Hotel Naipaula

In Zimmer 13xx gibt Annie Proulx einmal im Jahr ihre Beschreibungsseminare., wenn sie für ihren Jahresurlaub aus dem Wilden Westen hierherkommt. Natürlich gehört der Beschreiber zu ihren treuesten Verehrern. Heute möchte er ne graue Landschaft farbig beschrieben haben. Annie legt los:

“Inzwischen hing über jedem schwarzen Gebäude eine rotumrandete Wolke, und von manchen Gebäuden stiegen Dämpfe von einer Farbe je nach Tageszeit auf. Der Dampf aus dem Kraftwerk dick und schön wie lila Wolken, die schillernden Abwassertümpel azur- und kobaltblau, magenta, der Aushub der Bulldozer in grossen, halbmondförmigen Erdhaufen, in denen die Jet-Passagiere, wenn sie durchs Bullauge blickten, sich überlappende Fruchtstücke auf einer topographischen Apfeltorte sehen könnten….”

Und wie würden sie den Norden beschreiben? fragte der Beschreiber angespannt.

“Am nächsten Tag kamen sie über den Fluss. Scheisstief, sagte er. Das schmierige, khakibrauen Wasser nagte sich eine Viertelmeile tief in den braunen Fels hinein, riss Hänge und Klippen herunter, spülte Höhlen aus, lange Horizonte von Kalkstein und Fossilienbetten…. Und die grosse, schwerfällige Brücke selbst, ein schnurgerader Streifen über ihren roten Bögen auf den Betonfüssen, das eintönige Geländer mehr Idee als Sicherung….”

Wo kommt denn da Norden vor? fragte der Beschreiber frech. Erinnert mich eher an Bob Dylan.

Moment, Moment, so Annie, bin ja auch noch net fertig. Ausserdem sang der doch aber “Girl from the North Country”?

“Dann war der Tag wieder um, an einem Rastplatz über einem schwefeligen Teich, einem schaumigen Oval mit Alkaliwasser zwischen Bierdosen, Babysