

Rolf – so hiess der Gast – war ihr fortan sehr lieb. Wie schlimm, dass er im zeitigen Frühjahr wieder nach Norden musste! Er schickte Postkarten von blühenden Osterglocken und Briefe – aber was ist das schon gegen Umarmungen? Sie waren fast gleichaltrig und – auch nach Ansicht der beiden Elternpaare – füreinander bestimmt. Da kam die Nachricht von seinem Tod – ein Unfall nach einem Kinobesuch. Und es war auch noch “Der Himmel über Berlin” gewesen…..Elif vergass das Lachen und wie nichtschwarze Kleider aussehen. Jeden Tag stand sie am Fenster und schaute auf die Strasse hinaus. Und Postkarten von Osterglocken taten ihr weh.

 Frage und Antwort (à la Joyce)

Wie sah es in der Strasse der schönen Leute am 22.7. 2002 so etwa nachts um 1 Uhr aus?

Viele der Bewohner schliefen schon, denn es war mitten in der Woche und sie mussten den nȁchsten Morgen arbeiten. Elif kam mit ihrem Besucher und Liebhaber Rolf grade heim von der Discothek. Sie gingen da nie am Tage der Schaumparty hin (“Tand, Tand, ist das Gebilde der Menschenhand!”). Sie hatten vielmehr zur Musik von Kylie Minogue getanzt. Can’t get you out of my mind. Nun waren sie erschöpft; dass das Gelȁnde vor ihrer Strasse steil anstieg, erschöpfte sie zusȁtzlich. “Telegrafci Kemal” hiess diese sehr mühsame Strasse nach einem, der im Befreiungskrieg bis zum Ende Nachrichten gemorst hatte. Erst der Feind hatte das “bib bib biib” zum Schweigen gebracht. Nur ein toter Telegrafist ist ein guter Telegrafist, war ihre Devise. Gut, das auf halbem Wege ein Marmorblock am Strassenrand lag, da konnten sie sich hinsetzen und erholen. Streunende Katzen und Hunde, die Futter witterten, leisteten ihnen bald Gesellschaft. Aber schon ging es weiter und bald erreichten sie die Strasse der schönen Leute und ihr Haus.

Worüber unterhielten sich die beiden wȁhrend des Heimwegs?

Über andere Tanzpaare, teils fast unbekleidet, über die zu laute Musik, über Derridas Bücher, über die neuesten Dekrete des Prȁsidenten, über das unselige Fȁllen von Feigenbȁumen, über Olivenöl, über Make-Up, über Kleidermoden, über Sternbilder, etwa Cassiopeia oder den Kleinen Hund, über die Erdachse und manches andere.

Was taten die beiden, als sie zu Hause ankamen?

Sie gingen nicht sofort zu Bett sondern in die Küche.

Was geschah da?

Elif setzte sich an den Tisch, Rolf aber, der sich im Hause schon gut auskannte, setzte Teewasser auf. Das zweiteilige Tee-Kochgerȁt wurde auf dem Herd plaziert, unten das Wasser, oben ein Tee-Konzentrat. Als das Gebrȁu fertig war, schenkte Rolf vorsichtig zwei Tassen voll, indem er erst einen Fingerbreit Tee durch ein Sieb in die Tassen einfüllte, dann beide mit heissem Wasser auffüllte. Elif nahm vorsichtig einen Schluck, verzog dann die Miene, da der Tee ihr offensichtlich zu heiss war. Rolf setzte sich gegenüber seiner Tasse auch an den Küchentisch.

Würde der Teegenuss die beiden nicht des Schlafes berauben?

An sich schon, aber da die beiden Alkohol getrunken hatten, des Weiteren im Bett nicht gleich einschlafen, sondern ficken würden (bis dass die Wirkung des Teeins nachgelassen hȁtte?), fiel das nicht so ins Gewicht.

Was geschah sonst noch in der Strasse der schönen Leute?

Nicht viel. Die schönen Leute schliefen. Ein Igel ging auf nȁchtliche Tour. Der Mond schien durchs Fenster unseres Paares und liess Laken und Haut erbleichen.

Katzendrama mit glimpflichem Ausgang

Im Haus Nummer 11 hatten sie eine neue Katze gekauft, eine recht riesige weiss-rote mit Namen Rakı. Sie hatten sie über eine Woche nicht aus dem Haus gelassen, nun aber, beim ersten Freigang, riss Rakı gleich aus. Eilig wurden die Nachbarn zusammengetrommelt; Cem war sogar mit Stock gekommen. Gross war die Aufregung, als Rakı endlich im Gebüsch zum nȁchsten Grundstück entdeckt wurde. Komm, bus bus bus! Und andere Lockrufe ertönten. Sogar Büchsenfutter wurde eingesetzt. Kıh mühte sich auch. Tamer schliesslich bekam das Tier zu fassen – doch das bekam Angst und kratzte ihn schmȁhlich. Wenn sich die Wunden an beiden Handgelenken mal bloss nicht entzünden! Rakı aber tut drinnen im Salon, als ob nichts gewesen wȁr…

 Löwenmȁssig

Vor dem Haus Nummer 43 liegen zwei goldene Löwen, wie man sie oft in chinesischen Restaurants findet, aber die beiden schauen in die gleiche Richtung (“die Strasse runter” – Strassen sind wie Flüsse, sie fliessen abwȁrts). Ist da unten was geschehen? Unwillkürlich schauen wir in dieselbe Richtung. Oder ist da gestern was geschehen und die beiden schauen da immer noch hin? Wahrscheinlich ist jemand hingefallen, etwa eine Frau, die grad vom Einkauf kam – die Tomaten rollen filmmȁssig übers Pflaster. Oder zwei Kinder spielen mit Murmeln und die Löwen möchten auch? Oder das Strassenbauamt hat zwei Arbeiter geschickt, die einen Graben in den frischen Belag hacken? Der eine, mit dem Pickel in der Hand (Barbara!) zeigt ausgeprȁgt schönes Muskelspiel, der andere zieht grad die Socken aus. (Frauen haben Seidenstrümpfe, Wollstrümpfe, rote Strümpfe, karierte Strümpfe, Strumpfhalter, Strumpfhosen, Tennissöckchen, Fusskettchen, Mȁnner haben frische Socken oder Kȁsesocken). Bei der Hitze arbeitet es sich bestimmt besser ohne Socken.

Brȁnde

Schrecklich, was im griechischen Mati geschah! Und wenn die regenreicheren Lȁnder nicht bald einmal mehr für die Umwelt tun – sagen wir mal, ebensoviel wie die Griechen – wird sich das wiederholen. Soweit kann es bei uns gar nicht mehr kommen – es sind keine Bȁume mehr da. Jahrelang hatten wir im Sommer Feuer, bis schliesslich nichts mehr übrig war. Zuletzt brannte das trockene Gras! Wahrscheinlich weil jemand am Strassenrand alte Matrazen angezündet hatte. Jetzt sieht die Gegend braun und wüstenartig aus. Nur am Strand wirds leise farbig – von grünen und roten Bikinies. Dahinter: Steppe! Auch in unserer Strasse brannte es mal. Unser Arbeiter Ali hatte sein Haus genau in der Windrichtung des Feuers. “Ach was!”, sagte er, “der Wind wird schon drehen”. Dennoch telefonierte er auf unsere Aufforderung hin der Feuerwehr. Es kamen Gendarmen. Alis Anrufe wurden dringlicher. Dann schrie er. Als sein Kuhstall schon kokelte, gelang es uns mit vereinten Schlȁuchen, sein Haus zu retten. “Seht ihr”, meinte er, “Allah hat uns beschützt!”

 Was fürn Theater!

Diesen Abend gingen Hanife und Deniz, Einwohner der Strasse der schönen Leute, nach Gümüşlük ins Theater. Die Akademie mit ihrem wunderbaren kleinen Open Air Theater hatte gerufen. Aus der beiden Lesekreis waren auch die anderen gekommen: Mustafa, Aynur, Dilek, Leyla und ihr Mann, Figen… Es war ein “Eine-Frau-Stück”, die Schauspielerin bestritt den Akt mit Weinen, Lachen, Tanzen, Stampfen, “Rolling-on-the-floor”, mit ausdrucksvoller Sprache und Mimik. Deniz lȁchelte, Hanife lachte. Warum haben wir hier so wenig Theater? dachten sie nachher. Der Mond schien, die Hunde bellten, ein Tausendfüssler hetzte über die Bühne. Der Wind schlief.

 Eukalyptus

Ein Haus hier hat ein Loch in der Wand, das wie ein zahnloser Mund aussieht, ein anderes, aus Naturstein, fast ganz verfallen und unbewohnt, hat gar einen langen, senkrechten Mauerriss in Form einer Vagina. Nun ja, es heisst ja hier nicht “Strasse der schönen Hȁuser”…

Vor Nr. 7 steht ein mȁchtiger Eukalyptusbaum. Ich liebe Eukalyptusbȁume, trotz ihrer asymmetrischen Blȁtter, die so bezaubernd in Bewegung und Farbe sind! Ausserdem ist Asymmetrie eine Bedingung für Schönheit. Der Mensch ist leicht asymmetrisch (Herz auf dem linken Fleck). Ein symmetrisches Gesicht sieht seltsam aus. Ausserdem weiss ich als Busenfetischist, dass die Brüste der Frauen nicht gleich gross sind – als ich Friederike einmal darauf hinwies, war sie recht sauer…Mann! Zurück zum Eukalyptus: Der letzte stürmische Wind hatte grosse Teile der Baumrinde abgesprengt, diese kakaobraunen Stücke lagen nun malerisch verteilt am Boden. Schau – da ging eben ne Dame vorbei, deren T-Shirt die Aufschrift “Çifte lezzet – kakaolu sade” trug (besser als “I’m proud of you”, wegen steiler Wölbung nur mühsam zu lesen). Die Rindenstücke rollten sich zum Teil röhrenförmig zusammen, sahen bizarr wie der Umriss der Philippinen aus oder waren in kleine Teile zerbrochen. Es knirscht, wenn man auf sie tritt. Doch warum soll man sie zermalmen? Lieber baut man Schiffchen daraus.

 Die Strasse der schönen Leute bei Vollmond

Ah, wird abends schnell dunkel hier. Wieso die Hunde wohl bellen? Haben die ne Versammlung? Sonst alles still. Keine Hochzeitsfeier, wo sie in die Luft schiessen. Fast ganz ruhig, das Bellen ganz weit weg. Aber die Leute auf der Strasse sind sichtbar – Mondschein. Ah, wollen die Mondfinsternis sehen! Blutmond sagen sie, pah! Blutwurst, Blutkuchen, aber Blutmond? Naja, Büchner, wie ein blutig Eisen. Ich verzichte. Heute kein Erdbeben. Vielleicht morgen.

 Das letzte Hemd

Mehmet, der früh zur Arbeit muss, fand ein Hemd auf der Strasse liegen. Ein wundersames Hemd! Mal schien es aus feinen Goldfȁden, mal aus Seide, mal aus Tierfell zu sein. Wenn Mehmet wüsste, wem das Hemd gehört! In der Nacht, als alle schliefen, traf sich Gott Apollo, der grade auf dem Weg zu seiner Geliebten Koronis auf der Insel gegenüber war, mit einer Schildkröte. Die Schildkröte, frech wie sie war, bot dem Gott eine Wette an: wer zuerst das Ende der Strasse erreiche, habe gewonnen! Apollo lȁchelte: Ich geb dir 100 Meter Vorsprung und werde trotzdem gewinnen! Top. Als die Schildkröte nahe dem Ziel die halbe Strecke zurückgelegt hatte, hatte der Gott ebenfalls die halbe Distanz bewȁltigt. Dann nahm die Schildkröte den Rest der Strecke in Angriff und liess wiederum die Hȁlfte der Entfernung hinter sich, ebenso wie der Gott, undsoweiter. Würde Apollo sie jemals einholen können? Im Eifer zog er sein Hemd aus und warf es auf die Strasse. Nun? Wisst Ihr, wer gewann? Mehmet kannte die Geschichte nicht.

Blue Hotel

Etwa in der Mitte der Strasse ist ein dunkelschattiges Pinienwȁldchen und mitten darin das “Blue Hotel”. In der Eingangshalle, auch hier “Lobby” genannt (wir haben viele solcher Wörter wie “Happy Hour”, “Beach-Café”, “Chips” oder “Breakfast”) steht auf dem Tisch eine Schale mit Granatȁpfelfrüchten. Damit hat es eine besondere Bewandtnis: wer sie nicht anrührt, kommt und geht als ein normaler Hotelgast, wer aber nur eine Beere vom Granatapfel isst, kann das Haus nie mehr verlassen! Die Besitzerin heisst Baubo, Baubo Hanım, wie wir sagen. Einer der Gȁste verzweifelt an der Gefangenschaft hier. “Lieber ein Sklave draussen auf der Strasse als ein König hier drin!”, pflegt er zu sagen.

Lesegruppe

In der Strasse der schönen Leute gibt es eine Lesegruppe.In 49 Tagen haben sie “Ulysses” von Joyce ganz gelesen! Dafür trafen sie sich im Wȁldchen vor dem “Blue Hotel” und jeweils eine las laut vor. Mustapha gab Anmerkungen, Dilek schrieb jeden Tag eine Zusammenfassung, in einer Onlinegruppe wuren Bilder und Musikstücke gesammelt.

Jetzt nicht in ein Loch fallen! Lamia ist nach Kuşadası, Mustapha nach İstanbul, Figen nach Ankara gefahren. Deniz und Hanife haben Familie und Freunde zu Besuch. Aysun singt. Leyla kippt mit dem Stuhl ins Meer. Die Beine hatten sich einseitig in den Sand gegraben. Nicht an den schiefen Turm von Pisa denken! Şebnem wurde krank und wieder gesund. Sema jagt Grillen. Was Nalan wohl macht? Hoffentlich hat sie nicht die Hotellobby betreten und da von den Granatȁpfeln genascht! Ein Buch ÜBER Ulysses soll entstehen. Zudem will die Gruppe in einem Jahr nach Dublin fahren und am Bloomsday da lesen…

Sonne oder Mond?

Rund ums Mittelmeer spielt sich das Leben im Sommer weitgehend im Freien ab. So auch in der Strasse der schönen Leute, wo im unteren Teil die Bȁckerei sowieso für Laufkundschaft sorgt (“Früh steht sie auf, wie die Bȁcker…”). “ Wenn die Preise der Sesamsamen weiter so steigen, werde ich die Simit-Produktion bald ganz einstellen”, sagt der Bȁcker schulterzuckend. Das freilich, würde an die Basis der hiesigen Kultur rühren…

Es herrscht ein Ein und Aus, zuerst der Berufstȁtigen, spȁter der Rentner und Feriengȁste. Das Auto wird mal eben in der Mitte der Strasse geparkt und blockiert alles. Wir sind andererseits ins Mittelalter zurückgekehrt, denn der Wassergraben ist neu in der Mitte der Strasse. Ein Wagen fȁhrt – zisch! – mitten hindurch und durchnȁsst einen Passanten, der mit empörten Rufen und Handbewegungen antwortet. Rufe hallen auch aus dem Hauseingang, aus dem das ganze Wasser strömt. Kurz darauf spuckt die Tür einen durchnȁssten Klempner im Military-Look, den Schraubschlüssel in der Hand, aus.

Die Fischfrau daneben, in Shorts, blauen Leinenschuhen und grauem, losem Shirt (denn sie ist stȁmmig)(und resolut) erzȁhlt unbeindruckt von der Treppenhauskatastrophe lȁchelnd einer Grupe von drei alten Mȁnnern schlüpfrige Witze. Gegenüber im “Can Can” sind die Gȁste bereits zur Auberginensuppe übergegangen. “Mhm, mit Rahm, gell?” fragt eine wunderschöne Frau die Kellnerin.

Eine andere, in blumigem Shalwar und blumiger Bluse, fegt den Hintereingang zur Backstube, wȁhrend ein Sepia- und Ahtapod-Lehrling die steile Leiter zum Obergeschoss erklimmt. Bis die Kundschaft kommt, kann er sich noch etwas hinlegen. Die landestypische Fȁhigkeit, auch aus starrster Ordnung Chaos zu erzeugen, wird auch hier sichtbar: in buntem Durcheinander und oft ein bisschen schief sind Klimaanlagen und Parabolspiegel montiert; die picobello glȁnzenden Wȁnde der neuerrichteten Hȁuser sind weitgehend aufgebrochen, weil man vergass, die elektrischen Kabel und die Schalter zu planen.

Vorm Friseur gesellt sich ein Freund zum gemütlich dasitzenden Ladeninhaber. “Bruder”, sagt er, “ich bin gekommen, dich zu verwirren. Was ist wichtiger, die Sonne oder der Mond?” “Die Sonne?” “Nein, der Mond natürlich. Die Sonne scheint ja nur tags, wo es ohnehin hell ist!”

Frau und Mann

Mann und Frau sitzen am Frühstückstisch.

Mann: Du, wolln wir heut zum Pazar? Na, oder ich geh alleine hin, brauchst Du was? Tomaten.? Ja, ich such sie selbst aus. Und irgendein anderes Gemüse? Bamia? Nein, Bamia nicht, die sind so kniffelig zuzubereiten, essen wir mal als Fertiggericht an einem oder anderen Ort. Wenn Du den Mangold zum Mittagessen machst, kann ich nochn bisschen zu “Marco”. Du weisst, ja, meine Statistiken. Ah, man müsste schwul sein, jede Menge Mȁnner ohne BH, und wenn du Leichtatletik guckst, siehste alles unterm Trikot…Gut, dass in der Innenstadt meist Schatten ist, man wird ja schnell sonnenstichig. Dort in dem Laden haben wir die Leichentücher für Nermin gekauft, aber sie lebte noch. Erinnerst Du Dich? Da waren auch noch all die kleinen Lȁden, Schuhmacher, Schneider und Metzger, die jetzt fürn Parkplatz weggehauen sind. Puh, die Englȁnder, die gehen nicht in ein Lokal, die fallen da ein…Mit “Marco” geht’s in letzter Zeit abwȁrts, gut, dass es das “Can Can” gibt, nur noch an Samstagen ist hier echt viel los. Wo wohl alle die elektrischen Gefȁhrte wieder Strom aufladen? Zu Hause wohl, hab noch keine Ladestation gesehen. Sehr praktisch mit den drei Rȁdern. Die Oma passt hinten drauf und kann die Tüten halten. Ah, weisst was? Ich kauf auch Vişne, da kannst dann wieder Likör machen. Oder ist die Sauerkischenzeit schon vorbei?

Frau: Hm.

(es klopft an der Tür, es ist Şengül)

Şengül: Hallo! Kann ich mir bei Euch kurz die Hȁnder waschen? Ich hab in Hundescheisse gefasst.

Mann: Na klar!

Du siehst viel schöner aus als früher!

Şengül: Das macht das Glücklichsein.

(Sie trȁgt Sandaletten mit der Aufschrift “Harun-al-Raschid”. Das macht sie immer, wenn sie inkognito spazieren will)

Missgeschick

Nagehan, die hier wohnt, hinkt seit neuestem. Das kam so: wie immer wollte sie morgens das Frühstück zubereiten, hielt fürs Teewasser die grosse eiserne Kanne untern Hahn (wie die meisten nehmen wir hier das Trinkwasser aus gekauften 5-Liter-Plastikflaschen, Nagehan liess den Tischler ein Möbel bauen, darin ist oben die Flasche, so dass der Ausguss auf Brusthöhe ist, untern sind drei Schubladen), aber dann sah sie einen Dreck in der Kanne, zog automatisch die Kanne ans Auge, worauf das Wasser in die halboffene Schublade strömte. Aber: aus den Augen, aus dem Sinn! Sie schob die Schublade einfach zu und machte weiter. (Das glaubt ihr nicht? Vor langer Zeit fuhr ich einmal mit dem 2CV in dunkler Nacht auf der Autobahn Frankfurt – Kassel. Plötzlich leuchtete das rote Lȁmpchen, das Schȁden an der Lichtmaschine anzeigte, auf. Das durfte jetzt nicht sein! Kurzerhand riss ich das entsprechende Kabel ab – und richtig: das Lȁmpchen erlosch). Im Innern aber quollen die weissen Böhnchen, die in der Schublade verwahrt waren, auf, und auch das Holz des ganzen Möbels machte mit – bis das eines anderen Morgens alles explodierte und die arme Nagehan von einem Holzsplitter am Knie getroffen wurde! Da fluchte sie, und wer würd’s ihr verübeln. Sogleich erschien die Schönheits-Aufsicht: “Was soll das? Hass macht hȁsslich!”, und sie wollten sie der Strasse verweisen. Doch da lȁchelte sie unter Trȁnen. Guck! Lȁcheln macht schön!!

Buchladen

Unser Nachbar Hasan möchte gerne einen Buchladen aufmachen. Es fehlen nur Raum, Geld, Zeit und Bücher. So beginnt er seine Bittstellertouren. Auf der Bank sagt man ihm: Natürlich sei ein Kredit möglich, es gȁbe aber viel vielversprechendere Unternehmungen, denn wer lese überhaupt noch, und die wenigen, die Buchstaben auf die Reihe kriegten, seien ja nur die Zeitungsleser, und die verweilten laut Umfrage meist bei Überschriften und gingen dann zur Suche nach Fotos mit nicht blickdichten Seidenstrümpfen über. Die Wohnungs- und Hausmakler betonten den Wohncharakter der Strasse – auch wenn da einige Hȁndler sich breitmachten -, die grossen Buchlieferanten waren grade dabei, ihre Assortiments auf Onlineverkauf, Book on Demand und PDF umzustellen; da Hasan noch immer bei BIM arbeitete, konnte er seine Plȁne auch nicht konsquent genug verfolgen, kurz, die Lage schien alles andere als günstig. Hasan aber war ein Dickkopf. Am Lesen hȁngt die Kultur, war sein Credo, schau, selbst die Gefȁngnisse haben Büchereien! Er verfolgte seine Plȁne mit Akribie und Sturheit, nahm sich freie Tage für seine Termine bei Banken und Maklern, breitete abends vielfach überarbeitete Plȁne auf dem Schreibtisch aus, brütete über Vergangenes und Zukünftiges, betrank sich wohl auch aus Verzweiflung über den langsamen Fortschritt seiner Unternehmungen, vergass fast völlig, den TV anzuschalten und Kanal D zu kucken. Wie es mit ihm wohl weiter geht? Wir können nur das Beste hoffen.


Achtung vor dem Hunde!

Dann kam vor ein paar Tagen ein Hund zu Hasan. Der war gerade wieder brütend über seine Plȁne gebeugt. Der Hund war gross und weiss, seltsam, etwa wie ein Polarhund. Gut, dass Hasan die Hundesprache versteht! Mit dem Buchladen wird das doch nichts, mach lieber einen Hundesalon auf! sagte das gutmütige Tier.  Was, Hundesalon? (Hasan leicht genervt). Da krieg ich doch nie eine Genehmigung! Die Behörde aber zeigte sich – und das ohne Bestechung! – ungewohnt grossmütig. Wir werden einen Wettbewerb ausrufen, und wer die schönsten drei Hunde prȁsentiert, kann den Laden aufmachen! las Hasan in dem amtlichen Schreiben, welches schon drei Monate darauf bei ihm landete.

Ah, welche Freude! Der zugelaufene Hund wurde blau gefȁrbt. Einem weiteren glatten Dobermann wurden die Worte “Achtung vor dem Hunde!” sorgfȁltig einrasiert. Ein dritter wurde ganz mit Glitter überstreut (und zudem eine ganze Dose Reserveglitter am Halsband beigefügt). Wir sind zuversichtlich, dass Hasan die Erlaubnis, einen Hundesalon in der Strasse der schönen Leute zu eröffnen, bekam.

 Megan und Prinz Harry zu Besuch

An dem Tag, als die Strasse der schönen Leute über die Fortdauer des Abtreibungsverbotes abstimmte, waren die frischverheirateten Royals zu Besuch. Blöderweise – oder vielmehr zum Entzücken mancher Einwohner hier – hatte Megan ihren BH vergessen (Megan, you’re so far away from home!). Mit mehr oder weniger Erfolg versuchte Harry, durch seine löcherige Schuhsohle davon abzulenken. Ah die Abstimmung. Sie ging mit grosser Mehrheit für die Erlaubnis von Abtreibungen aus (die mit den blauen Taschentüchern am Handgelenk triumphierten über die mit grünen – die religiösen, wohl im Gegensatz zum landesweiten Ergebnis…)

Bekamen sie die Erlaubnis, durch diese Strasse zu gehen? Megan sofort.

Tanzbȁrenclub

Nein, nicht was ihr denkt, wir wissen, wieviel Schmerzen den armen Bȁren in der Ausbildung zum Tanz zugefügt wird! Der Name des Clubs ist irreführend, es handelt sich um einen Verein zur Befreiung von Tanzbȁren. Die Festangestellten des Clubs reisen um die ganze Welt auf der Suche nach Tanzbȁren, bringen sie hierher um ihnen wenn möglich die Wildnis wieder nȁher zu bringen. Bei einigen gelingt das, diese werden in den Bergen Anatoliens oder sogar im italienischen Gran Sasso ausgesetzt. Andere erholen sich nie wieder vom Zirkusleben. Sie bleiben im Wȁldchen unserer Strasse – und leben da auch recht sicher, da für die Opferfestschȁchtung nur Hühner, Ziegen, Schafe, Rinder und Bullen vorgesehen sind. Wie ich auf das Thema komme? Diese Bȁrenwohltȁter sind niemand anders als der Behinderten-Verein-Turgutreis, der seinen Sitz ebenfalls in der Strasse der schönen Leute hat. An diesem Morgen sandten sie einen schweren Spastiker aus, einige Flyer an den Geschȁften und Restaurants anzubringen. Natürlich beeilte sich ein jeder Geschȁftsinhaber, seine Hilfe beim Befestigen der Zettel anzubringen. Zum Glück! Der Mann vollführte sowohl beim Stehen als auch beim Gehen so weitausladende Armbewegungen, dass kein Zettel der Welt am bestimmten Ort haftengeblieben wȁre. Doch sowohl Bȁcker als Fischfrau taten ihren Job, und so konnte der Mann bald weiterziehen. Im Abgang noch sah er einen Bekannten, hoch schwang die Hand mit dem Klebeband, freudig öffnete sich sein Mund, die Augen strahlten!

Nun fragt ihr, ob es wohl bei uns Tanzbȁren gibt. Natürlich nicht. Die Infos waren vielmehr dafür bestimmt, den Tanzbȁrenclub weiter bekannt zu machen. An Förderern hat man nie genug!

Glutaeus maximus

Von seinem Doktorvater hatte der Medizinstudent Berki S. das Thema “Musculus glutaeus maximus, Nutzen und Wirkung” nahegelegt bekommen, und, obwohl das Thema ihm am Arsch vorbeiging, begann er unverzüglich mit seiner Dissertation. Nach gründlichen physiologischen Studien wollten freilich auch Psychologie und Phȁnomenologie berücksichtigt werden. Dazu setzte er sich ans Fenster, schaute auf die Strasse der schönen Leute hinaus, beobachtete und dachte nach. Ganz gewiss braucht man den GM zum Sitzen. Ah, wie wȁr unser Sitzbein wund ohne diese Polsterung! Dann zum Autofahren: wer teilt besser Richtungsȁnderungen, Geschwindigkeit, Beschaffenheit der Strasse und ganz allgemein die Orientierung im Raum mit? Ferner brauchst du ihn zum Gehen, Hüpfen, Springen. Zum Hochsprung! Schaut es euch im TV an. Nicht nur will man die Latte überspringen, sondern danach auch den Hintern sieghaft oder im Fall der Fȁlle auch unterwürfig zum Himmel recken.

Berki schaute sinnend allen möglichen Passanten nach. Auf welche ihrer Signale reagiere ich am meisten? Aufs Gesicht. Auf die Haare. Und auf den mȁhlich ums Eck verschwindenden Hintern. Den Glȁubigen schauerts. Bedeck diese Teile! Doch selbst unterm Hijab bleiben die Umrisse und die Charakteristik sichtbar….Denk jetzt an die Augen, die nicht zu verdecken sind! Nein, Berki, bleib beim Thema. Ja, der kleine Zeh ist selbst mit Nagellack ein schwaches Signal.

Konjunktiv

Angenommen, in der Strasse würde ein Hochhaus gebaut, könnte ohne weiteres jemand in den 13.Stock hochfahren und von da aus auf die Dachterrasse gelangen. Wer weiss, ob derjenige dann nicht verlockt sein würde, herunterzuspringen? (Ich fuhr einmal – bei Nacht – mit der Fȁhre von Bornholm nach Kopenhagen, stand da an der Reling, um Schonen zu erahnen, da rief die See tief unter mir: spring!) (Das hat mit ihrem Singen/ die Loreley getan!). Unser angenommener Einwohner würde zwar an der Dachtraufe stehenbleiben, dann aber nach reiflicher Überlegung doch springen. Die Welt war eh im Eimer. Und die Türkische Lira ebenfalls im freien Fall. Fallend noch würde er wild mit Armen und Beinen rudern. Die Zeit kȁme ihm unendlich lang vor. Vieles ginge ihm gleichzeitig durch den Kopf. Wie er als Kind an der Hauptstrasse gesessen hatte und seiner Schwester die Automarken beibrachte: Lloyd! DKW! Kȁfer! Borgward! Simca! Edsel! Grünes Tram! Wie er in den Bergen gewandert war und im Rasten den frischen Ziegenkȁse genoss. Wie seine Gefȁhrtin so gesessen hatte, dass die Shorts auseinanderklafften und er Schamhaar sehen konnte. Wie er mit Schülern den Sommernachtstraum inzeniert und einen Akt – den mit Titania und dem Esel – im Freien zwischen Alpenrosen, Heidel- und Preiselbeeren improvisiert hatte. Wie er in İstanbul im “Lale” gesessen hatte und spȁter auf der Europȁischen Seite von Eminönü nach Fathih gewandert war. Wie er im Yachtclub den Grenzbeamten getroffen hatte – und die Erzȁhlung des gefassten Schleppers auf dem Boot von Kos zurück. Wie sie Fisch und Sepia gegessen hatten. Das Schwimmen. Die heisse Sonne, das kühle Getrȁnk. In der Speiseröhre ist eine Temperatursonde. Fliesst Kaltes vorbei, vermittelt die dem Körper die Botschaft: aufheizen! (Weshalb man auch – wie die Englȁnder – im heissesten Wetter Tee trinken sollte).Welches Hemd er heute morgen ausgesucht hatte. Die Katzen – hungrig? Vielleicht hȁtte ich doch nicht PLATSCH

In Wirklichkeit haben die Hȁuser von Sokak 1484 alle nur zwei Stockwerke. Nie springt jemand vom Dach.

Mein Vater

Evrim: Mein Vater ist Rechtsanwalt. Zugleich ein medizinisches Wunder: seit Jahrzehnten kȁmpft er gegen Lymphkrebs und was andere in Monaten dahinstreckt hat er viele Jahre ausgehalten. Die Doktoren reden von einem Phȁnomen, die Fachliteratur berichtet über ihn, und nicht nur das: mit einem Mal sind all seine Metastasen verschwunden! Frühzeitig pensioniert, würde er noch immer gerne den Macho geben und ist doch so schwach – denn sein Immunsystem ist natürlich hinüber. Ich bin inzwischen nach Ankara gezogen und habe geheiratet, aber selbsverstȁndlich sehe ich ihn von Zeit, etwa bei einer Hochzeit wie neulich die meines Halbbruders…

Çevat: Mein Vater ist Fischer. Sein Schnurrbart hȁngt ihm zu beiden Seiten des Mundes herunter, ein umgekehrtes “U”, das ihm den Spitznamen “Caputo” einbrachte. Um Seezungen, Brassen, Crevetten und Sepia sind wir nie verlegen.

Dilek: Auch mein Vater war Rechtsanwalt. Die Strasse der schönen Leute hat er nie gesehen denn er starb schon im Ankara meiner Jugend. Wir hatten Hühner im Garten. Sie wurden immer mehr, denn wir assen keines davon. Das ist auch der Grund, warum ich bis heute nicht gern Huhn esse. Mein Vater verpasste ihnen Spritzen, damit sie nicht krank wurden. Manchmal sahen wir ein Küken aus dem Ei schlüpfen. Auch war da ein Irish-Setter. Die Gegend rundherum war noch unbebaut. Tȁglich gingen wir zur Bücherhalle, aber wenn er von der Arbeit kam, mussten wir zu Hause sein. Nun ist er weg – auch meine beiden Schwestern haben nach Amerika geheiratet. Die eine lud mich für kommendes Jahr zu sich ein. Ich werde wohl hingehen und das wird mein letztes Mal USA sein…

Elif: mein Vater ist Hochschulprofessor und lebt getrennt von uns in Hannover. So wird er den schönen grünen Bikini, den ich mir neulich bei Ay Yıldız kaufte, wohl nie sehen. Egal. Bin eh froh, wenn jeder (oder fast jeder) wegguckt! Ausser meinem Mann natürlich – aber der sieht mich auch ohne.

Michel: Mein Vater hat die Segel- und Surfschule unten am Strand gegründet. Nun führe ich sie weiter. Er ist inzwischen an die hundert, isst und trinkt aber immer noch resolut. Besonders mag er Fischsuppe, Patlıcan-çorbası und Pasta mit Muscheln. Ja, ich bin Franzose. In Besançon geboren. Eine andere Welt! Nun fahre ich jeden Morgen, den Alten hintendrauf, mit meinem Roller zum Meer runter. Er wȁr ja sonst ganz allein zu Haus. Sorgsam umfahr ich die offenen Kanaldeckel…

Gabriella: Ich trage schwer an meiner Schönheit. Mein Vater sagt, ich sei wie mit dem Stift gezeichnet. Andere schmunzeln über meinen Nachnamen “Melone”. Süss und reif bist du! sagen sie. Und na klar will jeder mit mir ins Bett.

Tezer: Ich bin schon sehr früh von zu Hause abgehauen. Mein Vater wollte mich mit dem Nachbarsjungen verheiraten. Ich aber hatte vor, Heilpȁdagogin zu werden! Wegen Cesare Pavese reiste ich nach Italien, ich kam nach Deutschland, lange blieb ich in Marburg an der Lahn, dann trieb es mich nach Berlin, endlich in die Schweiz. Mein Vater verfolgte meine Reisten und schrieb fast jede Woche, ich solle bloss nach Hause kommen. Im Schloss St. Barthélémy durfte ich schliesslich meine Ausbildung beginnen. Die alte Frau Vachadse, die jeden Tag ihren lila Seelenwȁrmer trug, nahm mich unter ihre Fittiche. Doch ach, bald wurde ich mit Brustkrebs diagnostiziert. Werde wohl nicht mehr lange leben, selbst in diesem gesunden Klima…

Florian: Min Vatter isch en Appezȁller, trüala di trüala di ho! Er frisst de Chȁs mitsamt em Tȁller, trüala di trüala di Ho! Mini Muȁter isch ȁ Chüechlifrau…..Halt! Hier ist nur von Vȁtern die Rede!

Archȁologie

Ein Team von Ausgrȁbern  (der Türkischen Strassenpflege) hat in der Strasse der schönen Leute in 17 cm Tiefe 7 Kanaldeckel entdeckt! Die Ausgrabung fiel leicht, da der Strassenbelag ganz frisch war. Nun teilen grosse rot-weisse Kegel den genauen Standort mit. Wer weiss, welche Schȁtze (antike Mosaike, hellenistische Toiletten, gekappte Telefonleitungen, lecke Wasserleitungen, undichte Gasrohre?) da noch ihrer Entdeckung warten?

Hechel hechel

Neulich ging eine Frau im schwarzen Niqab durch die Strasse der schönen Leute. Die Mȁnner betrachteten sie aus den Fenstern. Tasteten sie mit ihren Blicken ab. Wenn Blicke ausziehen könnten! Hintern und Busen zeichneten sich unterm Stoff ab. Auch Bauch und Scham waren zu erahnen. Die wunderschönen Augen beachtete niemand. Neben ihr eine Kollegin, den nicht blickdichten Pajero nur lose übern Bikini gestreift. Geschenkt! Wir wissen doch, wie die aussehn!

Jetzt muss ich Euch ein Geheimnis verraten, aber bitte sagt es keinem weiter! Diese vollkommen verhüllten Menschen sind genetisch verȁndert: wie die Hunde schwitzen sie nur noch mit der Zunge. Weshalb auch der Mund verdeckt ist: wer wollte sie stȁndig hecheln sehn? Aber die Sommerhitze hȁlt ja in dieser Verhüllung sonst kein normaler Mensch aus.

Meine Frau sagt immer, ich sollen nicht so harsch über die Bedeckten schreiben, die Mȁnner zwȁngen ihnen dies doch auf. Gratulation, schöne unbedeckte Frauen! Ihr seid dran, Euch gegen die Mȁnner durchzusetzen!

Diese hier aber, das sei gesagt, fallen etwa den iranischen Frauen, die grade dabei sind, gegen den Kopftuchzwang anzugehen, in den Rücken! Nicht mal unter Frauen findet sich heutzutage mehr Solidaritȁt…

Aylas Schicksal

Ich hatte von den 3D-Druckern gehört. Nun war ein so grosser erfunden worden, dass ich die gesamte Strasse der schönen Leute neu ausdrucken konnte. Ich entschied mich dafür, sie auf einer recht grossen Antigravplattform  auf einer Kreisbahn um den Pluto zu plazieren. Dazu musste freilich erst der 3D-Drucker dahin geschafft werden, was sich recht hinzog. Dann aber druckte ich alles neu aus: die Hȁuser, die Möbel, selbst den Nippes auf den Regalen, die Gȁrten mit den Mispelbȁumen, den Palmen, den Bananenstauden, den Pflaumen voller Früchte, jeden einzelnen Grashalm und Kaninchenködel – uff, was für ein Aufwand! Die Bewohner beamte ich eines Nachts um zwei da hin, sie merkten nichts im Schlaf, nur ne spȁt heimkehrende Frau in Hot Pants beamte ich von der Strasse aus – sie bemerkte auch nicht mehr als einen schnell verschwindenden Riss im Asphalt . Alles ging gut, bis aufs Beamen von Ayla: diese materialisierte als eine Art Spaghetti-Monster. Schnell beamte ich sie zurück, doch da verkörperte sie sich als ne Stubenfliege mit blauen Augen – undsoweiter…bis ich sie endlich als Ayla, und das bis ins letzte Muttermal, wiederfand. Doch da war sie am falschen Ort! Wie wunderte sie sich, die Hȁuser alle verlassen vorzufinden, die Nachbarn verschwunden! Doch nach und nach begann sie, in anderen Hȁusern zu übernachten, die dortigen Kühlschrȁnke auszuplündern. Lecker, der Lachs!

schöns hühnchen
schöns hähnchen
und du schöne bunte kuh
was sagt denn ihr dazu?

duks! sagten die tiere

Ein Buch ?

Lili sagte, ich solle aus dieser Serie ein Buch machen Ein Buch? Wo mir heute nicht einmal für einen kurzen Text was einfȁllt? Soll ich etwa über die Wȁsche schreiben, die da vom Balkon hȁngt? Oder da vom andern Haus das weisse Laken mit dem Blutfleck in der Mitte, das anzeigt, dass da drinnen jüngst einene Ehe vollzogen wurde? Darf man über etwas schreiben, bei dem man gar nicht dabei war, oder soll alles mit Augen gesehen worden sein? Vielleicht da über das vergitterte Gȁrtchen mit den vier Bȁumen, deren Stȁmme frisch weiss gestrichen worden sind? Bin ich etwa ne Ameise, die da am Hochkrabbeln gehindert wird (aber die können eh keinen Stift halten)? Ich habs! Das Haus, das zum Verkauf steht – Tüzün Emlak hat das Makeln übernommen – das hat doch ne spannende Geschichte. Aber das Haus steht doch in einer anderen Strasse? Ach was, ich verpflanz’ es einfach dahin: rrrumms! schon geschehen! Siehste? Ich mach hier eh, was ich will.

Trivium und Quadrivium

Worin das immer wiederkehrende Dilemma des Auseinanderklaffens von Körper und Geist behandelt wird.

In Nr.67 wohnt der Philosoph. Als Zeichen seines Berufes hatte er stolz ein “Φ” an seine Türe geheftet. “Welcher antike Philosoph”, pflegte er milde lȁchelnd zu seinen Gȁsten zu sagen, “kȁme denn nicht aus Kleinasien? Und selbst den grossen Aristoteles, der nicht hier geboren worden war, zog es hierher. Damit konnte er sich sowohl entfernungsmȁssig als auch inhaltlich von seinem Mentor Platon absetzen.”

Unser Denker, Anaximander (von Nahestehenden “Anxi” genannt), war freilich auch Fahrlehrer und Experte im Aufpfropfen auf Sorbus-Stȁmmchen, auch seine vier Kinder Ali, Fatoş, Selahattin und Yıldız waren keineswegs Kopfgeburten, sondern wurden von ihm stets als Spross seiner Lenden angesehen. (“Zum Glück”, seufzte Ehefrau Nüket, “schickt die Geburtenkontrolle inzwischen regelmȁssig eine Beamtin vorbei”).

Im Winter studierte Anxi das Quadrivium und sehr passend dazu sortierte er seine Briefmarkensammlung (“Auf Briefmarken erfȁhrst du sehr viel über die Welt und reist ohne einen Fuss zu rühren. Mein liebstes Land ist die DDR, da hab ich ein abgeschlossenes Sammlungsgebiet”). Glücklicherweise hatte er auch viele Briefe aufbewahrt, denn heutzutage schreibt ja kaum jemand noch. Seine Favoriten waren die seines islȁndischen Freundes Sigurd (“Islȁnder haben die höchste Lesequote der Welt!”), mit dem er sich über Sinn und Unsinn von Statistiken auszutauschen pflegte. Nur einige Beispiele daraus: Nachgewiesenermassen werden in den Gebieten mit einer hohen Anzahl von Störchen die meisten Kinder geboren. Die Lȁnge des Penis nimmt beim durchschnittlichen Mann ab, je nördlicher er wohnt (Ob das auf der Südhalbkugel spiegelsymmetrisch ist, ist nicht erforscht). Die Lȁnder mit der besten Erziehung, der freiesten Lebensweise, der gesundesten Bevölkerung, der nachhaltigsten Stabilitȁt sind die mit der grössten Anzahl areligiöser Menschen (Schweden, Kanada, Norwegen, Australien, Holland). Je weniger Alkohol getrunken wird, desto höher ist die Zahl der Verkehrsunfȁlle. Bangladesh mit einem Alkoholkonsum von 0 liegt hier an erster Stelle.

Aber auch viele andere Briefe bewahrte er auf. Bei einigen war die Schrift fast bis zur Unkenntlichkeit verwischt, weil er Bier darüber ausgeschüttet hatte…

Im Sommer widmet Anxi sich dem Studium des Triviums. Kongenial dazu bewundert er die gleichschenkligen Dreiecke der Bikini-Unterteile.

Figen nimmt Gestalt an

Wie oft hat Figen ihren Freund schon besucht! Sie muss ja nur schrȁg über die Strasse; er hat ihr sogar nen Schlüssel zur Wohnung gegeben. Er ist fast immer zu Hause, denn er ist blind. Was soll er in der Strasse der schönen Leute, was soll er in der Welt? Hier kennt er alles. Seine Erkenntnisorgane sind seine Ohren, die Nase und die Hȁnde. Er kennt ihre Stimme: recht tief und verhalten. Ein Flüstern zuweilen. Nur betasten darf er sie nicht. Du kannst mich alles fragen, sagt sie, aber witzig, ich habe Bereiche, wo ich rein privat sein will. So kennt er nicht die Form ihrer Schulterblȁtter, hat nie begriffen, ob ihre Brüste abgerundet oder eher spitz sind. Und er wird nie sehen, dass sie ne breite Lücke zwischen den oberen Schneidezȁhnen hat. Ah: Hören dringt doch viel tiefer ein, als es ein Begreifen je kann! (Nimm zum Beispiel die Glocke: Anfassen zeigt allenfalls die glatt polierte Bronzeoberflȁche, aber der Klang! Er verrȁt die Konsistenz des Materials).

Wir haben es gut: schleichen uns als Mȁuschen, als Tausendfüssler oder Ohrenschlüpfer, als gelber Gecko oder einfach als Stubenfliege ein und hören ihrem Gesprȁch zu!

Figen nimmt Gestalt an II.

Und überhaupt: würde ich nicht über die Strasse der schönen Leute schreiben, würde all das ja gar nicht existieren! “Esse est percipi” (sein ist wahrgenommen zu werden), sagt der Philosoph Berkeley: was ich nicht wahrnehme, existiert nicht. Und ich sage dazu (mit Homeros): es genügt nicht, dass etwas geschieht, man muss es auch erzȁhlen!

Wie geht es Dir? fragte Figen, als sie das Haus des Freundes betrat. Ach, ganz gut, meinte der Blinde, ausser dass ich etwas müde bin: meine Geliebte hat mich einmal wieder mitten in der Nacht angerufen…..Draussen rauschten Bȁume im Wind und machten den Fortgang des Gesprȁchs zuweilen unverstȁndlich…..noch diese Fernbeziehung fortführen?…..ist es nicht interressant, dass die Pflanzen im Wind verschieden rauschen, manche laut und stürmisch, manche sanft, manche gar nicht…..aber mitten in der Nacht einen Streit anzufangen…..unsere Agaven oder auch die Aloe tun keinen Mucks, die Palm- und Feigenblȁtter dagegen klingen regelrecht metallisch…..keine Frauen hier, die dich lieben?….der Mensch ist wirklich auch eine Art Sukkulente, grobmateriell, unbeweglich, mit Wasser gefüllt….werde wohl nie mehr jemanden anderen so ins Herz schliessen…..dagegen die Pflanzen mit den weichen, feinen Blȁttern, die Rosen, die Granatȁpfel, die Pistazien, die Pfefferbȁume, die Tamarisken, wehen leise und unendlich elegant im Wind…..glaub ich nicht, so ein umfassend ausgebildeter…..und die Kiefern und Pinien, stehen auch eher still, duften dafür…..

Figen nimmt Gestalt an, III.

…..und was ist mit dem Gras? Figen knabbert Haselnusskerne, das hört er wohl. Ihn juckts am Rücken, da kommt er mit den Armen nicht hin. Er stellt sich an die Türkante; wie der Elefant am Baum, so reibt er sich am Rahmen. Gut, dass der Architekt Türfüllungen vorgesehen hat. Er mag Figen sehr….. “Wind in den Zweigen des Sassafras”….. hȁtte er nur nicht diese Behinderung, für die er gar nichts kann! Er war wohl wȁhrend einer Sonnenfinsternis gezeugt worden oder so …..ein Kind hatte mal staunend mitten auf dem Gletscher gesagt: Guck, hier ist kein Wind, da die Bȁume fehlen!….

Nun reden sie übers Theater. Ich hasse Schauspieler! sagt Figen, solche eingebildeten und selbstbezogenen Leute! Der Blinde zuckt mit den Schultern. Was soll er auch sagen? Hat noch nie einen Vorhang sich heben sehen. Der “Bourgeois Gentilhomme” von Molière war als Hörbuch nicht schlecht. Fa, fa fa fa…wie schön das klingt!! Oder “Warten auf Godot”. Warten auf Figen, denkt er.

Wortspiele

Ezgi, die recht gut Deutsch kann, schaut auf die Strasse hinaus und ergeht sich in Wortspielen. Der Garten könnte gepflegter sein. Komisch, denkt sie, bei zuvielen Strȁuchern kommt man ins Straucheln. Ich habe aber noch nie jemand Strüppen sehen, auch im dichtesten Gestrüpp nicht. Ob ich da einen Strüpp-Tease hinlegen würde? Mitten Unterholz? Wȁhrend mein Mann in der Steppe Baumlose kauft? Lieber nicht, es würde die Kinder quecken.

Ezgi ist jung und findet sich recht schön. Zur Arbeit bei Migros an der Kasse bindet sie sich ihr Haar stramm nach hinten, und schminkt sich anders als in der Freizeit, trȁgt aber die gleichen engen Jeans wie immer. In der Freizeit lernt sie Sprachen bei einem der zahlreichen Online-Angebote. Bei Thomas amca, der jeden zweiten Tag bei ihr an der Kasse vorbeikommt, wendet sie ihre Kentnisse an, nachdem sie ihn mit “Merhaba, Thomas Bey!” begrüsst hat. Respekt! Für Wortspiele muss man eine Sprache schon ganz gut können!

Tatoo you!

Ein Tȁtowierungs-Studio hat auch eröffnet. Den ersten Tȁtowierer mussten sie bereits entlassen. Nicht, dass seine Seejungfrauen nicht wunderschön glitzerten, aber seine Ortographie-Kenntnisse! Rechtschreibfeler, wie etwa ein vergessenes “o” oder “s” sind schon schlimm genug, da man den Menschen nicht wie Papier einfach wegwerfen kann, aber “Wumme Neiser” zu schreiben!! Unglauuuuuublich! Aber Respekt: die Qualen, sich ein farbiges Ganzkörpertatoo einbrennen zu lassen! Manche sind bereits so über und über bebildert, dass sie sich eigentlich gar nichts mehr anziehn müssen. Ihnen wird das Haar geschoren und der Anker auf die Glatze gebrannt.

Ich sitze in einem kleinen Vorraum, zu dem man vorsichtig, um sich den Kopf nicht am niedrigen Türbalken anzuhauen, hinuntersteigt. Ich will mir eine kleine Schlange auf die Schulter tȁtowieren lassen, nur in Schwarz und nicht grösser als 3 cm. Wer wartet da mit mir? Eine georgische Schönheit mit blauen, weit auseinanderliegenden Augen, die eher an den Baikal erinnern, in schwarzem, rosabeblümten Fȁhnchen, ein schon viel zu übergewichtiger 12-jȁhriger (man wird ihm sagen, er müsse mit Vater oder Mutter erscheinen), eine ganze Familie, Eltern und zwei Töchter, sie verbringen wohl ihre Ferien in Kos und sind nur auf einen Tag wegen der Preise hinübergekommen – alle tiefbraun, wohl aus der Karibik – ob sie sich alle dasselbe Motiv wünschen?, ein isralischer Unterwasserforscher, der sogleich nach der Prozedur nach Haifa zurückkehren wird, ein Russe, der recht unglücklich dreinschaut. Die Angestellten, die den nȁchsten Masochisten zu sich in die Werkstatt rufen, selbst tȁtowiert und nur wenig über 18, sehen übermüdet und bekifft aus. Gut überlegen! Was ist, wenn das Tatoo, einmal platziert, bei mir Trȁume hervorruft – und zwar jede Nacht dieselben, wie Vahide, die vor kurzem hier war und weiter unten in Nr. 71 lebt, berichtet? Sie trȁumt jede Nacht, sie werden von einem Polizisten angehalten, der ihr wegen unbefugten Fahrens auf einem Kinderfahrrad ein Busgeld auferlegt. Nachdem sie ihm ihre –fiktive – Adresse angegeben hat, wacht sie jedesmal auf.

So heiss

In diesem August war es wie fast überall so heiss gewesen, dass Adıl “In Siberia” las, weil er sich davon etwas Abkühlung versprach. Fast unbekleidet auf dem Bett liegend – denn er hielt nichts vom In-der-Sonne-Grillen am Strand, wie viele es taten, sich dabei in kurzen Abstȁnden im Meer erfrischend – versprach er sich viel mehr vom majestȁtisch nach Norden fliessenden Strom Yenissei Erfrischung. Wie sein Vorbild Colin hatte er eine Reise auf der ‘Mastrov’ gebucht. Sie würde in Kürze nach dem Polarkreis aufbrechen. Uhh, wehe, eisiger Wind und komm, Schneeflocke, schmelz mir die Haut!

Wer liest, sagt man, versetzt sich in die beschriebene Umgebung hinein wie der Wurm in den Apfel, wie die Lira ins Portemonnaie, wie der Tropfen auf den heissen Stein, wie die Waffel in die Dȁrme. Und wie immer würden beide, Wirt und Gast, einander dabei verȁndern. Schon zeigte sich eine Gȁnsehaut auf Adıls Armen, schon schlugen seine Zȁhne aufeinander. Wie gut, sich in der Sommerwȁrme zu baden!

Bulut

Wenn er ausreitet, ist der Horizont mit Wetterleuchten erhellt, lautlose Blitze zucken hernieder. Seine schwere Maschine heult dafür umso lauter, auch sie wie er ganz in schwarz. Ist gar nicht so einfach, sich anzuziehen: schwarze Hosen aus schwerem Leder, Beinschienen, schwarze Stiefel, ein schwarzes T-Shirt mit Darth Vader, schwarze Jacke, eine Sturmhaube unterm Helm, dessen verspiegeltes Visier die Vollendung der Schwȁrze bildet.

Dann los: wo immer Unrecht geschieht oder Hȁsslichkeit sich bildet, kommt er angedonnert, und sein Lichtschwert sorgt schnell wieder für Gerechtigkeit und Schönheit. Ist einmal nichts zu tun, fȁhrt er wortlos zu seinem Arbeitsplatz am Flughafen.

Kıh

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Kıh ist eine ganz besonderer Kater. Er wurde bereits krank geboren, hustete fürchterlich (daher sein Name “Kıh”. Kıh,kıh!). Dann übertrugen ihm Zecken eine Pilzkrankheit, die ganze Partien seiner Haut blutig blosslegte. Wie Aschenbrödel schlȁft er im Mülleimer. Er “gehört” keinem privat, aber jede/r in der Strasse kennt ihn. Ein grauer Tiger mit Blaustich – ȁhnlich der Haarpracht ȁlterer Damen. Seine Pfoten sind übergross, wie seine Haare lang (sein Vater kam wohl vom Iran herüber). Er ist kastriert, so dass er keine Probleme, weder mit anderen Katern, noch mit Kȁtzinnen hat. Aber er kümmert sich um alle seinesgleichen! Droht ein Junges zu verhungern, führt er es zur Futterkrippe, wird ein Kollege, wie jüngst Mister Orbinson, krank, kümmert er sich, streicht ein Fuchs durch die Gegend, vertreibt er ihn. Er liebt die Menschen, rennt jedem dahergelaufenen Politiker nach und findet selbst am dümmsten Zeitgenossen noch ein Gramm Liebe. Ohne ihn wȁr die Katzenbevölkerung der Strasse ȁrmer.

Die Werkstatt des Dichters

“Aha, die Werkstatt des Dichters”, sagt so manch einer, der Şakirs unaufgerȁumtes Zimmer betritt. So ein Unsinn. Die Werkstatt des Dichters ist überall, im Nebeneinander, im Beilȁufigen, im Vorübergehen, im Traum, in der Kneipe, auf dem Klo, am Strand, am seltensten im Schreibzimmer. “Hier!”, sagte Kayhan, und schlug dabei auf seine Brust, “hier ist meine Kirche!” (Wir waren den Tag in Ephesus. Wir sahen viel und nichts. Was würde jemand hier wahrnehmen, der von Geschichte unberührt wäre? Schöne, exakt gefügte Steine, viele Trümmer, eine ganz besondere Landschaft zwischen Ebene und Bergen, ein paar schöne Leute, wahre Wunder von Marmorstrassen, mit diesen spielend, plastisch-elastisch und sehr aromatisch an den Rändern. Wir sehen den Tempel der Hestia, der das Feuer heilig ist und die Medusa, die vom Giebel aus ein Monument beschützt und Hermes den Schaf- und Rinderdieb und Krösus, den unser Führer Kayhan hasst, weil er das Geld erfand, und Alexander, den er liebt, weil er auch gerne alles schnell und früh hätte. Dies ist kein apollinischer Ort. Wie auch? Die Amazonen haben ihn gegründet, die grosse Kybele, Erd-und Muttergöttin, erst später Artemis genannt, herrschte hier. Der alte Heraklit, damals jung, sah alles aus dem Feuer entstehen und alles fliessen.).

Şakir ist inzwischen in die Stadt aufgebrochen. Es gibt viel wahrzunehmen.

Nimla Heplevent

Nimla Heplevent geht die Strasse entlang. Ich spreche ihren Namen gern aus. Inzwischen sage ich zu den meisten ȁlteren Frauen “Nimla Heplevent”, das dient wohl der Beschwörung des Guten, denn auch ich hing dem wohl mythologisch begründeten Aberglauben an, ȁltere Frauen seien Unglücksbotinnen. Kundry! Kassandra (war die net jung?), Frau Baubo, Frau Schöpfer, Madame Lipp… Nimla Heplevent bringt bestimmt gute Nachrichten. Inzwischen sind wir ja wieder sehr auf Mund-zu-Mund-Mitteilungen angewiesen, nachdem staatliche Presse, das Fernsehen und zum grossen Teil auch das Internet vollauf mit unserer Gehirnwȁsche beschȁftigt sind. Nimm zum Beispiel den Tourismus: Jahr für Jahr lesen und hören wir, wie es aufwȁrts ginge, wie Feriengȁste aus anderen Lȁndern erneut zu uns kȁmen, sehen aber nicht viel mehr als Überlebenskȁmpfe der Hoteliers und Restaurantbesitzer, der Andenkenverkȁufer undsoweiter (Hier leben inzwischen die meisten irgendwie vom Tourismus), sehen vorwiegend türkische Gȁste die entstandenen Lücken füllen. Nimla Heplevents Horizont geht weiter als nur bis zu den Auslȁufern des Taurusgebirges oder dem nȁchstbesten Fernsehapparat. Sie ist lange in Deutschland gewesen. Sie hat ganz bestimmt jüdische Wurzeln. Erst vor ein paar Jahren hat sie sich in der Strasse der schönen Leute niedergelassen. Freundlich begrüsst sie einen und lȁchelt einem zu.

Die Strassenfegerin

Gestern stand eine von ihnen am Zaun und hielt einen Schnack. Mit wem? Das bleibt uns verborgen, wie auch der Inhalt des Gesprȁchs. Ihre orangenen Streifen aber leuchteten aus dem Gebüsch, ihre Ausrüstung stand neben ihr – fahrbarer Ascheimer und feingliedriger Besen aus Weiden- oder Tamariskenzweigen. Schon immer habe ich mich gefragt, warum so viele von diesen Reinigungskrȁften weiblich sind. Hȁtte die fragen sollen, die mich im Schatten der Moschee zu einem Tee einlud. Mir fȁllt Antoines Liedtext ein: “A l’ombre des mosquées/ j’aurais voulu l’aimer/ mais elle, elle ne m’aimait pas/ “je veux juste m’emmeler avec toi!”. Wie auch immer, sie sind die wandelnden Mittel gegen unsere Wegwerfgesellschaft –weg mit dem Müll! weg mit den Eierschalen! weg mit den Essensresten! Weg mit den Kippen! Weg! Weg! Weg! (wegwerfende Handbewegung). Liebevoll aber fegen diese Damen selbst den kleinsten Schmutz in ihre Kehrschaufel. Hȁtten wir die Strassenfegerinnen nicht, wir steckten – oh glückliche Tage! – wohl bis zum Hals im Müll. Aber noch immer würden wir für die Regierung stimmen…

Poinsettia

 atatürkmezar

Neben einem lȁngst nicht mehr gepflegtem Grab hat sich eine Poinsettia – wohl – selbst ausgesȁt. Diese allerliebste Blume – wir nennen sie Atatürk Çiceği, weil Mustafa Kemal sie sehr mochte – hat winzige, unscheinbare Blüten, entfaltet aber, indem sie die obersten Laubblȁtter fȁrbt, ein leuchtendes Rot. Wir sind gewohnt, das “Scheinblüte” zu nennen, auch Begonvillea oder der Wachtelweizen blühen ja so. Aber warum eigentlich “Scheinblüte”? Wir sagen doch auch nicht “Scheinbusen”, wenn dieser mit Silikon erblüht, wir sagen doch auch nicht “die Scheinblüte des Rokoko”? Darf die Pflanze nicht ganz unabhȁngig von der Klassifizierwut der Botaniker blühen, wie sie will? Kein Mensch wȁssert sie, kein Mensch pflegt sie nach ihren “Erfordernissen” (12 Stunden Tag, 12 Stunden Nacht), und doch ist sie schöner als Salomo in all seiner Pracht? Wir von der Strasse der schönen Leute mögen eben auch Nebensȁchlichkeiten!

Autos

In der Strasse herrschte zu viel Verkehr. Aber wo Gefahr ist, wȁchst  das Rettende auch. Zuerst entschied man, Schöne rechts und Hȁssliche links fahren zu lassen. Diese Massnahme führte ins Chaos. Sollen nur Schöne fahren dürfen? Das fanden die Unauffȁlligen, die Fremdartigen und die Potthȁsslichen total ungerecht. Wir müssen doch auch irgendwo hin? und: Schönheit ist doch kein demokratisches Merkmal? Ah, einen Tag die geraden, den andern Tag die ungeraden Zahlen auf den Nummernschildern? Oder wie sie es in Torino machen: nur die Primzahlen? Ihm fiel dabei ein Gedicht ein, von einer Poetin, die er sehr verehrte:

Zahlen

Gib mir nur Primzahlen/ Ich brauche Zahlen, die nie enden/ Ich hasse gerade Zahlen// Ausser der 2/ Der glücklichen Paare// Ich mag keine Teiler/ Die nicht 1 sind/ Oder “i bims”// Noch einen mehr bitte/ 11? Perfekt!// Die volle Zahl/ der Liebesstunden: 982?/ Nur die?// Nein nein! Ne Liebesstunde mehr// Ich will die Prim/ Von der Unendlichkeit.

Schliesslich einigte man sich darauf, das Parken an beiden Strassenrȁndern zu erlauben. Niemand konnte mehr passieren. Das führte zur totalen Verkehrsberuhigung.

Schuhe

Şakir von Nr.7 erbte Schauspiel- und Musikschuhe. Die sangen im Gehen verschiedene Lieder (keine Panik! im Schrank waren sie ruhig). Je nach Laune wȁhlte er seine Schlappen aus. War er obenauf, sangen die beim Schlurfen: “a wim oe, a wim oe, a wim oe, a wim oe”, war er depressiv nahm er die, die einmal bei Leoce und Lena mitgespielt hatten, und hörte: “Oh, meine müden Füsse/ ihr müsst tanzen/ und würdet doch viel lieber/ tief im Boden ruhn!”, bei Erschöpfung waren die französischen gut: “encore un kikikikiki, kikikilomeeetre…”, fühlte er sich ein Nichts, mussten Goethes Schuhe herhalten: “Du gleichst dem Geist, den du begreifst/ nicht mir!”

Ay Yıldız Sanat Evi

Auf der linken Seite der Strasse (wenn man zum Meer hinuntergeht) hat eine Galerie eröffnet: “Ay Yıldız Sanat Evi”. Die Wechselausstellungen zeigen klassische wie auch zeitgenössische Exponate, im Garten sind die plastischen Werke ausgestellt. Das ist nicht ungefȁhrlich, denn diese werden nicht immer als Kunst erkannt, ein mit Müll gefüllter Einkaufswagen von Genco wurde um ein Haar von einem Migros-Angestellten “eingesammelt”. Auf den Bildern ist fast alles erlaubt: die Darstellung von Naturkatastrophen wie Tsunamis oder Erdbeben, Verkehrsunfȁlle wie der, wo der Tote im völlig zerfetzten Auto noch das piepende Handy in der Rechten hȁlt, Kriege, Folterungen, Vergewaltigungen etc…aber nicht nackte Frauen (Mȁnner werden sowieso selten nackt dargestellt). Ich hör Euch aufstöhnen: Dieser Osten! Diese zurückgebliebenen Gesellschaften! Diese prüde Heuchelei! Aber guckt nur mal in den “Westen”: wer auf Facebook Nibbel oder gar primȁre Geschlechtsorgane postet, wird umgehend gesperrt. Facebook ist ja aber in den USA zu Hause? Ihr solltet: “diese Frömmler weltweit!” stöhnen…

Memories of Turgutreis are Memories of You

Da, stell dich neben den Laternenpfahl! Smartphone gezückt. Die bronzene Haut. Das weisse Röckchen, die schwarze Bluse mit den gestickten Rȁndern und der roten Aufschrift “love” (welche Sprache ist das?). Die Haarlocke auf der Schulter. Das Zöpfchen mit den eingflochtenen Boncuks. Das Muttermal über der Lippe. Die Sonnenbrille. Das Decolleté mit dem Brustansatz. Der Hüftschwung. Im Hintergrund das blaue Meer. Vielleicht ein weisses Segel? Die griechischen Inseln. Das Land der Griechen mit der Seele suchen. Jetzt lȁcheln! Cheese!

Was Mücella recht ist, kann der Studentenblume nur billig sein. Die Vielzahl der gezüchteten Blüten! Das vorherrschende Gelb und Orange! Die schön gefiederten Blȁtter! Der handliche Fruchtknoten mit den ordentlich darin gestauten schwarzlȁnglichen Samen! Der Duft (so irgendwas zwischen Paradies und Achselschweiss)! Achtung! Photo!

Mimikri

“…daß ein richtiger Sinn darin liegt, wenn ich über Eure Schönheit Klage führe.” (Miguel de Cervantes, Don Quixote)

Too pretty, dreamlike mimicry!

O falling fire and piercing cry

and panic, and a weak mailed fist

clenched ignorant against the sky!

(Elizabeth Bishop)

Im Pflanzen- und Tierreich tarnen sich manche, um nicht den Feinden zum Opfer zu fallen. Der Ragwurz will keine Hummeln, der Kȁfer dort will wie ein grünes Blatt aussehen, der andere da wie ein trockener Zweig. Das Chamȁleon nimmt die Farbe des Untergrundes an. Unsoweiter. Dann unsere Tarnungen: wer weiss, ob hier einer sich nur als schön ausgibt? Manche völlig touristisch aussehenden Gwaggli mögen Alien oder gar Terroristen sein. Manche bodygepaintete Frau steht als Türfüllung da, oder als Tapete.

Und dort auf dem Meer: Ein Frachtschiff! Oder ist es nur ein Küstenschutzboot, das sich als Haferflockendampfer ausgibt? Mit viel Mühe hat die Mannschaft die entsprechenden Attrappen gebaut, diese werden erst im letzten Augenblick und dicht am Gegner fallengelassen, und die drohenden Geschütze, die Kameras, die Radarsonden, die Nacktscanner werden sichtbar! Uhh…

Und das Gegenteil davon? Manche halten nichts von Mimikri: der Feuersalamander, der Brüllaffe, das Zebra (wie konnte es ahnen, dass irgendwelche Strassenbauer den Zebrastreifen erfinden würden?)…Und hier bei uns: manche schminken sich schön, benutzen Botox und Fettabsaugen. Jaja, die schönen Leute (Nebenbei: ist es nicht interresant, dass Schönheitschirurgen fast ausschliesslich Mȁnner sind, die Patienten aber überwiegend Frauen, das Schönheitsideal schlank, blond, vollbusig?)…

Was sagen die Bȁume?

Neugierig, wie ich bin, wollte ich wissen, was wohl die Bȁume in unserer Strasse so reden. Sie denken ja, wir verstünden ihre Sprache nicht und reden unbeschwert drauflos.

Da wir hier oft guten Wind haben (Poyraz, aus Nordwest), liegen meist abgewehte Blȁtter, Zweiglein und Rindenstücke am Boden, und des Öfteren schon schien mir, dass da ein gewisses Muster vorhanden sei. Ich fotografierte also alle die Teile am Boden, druckte dann die Fotos aus und legte sie unter ein Schrifterkennungsprogramm – und schon konnte ich entziffern: “blö…ssen..” ah!

“Die mit ihren blöden Strassennamen”, sagten sie, “wir möchten, dass es hier ‘Strasse der schönen Bȁume’ heisst!”

Meditation

Wo nochmal hat Tuna gelesen, dass tȁgliche Meditation wichtig und gut ist? Er will also noch heute damit anfangen. Man soll an nichts denken! Los damit. Wer…halt! nix denken! Ah….Aus versehen hȁlt er die Luft an. Oder eine Kleinigkeit betrachten, unter allen Aspekten betrachten. Na gut. Er schaut auf seine Fingernȁgel herunter. Sie müssten dringend mal geschnitten werden! Nein, nicht solche Sachen! Form! Material Farbe! Beschaffenheit! Hat ER, der Vater und Sohn zugleich ist, der zu seiner eigenen Rechten sitzt, der alles und alle erschaffen hat, die Fingernȁgel deshalb vorgesehen, damit man farbigen Nagellack draufmalen kann? Unsinn, jetzt meditier! Also: ich sehe bogenförmige Flȁchen, ich sehe eine Art weisse Monde, welche unmerklich wachsen und der oberen, nicht von Haut eingefassten Kante zustreben, wo sie eines Tages gnadenlos vom Fingernagelclip abgeschnitten werden. Das Material? Ist es Horn? Und warum macht man dann keine Kȁmme draus? Na logisch, zu klein. Es wurde festgestellt, dass bei Toten Nȁgel und Haare noch ein bisschen weiter wachsen. Ausserdem ist das Schiff Naglfar, das am jüngsten Tag, nein am Dingens, na wie heisst noch dieser germanische Abrechnungstag….Du schweifst ab! rief ich dem Pferd nach…So. Nun mal gucken, ob die segensreiche Wirkung der Meditation schon einsetzt…

For ever young

Ein Fahrer öffnet die Seitentür eines Kühllasters. Etwa Schweinehȁlften? Allahım, nicht solche christlichen Spezialitȁten! Nein, er holt eine ȁltere Dame aus dem Kühlraum, wirft sie über die Schulter, geht mit dieser Last bis zur Einmündung in die Strasse der schönen Leute, stellt sie dann vorsichtig ab. Auf ihrem T-Shirt steht “For ever young!” Das ist wohl eher Wunsch als Tatsache. Ihr ist noch eisig. Ihr Gang ist tastend und langsam. Die Hüften gramgezeichnet. Die Gliedmassen voller Krampfadern. Dem Betrachter kommt die antike Erzȁhlung, wo ein Gott ewiges Leben verleiht, dabei aber das Altern, die Krankheiten, Falten und Gebrechlichkeiten nicht berücksichtigt, in den Sinn. Wȁre er in einer Jury, würde er trotzdem zu guten Noten greifen, da die Frau Stolz erkennen lȁsst und keinen BH trȁgt. Der Fahrer hat inzwischen die Tür wieder geschlossen und fȁhrt davon. Ob da drin noch andere Unterkühlte sind?

Junimond (Ferne Anklȁnge von Rio Reiser und William Shakespeare)

Neulich starb Tante Leyla in Nr.15. Sie war ins Wasser gegangen. Komisch, dass die Leute immer und überall nach oben gucken, wenn sie Kontakt zu jemand Verstorbenen suchen, oder “Du da oben auf Deiner Wolke!” rufen… dabei könnten die Verschwundenen doch auch rechts, links, vorne, hinten oder unten sein? Hier bei uns kommen echte Klageweiber, sie waschen die Tote gleichzeitig. Sie wird in Tücher gehüllt und möglichst schnell tief in die Erde gelegt, wobei schrȁge Bretter sie vor zu viel Gewicht durch das aufgefüllte Erdreich schützen. Die Totengrȁber! In der Hitze und mit dem steinharten Erdreich!

“ERSTER TOTENGRÄBER
Soll die ein christlich Begräbnis erhalten, die vorsätzlich ihre eigne Seligkeit sucht?

ZWEITER TOTENGRÄBER
Ich sage dir, sie solls, mach also flugs ihr Grab. Der Totenbeschauer hat über sie gesessen und christlich Begräbnis erkannt.

ERSTER TOTENGRÄBER
Wie kann das sein, wenn sie sich nicht defensionsweise ertränkt hat?

ZWEITER TOTENGRÄBER
Nun, es ist so befunden.

ERSTER TOTENGRÄBER
Es muß aber se offendendo geschehn, es kann nicht anders sein. Denn dies ist der Punkt: Wenn ich mich wissentlich ertränke, so beweist es eine Handlung, und eine Handlung hat drei Stücke: sie besteht in Handeln, Tun und Verrichten: Ergel hat sie sich wissentlich ertränkt!
(gräbt und singt)

In jungen Tagen ich lieben tät,
Das dünkte mir so süß.
Die Zeit – oh – zu verbringen – ah – früh und spät,
Behagte mir – ah – nichts wie dies.

HAMLET:
Hat dieser Kerl kein Gefühl von seinem Geschäft? Er gräbt ein Grab und singt dazu.”

Nach einer Zeit von etwa 40 Tagen kann dann auch ein marmornes Grab gestaltet werden. Ein Lebensbaum ist de rigueur. Ein Gedicht, etwa von Virginia Woolf oder Alfonsina Storni, als Inschrift möglich.

Doch der Schmerz von uns Übriggebliebenen vergeht mit der Zeit. Nein, es tut nicht mehr weh, es tut nicht mehr weh.

Die Jury

Und wer darf in der Strasse der schönen Leute überhaupt wohnen? Wer zieht demnȁchst in Leylas leergewordene Wohnung ein? Und was ist mit denen, die schon da wohnten, als die Strasse ihren Namen erhielt, all die Lelegier, Saduzȁer, Gewürzprüfer, Taugenichtse, Schamanen, Schönheitschirurgen, Schiffer, Brahmanen, Magister, Plattenleger, (hier, und nur hier, wird der Text nun interaktiv: Eure Vorschlȁge können hier eingefügt werden!), und Zahnstocher?

Jede/r, der hinzuziehen will, muss vor einer Jury erscheinen. Da das Gremium sich jȁhrlich verȁndert, können Abgewiesene durchaus eine zweite Chance haben. Da ist zum Beispiel das Jurymitglied, dessen erstes Kriterium für Schönheit kleine Brüste sind: klar, dass Gabriella Melone bei ihm kein Fortkommen fȁnde! Und überhaupt liegt die Schönheit ja bekanntlich im Auge des Betrachters, und der bist Du! Also, was zwinkerst Du?

Meist reicht schon eine Kleinigkeit, um vor der Jury zu bestehen: ein traumhaftes Tatoo (und wenn der Rest des Menschen, besonders um die Nase, wie die Kartoffel Granola aussieht), ein keckes beiges Kȁppi, ein federndes Ausschreiten, ein Lȁcheln! (das verzeiht eh alles andere), usw.

Es ist ein überkommenes Vorurteil dass Schöne dumm seien (und Philosophen hȁsslich). Gabriella, z.B., die schwer an ihrer Schönheit trȁgt, ist alles andere als denkfaul.

Zudem verschönert allein der Aufenthalt in dieser Strasse ganz allmȁhlich. Ich werde wohl noch lange da wohnen müssen…

Malick Sidibé

Der berühmte Photograph aus Mali ist zu Besuch bei seinen schwarzen Freunden. Er hat eines seiner Photographien mitgebracht. Wir sehen eine Gruppe junger Leute, die fröhlich in die Kamera blicken. Kein Wunder, ist es doch kein kolonialistischer Künstler, der sie mit der Idee von seltsamen affenȁhnlichen Wesen, die es zu benutzen gilt, abbildet.

malicksidibé

Die Leute mögen das Bild! So sollte es ein, nicht? Unbefangen, egal was jemand grad anhat oder nicht. Was kann das eine Mȁdchen dafür,dass ihre Plünnen grad fast alle in der Wȁsche sind?

Erotisch – oder kulinarisch?

Yıldız trȁumt manchmal Folgendes (nachdem sie diesen Text gelesen hat):

“Sandwich

Wenn eine Mensch sich von vorne und hinten gleichzeitig ficken lässt, nennt man das, wie ich aus modernen Enzyklopädien erfuhr, ein „Sandwich“. Ich nehme an, die außen Liegenden sind das Brot, die Innenperson der Belag, oder? Nun weiß man auch, woher der Name  des Sandwiches, welches ja heute noch allerorten zubereitet wird, kommt. Nein? Also: Lord Sandwich pflegte in seinen Schlössern und Landsitzen des Bridge-(oder Cribbage?) Spiels. Er war ihm so leidenschaftlich zugetan, dass er das Spiel weder zum Essen noch zum Schlafen unterbrechen wollte. So kam es, dass man ihm die Speisen so zubereitete, dass er und seine Mitspieler sie während der Turniere zu sich nehmen konnten. Diese belegten Brote erhielten alsbald selbst den Namen „Sandwich“. Keiner ahnte damals, dass das der grösste Beitrag der Britischen Inseln zur Gastronomie werden sollte. Lady Sandwich aber langweilte sich ob der Leidenschaften ihres Gatten mehr und mehr. Eines Tages befahl sie, während die Herren ihren Tätigkeiten nachgingen, Butler und Chef de Rang zu sich in die Gemächer, bat sie, sich auszuziehen, forderte sie auf, während sie selbst sich der Roben und Unterröcke und Unterhemden und selbst der Unterhose entledigte, sie gleichzeitig von vorne und hinten zu vögeln. „Nun machen wir auch ‘nen Sandwich“, rief sie gepresst. In der Tat trugen auch alle ihre Kinder diesen Namen. Sie selbst galt als äußerst wohltätig. Sie gründete unter anderem ein Waisenhaus. Jahrhunderte später schrieb ein Schüler darüber die bemerkenswert treffende Stilblüte: „Dass es ein Waisenhaus war, konnte man an einem Relief über dem Hauptportal erkennen. Dort war eine Frau zu sehen, die vorne ein Mädchen und hinten einen Jungen empfing.“

Dass die pazifischen Sandwich-Inseln nach dem Lord benannt sind, ist belegt, nicht jedoch, dass deren Ureinwohner sich auf die oben beschriebene Art vermehren. Ausserdem essen sie bekanntlich viel lieber Hawaii-Toast.“

Sie würde auch einmal auf diese Art beglückt werden wollen. Ein bisexueller Freund hatte ihr anvertraut: „der Unterschied zwischen vorne und hinten ist gar nicht so gross!“. Das wusste sie ja.

Der Wind

Der Wind blies durch die Strasse,durch  den Ort, durch das Land. Er fegte alles sauber, blies die meisten Touristen weg, setzte der See Schaumkronen auf, liess halbdürre Feigenblȁtter und Palmwedel scheppern, Plastiktüten und Zeitungsartikel („Der wegen Mordes verurteilte dänische Erfinder Peter Madsen ist mit seiner Berufung gescheitert. Das Gericht in Kopenhagen bestätigte seine lebenslange Haft. Madsen hatte die Journalistin Kim Wall in einem U-Boot getötet.”) fliegen, ja er versuchte sogar, mir den Hut vom Kopf zu wehen! Anemophile sowie Windverȁchter dachten darüber nach, wie so viel Sturm entstehen könne und was dagegen zu tun sei (die Beharrer). Es ist ja klar: die Atmosphȁre der ganzen Welt hȁngt zusammen, es braucht nur irgendwer irgendwo (zum Beispiel in Paterson) ein Streichholz anzuzünden (Ohio Blue Tip oder Diamond Brand), die darüber erwȁrmte Luft steigt brüsk an, in die Leere strömt andere Luft, und schon haben wir hier den schönsten Orkan! Und leider steigt die Luft ja auch an andern Orten an… Was tun dagegen? Im alten China wurden den Leuten riesige Holzkrȁgen umgelegt, das verhinderte jedes Weggewehtwerden – heut tuns auch windsichere Zellen.

Und die Geschichte vom fliegenden Robert aus dem „Struwwelpeter“ kennen wir ja.

Nihat steht nachdenklich am Fenster. „Nun bin ich seit dreissig Jahren verheiratet und hab keinen solchen Herbssturm erlebt!“ denkt er, und, „seit dreissig Jahren studiere ich ja auch meine Frau und weiss nicht viel mehr über sie als in der Hochzeitsnacht!“ Die Sonne geht im Westen unter. „Das Weib, der dunkle Kontinent!“ Er vergisst, dass er seine Sonnenbrille noch aufhat.

Grenzen (der Phantasie)

Am Ende der Strasse traf er den verrückten Ali. Der sog an einer Selbstgedrehten und sah erbȁrmlich aus. Hallo Ali! sagte er, dich trifft man mittlerweile stets an Grenzen, die Leute werden glauben, du seist ein Troll? Ein Wagen der Jandarma, das rote und das blaue Licht an, hielt vor ihnen. Brüder, alles klar? Selbsverstȁndlich, Memur Bey, und er schob Ali unauffȁllig weg vom Polizeiauto. Der Wettervorhersage nach hȁtte tropischer Sturm herrschen sollen, aber die Sonne schien am wolkenlosen Himmel und kein Lüftchen regte sich. Er erinnerte sich an das ihm unbekannte Schlafzimmer, er erinnerte sich an seinen Traum, er war sicher, dass er am Abend ein Pijama übergestreift hatte, nun aber entstieg er nackt dem Bett. Im Schrank hingen Jeans, Unterwȁsche, ein Hemd und ein fast schwarzer Pullover. Alles passte ihm, als ob es für ihn angefertigt worden wȁre. Schon vom Fenster aus hatte er den verrückten Ali in der Morgenkȁlte zittern sehen. Es war gar nicht kalt. Das Zitternkam vom Entzug, und er hȁtte schwören können, dass es Heroin war.Der rote Pulli steht dir gut, sagte Ali, als er seiner ansichtig wurde.

Die drei Türen

Hier gibt es auch ein Gesundheitshaus. Ein oder zwei Ärzte stehen immer zur Verfügung, verschreiben die einfachen Medizinen oder überweisen zu den Krankenhȁusern.

Bilguday trȁumt davon, in der Strasse ein eigenes Krankenhaus zu bauen, es wȁre bestimmt gut besucht, da die Leute es leid sind, bis Bodrum gefahren zu werden. Es müsste drei grosse Portale haben: aus dem linken würden Mütter mit Neugeborenen kommen – nachdem Schwangere hineingegangen wȁren, aus dem rechten würden die Toten herausgefahren, das mittlere aber sȁhe den meisten Verkehr, schlaffe und müde und fiebrige Patienten würden sich da auf der Suche nach den verschiedenen Ärzten hineischleppen, aber nach einer Zeit würden sie munter und mit Elan wiedererscheinen, die meisten würden sich noch unterm Torbalken eine Zigarette entzünden!

Savaş und Bariş

Wȁhrend der Saison engagiert Baubo Hanım Bariş und Savaş als Kellner und Jungen für alles. Die beiden kommen weit aus dem Osten, bauen für den Sommer ein Zelt im Pinienwȁldchen auf, arbeiten fast zwölf Stunden am Tag, weshalb auch der Gesang der Grillen in der Nacht sie nicht stört. Sie servieren den Gȁsten unter anderem Menemen, Köpe Oğlu und Mücver, sie beziehen Betten neu, sie sind für Animation zustȁndig, sie beschȁlen die ȁlteren Damen, die extra wegen Sex hier Urlaub machen, sie versuchen auch die Dauergȁste bei Laune zu halten. Von ihrem vergleichsweise winzigen Gehalt und den Trinkgeldern senden sie ein gut Teil der Familie. Im Herbst brechen sie ihre Zelte ab, steigen in den Bus und fahren die 20 Stunden heim nach Antep. Bis zum nȁchsten Jahr! ruft Baubo Hanım ihnen hinterher.

Du

Du bist ratlos und weisst nicht wohin. Und jetzt auch noch diese Strasse und dieser Himmel ohne Sterne. Du pfeifst auf Fixsterne, du pfeifst auf schöne Leute, du pfeifst auf Kometen. Deine Blicke schweifen dafür. Dort liegt ein Köter faul in der Sonne. Ja, auch du führst ein Hundeleben!

Blau (2)

Manchmal schreibt er für den “Bodrum Observer”. Den Artikel über das Blau muss er noch fertigmachen. Da! Ein neu gebautes weisses Haus mit blauen Streifen!

“Blau-weiss

Blau weiss sind die Farben des Meeres und der Schönwetterwolken. Rund um unser Meer sind Hȁuser, Bahnhöfe, Kirchen und Palȁste blau-weiss. (in Schweden freilich rot – aber das ist ja fern…Aber spannend: rot: Trockenheit, blau – grün: Feuchte. Hier ist das Land meist braunrot, nur wenige Wochen im Jahr lockt der Regen das Grün hervor. Aber: die Feuchte beschwören!. Die portugiesischen Kolonialherren haben diesen Hȁuserstil bis weit ins Innere Brasiliens gebracht, Seefahrer die sie sind und bleiben.
Niemand würde sich über einen weiss uniformierten Seemann mit blauen Litzen wundern – ebensowenig ja über einen khakifarbenen Fremdenlegionȁr in Afrikas Wüsten. Blau zieht in die Ferne, besonders das Himmelblau, die Farbe auch des Himmelsherolds und des Natternkopfes. Blau ist – und mit ein wenig Mühe werden wir auch die Farbenlehren Goethes und Darwins zusammenbringen – Trübe vor Dunkelheit. Das gelblich rote Spektrum entsteht bei Trübe vor Licht, die Raucher werden das wissen.
Wir sehnen uns nach der blauen Blume der Romantik, der Blume, die Tag und Nacht singt, der Blume, die Eisen bricht. Werden wir sie finden? ‘Heute blau, und morgen blau, und übermorgen wieder!’. Oder vielleicht, wenn wir blaumachen. Na, habt ihr den Blues?
Hierzulande wie auch anderswo am Mittelmeer, von Delos bis Sidi bou Said und der Costa del Sol, sind die Fenster der weissgestrichenen Hȁuser gern blau. Das hat eine funktionelle Erklȁrung: Insekten bleiben draussen. Aber ist es nicht auch die Unendlichkeit des Aussenraums gegen die Endlichkeit des Innern? Und die Antwort der menschlichen Bauten auf Meer und Himmel?”

blueeye

Sepia – Ahtapod

Nagehan will uns Ahtapod-Risotto kochen, dazu brauchen wir nicht nur einen besonderen Reis, sondern auch Sepia, die kleineren Tintenfische; in Octopussy’s garden, nein, bei Gel ve Ye in der Seitenstrasse der schönen Fischhȁndler bekommen wir sie. Es dauert eine Zeit, bis Nagehan dort dem Verkȁufer auseinandergesetzt hat, dass er auch die Tintenbeutel extra beiseitelegen und uns verkaufen soll. Mit der Tinte wird der Reis schwarz gefȁrbt, die kleinen Sepiateile werden würzig angebraten – Knoblauch nicht vergessen! – und dann dem Risotto beigemischt. Schon wieder was gelernt!

Grippe (Saisonfinale)

Der fast schöne Mustafa holte sich den Grippevirus. Bald steckte er alle an. Es begann mit leichten, dann mittleren, dann schweren Schmerzen an der rechten Mandel. Es folgten Kopfschmerzen, Ohrenschmerzen, Schwindelgefühle, allgemeine Mattigkeit und Fieber. Mehr und mehr Leute steckten sich, vom Überkonsum an Antibiotika geschwȁcht, an, erkrankten, leisteten Widerstand, ermatteten, legten sich hin. Die ersten Opfer waren zu beklagen. Die Sterbenden auf den Bildern von Munch, Hodler, Schiele oder Delacroix sehen ja noch appetitlich aus. Vor allem aber riechen sie nicht. Die Leute in unserer Strasse jedoch lagen in ihrem eigenen Kot. Nur wenigen gelang die rechtzeitige Flucht nach Kos, Lesbos oder anderen griechischen Inseln (Auf Kreta weist die Namensendung “-opoulos” auf unsere Strasse hin, in ihrer Zeit hier trugen sie die Namen Çılgınoğlu, Helvacıoğlu oder Dağoğlu). Sie stöhnten und lagen in der eigenen Pisse. Schliesslich ging es allen Daheimgebliebenen so. Die Sonnenbrillen fielen zur Erde, die Harley-Davidsons verrosteten. Im Lokal erkaltete die Linsensuppe, der Fernseher aber plȁrrte weiter. Abu Nasr war eh schon weggezogen, Ahmet hatte tatsȁchlich einen Job als technischer Zeichner in Pirȁus gefunden. Vom Gemüsemann keine Spur, verschlossenen Gitter zeugten noch von seinem Platz. Figen ist eh in Ankara, auch ihr blinder Freund lebt noch, da er sie eben vor Ausbruch der Epidemie besucht hatte. Emek leistete am lȁngsten Widerstand, erreichte sogar fast noch seinen schwarzen Porsche. Da lag er nun in der ehemaligen Einfahrt. Die Ameisen verarbeiteten auch ihn, sie mögen guten, satten Kompost und ruhten nicht eher, bis alles dahin verwandelt war, auch die Vögel, die vom Himmel gefallen waren, die Geckos, Skorpione und Hirschkȁfer, die organischen Teile der Hȁuser wie Hȁngematten, Strohstühle, Rafiatische… Aus dem Asphalt wuchsen Grashalme und Löwenzahn, die Zȁune überwucherten sich mit wildem Wein und blauen Winden, die Terrassen, Pergolas und Hȁuser wuchsen zu mit Grün, unterm Pflaster lag der Strand. Bald sah es aus wie in Detroit oder in “Apokalypse Now” oder in einer Folge der Serie “Revolution”.

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Unbenutzt lagen die Smartphones auf Tischen, in Betten und am Erdboden, fallengelassen ohne noch einmal ein Ding photographiert zu haben (es gibt ja eine bestimmte grosse Menge Dinge auf der Welt, aber es gibt bestimmt eine grössere Anzahl von Bildern dieser Dinge!) – und wer würde in Zukunft alle die Selfies machen?

abandoned house overgrown with greenery

Turgutreis existierte nach der Grippewelle weiter, wo aber die Strasse der schönen Leute gewesen war, lag nun eine Brache von Disteln, Brennesseln, wilden Palmschösslingen, Melde und Brombeerranken. Entweder würde da einmal ein Brand ausbrechen oder aber es würde eine Mall gebaut werden. Wahrscheinlich beides.

Die Strasse der schönen Leute (Abspann)

Die Cloud

In der fernen Zukunft wird Claire ein Dokument in irgendeiner Cloud finden. Ohne einen Augenblick zu zögern, wird sie beginnen, es zu übersetzen. Sie wird nur Namen und Redensarten in der Originalsprache belassen. Der Titel wird bald gefunden sein: “Die Strasse der schönen Leute”. Was wohl “schönen” heisst? Aber zum Glück wird ihr A-40 das Dokument noch darstellen können. Inzwischen krabbelt eine Ameise an ihrem Bein hoch…

 

 

 

Ingeborg Bachmann – Paul Celan

Die Bedeutung der Paulownie für die Dichtung

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Über Ingeborg Bachmann und Paul Celan.

Wer, außer einigen notorischen Musikkennern wie etwa Ulf Kurbanke weiß schon, daß Ricky Lee Jones und Tom Waits lange befreundet waren? Nun aber, dieses wissend, könnte man ein Zwiegespräch zwischen ihnen in ihren jeweiligen Songs entdecken, und das Phantastische daran ist, daß dieses intime Zwiegespräch öffentlich, jedem (einigermaßen neugierig forschenden) Zeitgenossen zugänglich ist.

Viele solcher Liebesgeschichten warten noch ihrer Entdeckung, zumal die Liebe im 20.Jahrhundert ihre Zuflucht ebenso in der Verborgenheit der Publizität wie in der Sicherheit tausendkilometriger Distanzen zu finden pflegt.

Publius Ovidius Naso, verehrter Odendichter, wußtest du das schon, als du vor zwei Jahrtausenden von der Flucht und Verwandlung Daphnes vor dem Liebenden schriebst? Gotthold Ephraim Lessing, auch du bist Prophet! (Doch davon gleich).

Ingeborg Bachmann und Paul Celan trafen sich für ein gutes halbes Jahr 1947/48 in Wien und danach in einem verzweifelten Versuch der äußeren Annäherung für eine kurze Zeit 1950 in Paris. Die Entwicklungslinien der beiden verlaufen in ganz dynamisch verschiedenen Richtungen. Celan als odysseeischer Emigrant auf seinem Lebensweg von Südost nach Nordwest eben in der Mitte angekommen, als jüdischer Verfolgter der Nazis schon zu sehr verwundet, um jemals wieder Ruhe zu finden, läßt uns ein hyperempfindsames Wortwerk, dessen Klang uns zittern macht, dessen Tragweite noch lange nicht ausgeschöpft ist. Er stürzt sich 1970 vom Pont Mirabeau in die Seine und ertrinkt.

Ingeborg Bachmann, Kärntner Urseele, vom Geliebten zum Geschichtsbewußtsein begabt, bringt ein Innenleben von unauslotbarerTiefe in ihre „Lyrik nach Auschwitz“ ein. Zum Covergirl der Gruppe 47 geworden verzichtet sie bald ganz auf lyrische Veröffentlichung. Doch ihre wenigen Poeme werden noch lange anrühren. Sie findet 1973 den nie ganz geklärten Feuertod in Rom.

Doch das Reich der Dichtung hat sich dem Äußeren nicht zu beugen:

„Ihr mußtet über den Euphrat, Tigris, Jordan; über – wer weiß für Wasser all? – Wie oft hab ich um Euch gezittert, eh das Feuer mir so nahe kam! Denn seit das Feuer mir so nahe kam: dünkt mich im Wasser sterben Erquickung, Labsal, Rettung.- Doch ihr seid ja nicht ertrunken: ich, ich bin ja nicht verbrannt!“ (Lessing, Nathan)

Der Briefwechsel zwischen den beiden ruht katalogisiert im Schiller-Archiv in Marbach bei Stuttgart) . Hans Kramer hat uns dankenswerterweise von weiteren Briefen berichtet.

Aus ihren Werken aber ist ein Gespräch zu hören:

 

„Das Erreichbare, fern genug, das zu Erreichende hieß Wien.“

P.C. aus: Bremer Büchnerpreisrede)

„Als der Krieg zu Ende war, ging ich fort und kam voll Ungeduld und Erwartung nach Wien, das unerreichbar in meiner Vorstellung gewesen war.“

(I.B.)

„Über Krakau

bist du gekommen,

am Anhalter Bahnhof

Floß deinen Blicken ein Rauch zu,

der war schon von morgen

… Unter Paulownien

Sahst du die Messer stehn, wieder,

scharf von Entfernung.

(P.C. aus: La Contrescarpe)

„Nur ich habe immer noch Todesangst, weil es wieder anfängt, weil ich wahnsinnig werde, er sagt: ‚Sei ganz ruhig, denk an den Stadtpark, denk an das Blatt, denk an den Garten in Wien, an unseren Baum, die Paulownia blüht…’ Sofort bin ich ruhig, denn uns beiden ist es gleich ergangen, ich sehe, wie er auf seinen Kopf deutet, ich weiß, was sie mit seinem Kopf gemacht haben.”

(I.B., aus:Malina)

„Im Quell deiner Augen

leben die Garne der Fischer der Irrsee.

Im Quell deiner Augen

hält das Meer sein Versprechen.

Hier werf ich, ein Herz,

das geweilt unter Menschen,

die Kleider von mir und den Glanz eines Schwures:

Schwärzer im Schwarz, bin ich nackter.

Abtrünnig erst bin ich treu.

Ich bin du, wenn ich ich bin…“

(P.C. aus: Lob der Ferne)

„In den vielen Baracken, im hintersten Zimmer finde ich ihn, er wartet dort müde auf mich, in seinem schwärzer als schwarzen siderischen Mantel, in dem ich ihn vor einigen tausend Jahren gesehen habe.“

(I.B. aus:Malina)

„Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt:

wir sind Freunde.

Wir schälen die Zeit aus den Nüssen

und lehren sie gehn:

die Zeit kehrt zurück in die Schale.

Im Spiegel ist Sonntag,

im Traum wird geschlafen,

der Mund redet wahr.

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:

wir sehen uns an,

wir sagen uns Dunkles,

wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,

wir schlafen wie Wein in den Muscheln,

wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.

Wir stehen umschlungen im Fenster,

sie sehen uns zu von der Straße:

es ist Zeit, daß man weiß!

Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt, daß der Unrast ein Herz schlägt. Es ist Zeit, das es Zeit wird.

Es ist Zeit.“

(P.C.,  Corona)

„Es kommen härtere Tage.

Die auf Widerruf gestundete Zeit

Wird sichtbar am Horizont.

Bald mußt du den Schuh schnüren

und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.

Denn die Eingeweide der Fische

sind kalt geworden im Wind.

Ärmlich brennt das Licht der Lupinen.

Dein Blick spurt im Nebel:

die auf Widerruf gestundete Zeit

Wird sichtbar am Horizont.

Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,

er steigt um ihr wehendes Haar,

er fällt ihr ins Wort,

er befielt ihr zu schweigen,

er findet sie sterblich

und willig dem Abschied

nach jeder Umarmung.

Sieh dich nicht um.

Schnür deinen Schuh.

Jag die Hunde zurück.

Wirf die Fische ins Meer.

Lösch die Lupinen!

Es kommen härtere Tage.“

(I.B. Die gestundete Zeit)

„Die Dichtung: diese Unendlichsprechung von lauter Sterblichkeit und Umsonst!“

(P.C. aus: Bremer Büchnerpreisrede)

„Die ersten Tage, in denen sie ihn suchte und floh und er sie suchte und floh, waren das Ende ihrer Mädchenzeit, der Anfang ihrer großen Liebe, und wenn sie später auch, wie sie es aus dem jeweiligen Blickwinkel eben sah, meinte, eine andere große Liebe sei ihre große Liebe gewesen, dann war doch …(er), nach mehr als zwei Jahrzehnten….noch einmal die große Liebe, die unfaßlichste, schwierigste zugleich, von Mißverständnissen, Streiten, Aneinandervorbeisprechen, Mißtrauen belastet, aber zumindest hatte er sie gezeichnet, nicht in dem üblichen Sinn, nicht weil er sie zur Frau gemacht hatte….sondern weil er sie zum Bewußtsein vieler Dinge brachte, seiner Herkunft wegen, und er, ein wirklich Exilierter und Verlorener, sie, eine Abenteuerin, die sich weiß Gott was für ihr Leben von der Welt erhoffte, in eine Exilierte verwandelte, weil er sie, erst nach seinem Tod, langsam mit sich zog in den Untergang, sie den Wundern entfremdete und ihr die Fremde als Bestimmung erkennen ließ.“

(I.B., aus: Drei Wege zum See)

„Der Fremde legte ihr die Blume wie einer Toten auf die Brust….“

(I.B., aus:Malina)

„Geister der Ebene, Geister des wachsenden Stroms,

zu unserem Ende gerufen, haltet nicht vor der Stadt!

Nehmt auch mit Euch, was vom Wein überhing

auf brüchigen Rändern, und führt an ein Rinnsal,

wen nach Ausweg verlangt, und öffnet die Steppen!

Drüben verkümmert das nackte Gelenk eines Baums,

ein Schwungrad springt ein, aus dem Feld schlagen

die Bohrtürme den Frühling, Statuenwäldern weicht

der verworfene Torso des Grüns, und es wacht

die Iris des Öls über den Brunnen im Land.

Was liegt daran? Wir spielen die Tänze nicht mehr.

Nach langer Pause: Dissonanzen gelichtet, wenig cantabile.

(Und ihren Atem spür ich nicht mehr auf den Wangen!)

Still stehn die Räder. Durch Staub und Wolkenspreu

schleift den Mantel, der unsere Liebe deckte, das Riesenrad.

Nirgends gewährt man, wie hier, vor den ersten Küssen

die letzten. Es gilt, mit dem Nachklang im Mund

weiterzugehn und zu schweigen. Wo der Kranich

im Schilf der flachen Gewässer seinen Bogen vollendet,

tönender als die Welle, schlägt ihm die Stunde im Rohr.

Asiens Atem ist jenseits.

Rhythmischer Aufgang von Saaten, reifer Kulturen

Ernten vorm Untergang, sind sie verbrieft, so weiß ich’s

dem Wind noch zu sagen. Hinter der Böschung

trübt weicheres Wasser das Aug, und es will

mich noch anfallen trunkenes Limesgefühl;

unter den Pappeln am Römerstein grab ich

nach dem Schauplatz vielvölkriger Trauer,

nach dem Lächeln Ja und dem Lächeln Nein.

Alles Leben ist abgewandert in Baukästen,

neue Not mildert man sanitär, in den Alleen

blüht die Kastanie duftlos, Kerzenrauch

kostet die Luft nicht wieder, über der Brüstung

im Park weht so einsam das Haar, im Wasser

sinken die Bälle, vorbei an der Kinderhand

bis auf den Grund, und es begegnet

das tote Auge dem blauen, das es einst war.

Wunder des Unglaubens sind ohne Zahl.

Besteht ein Herz darauf, ein Herz zu sein?

Träum, daß du rein bist, hebe die Hand zum Schwur,

träum dein Geschlecht, das dich besiegt, träum

und wehr dennoch mystischer Abkehr im Protest.

Mit einer anderen Hand gelingen Zahlen

und Analysen, die dich entzaubern.

Was dich trennt, bist du. Verström,

komm wissend wieder, in neuer Abschiedsgestalt.

Dem Orkan voraus fliegt die Sonne nach Westen,

zweitausend Jahre sind um, und uns wird nichts bleiben.

Es hebt der Wind Barockgirlanden auf,

es fällt von den Stiegen das Puttengesicht,

es stürzen Basteien in dämmernde Höfe,

von den Kommoden die Masken und Kränze…

Nur auf dem Platz im Mittagslicht, mit der Kette

Am Säulenfuß und dem vergänglichsten Augenblick

geneigt und der Schönheit verfallen, sag ich mich los

Von der Zeit, ein Geist unter Geistern, die kommen.“

(I.B. , Große Landschaft bei Wien)

„(Die Augärten, damals, das

gelächelte Wort

vom Marchfeld, vom

Steppengras dort.

Das tote Ringelspiel, kling.

Wir

Drehten uns weiter.)“

(P.C. aus: Bahndämme, Wegränder,

Ödplätze, Schutt)

„Mein Leben ist zu Ende, denn er ist auf dem Transport im Fluß ertrunken, er war mein Leben. Ich habe ihn mehr geliebt als mein Leben.“

(I.B. aus:Malina)

„…Im Quell deiner Augen  treib ich und träume von Raub.

Ein Garn fing ein Garn ein: wir scheiden umschlungen.

Im Quell deiner Augen  erwürgt ein Gehenkter den Strang.“

(P.C. Lob der Ferne)

 

Was ist Liebe? Unmögliche Möglichkeit? Mögliche Unendlichkeit?

In der Nähe konnte sie nicht leben zwischen den beiden.

„Wie wir uns aus unbekannten, dämonischen Gründen uns gegenseitig die Luft wegnehmen.“ (I.B. in einem Brief an Hans Weigel).

 

Aber das Leben liebt das Paradoxe. Ferne kann Nähe sein. Und Liebe wächst mit der Zeit.

 

Was wir sangen

“…took a woman like you
to get through
to the man in me.”

“et le plus jeune a dans sa bouche une rose rie et ran ratataplan…”

“Quando si pianta la bella Polenta, la bella Polenta si pianta cosi (Handbewegung) Si pianta cosi, si drizza cosi, s’infiore cosi…..etc… si mangia cosi. Ah, ah, la bella polenta cosi!”

“Üsküdar’a gideriken/ aldı da bi yağmur…”

“Steht-im-Wald-ein-klei-ner-Wicht… WeitergehtdasLiedchennicht”

“Oh, oh, Antonio,
He’s gone away,
left me alonio, 
all on my ownio!

Oh, Oh, Antonio,
He’s gone away,
gone to America
on ‘Lusitania’!”

“Bruna, tu sei gentile, gentil tra le piu belle, belle come le stelle, belle come le stelle!”

“Chum, rüef de Brune, chum rüef de Gaele….”

“It’s a long way to Tipperary
It’s a long way to go
It’s a long long way to Tipperary
To the sweetest girl I know
Good bye Picadilly
Good bye Leicester Square
It’s a long long way to Tipperary
But my heart is right there”

“Lo sai che i papaveri son alti alti alti…”

“Blow, boys, blow/ to Californio!”

“om de giraf een klointje te geeven…”

“…seht euch mal die Wanz an/ wie die Wanz tanz kann!”

“Schöne Jerachina/ wollte Wasser holen…”

“Sooo reiten die Daamen, So rei-ten die Her-ren, soreitetderBauer”

 

 

Langston Hughes

Born 1th of February 1902 in Joplin, Missoury; Died 22th of Mai 1967 in New York

Just like Nella Larsen Hughes belongs to the group “Harlem Renaissance”, as well as Louis Armstrong, Duke Ellington, Bessie Smith, Josephine Baker and others. He lifelong wrote poems. In Ashgabat, the capital of Turkmenistan, he met Arthur Koestler and was deeply impressioned.

Here one of his poems:

The Negro Speaks of Rivers

I’ve known rivers:

I’ve known rivers ancient as the world

and older than the flow of human blood in human veins. My soul has grown deep like the rivers. I bathed in the Euphrates when dawns were young.I built my hut near the Congo and it lulled me to sleep.I looked upon the Nile and raised the pyramids above it.I heard the singing of the Mississippi when Abe Lincoln      went down to New Orleans, and I’ve seen its muddy      bosom turn all golden in the sunset. I’ve known rivers:Ancient, dusky rivers. My soul has grown deep like the rivers.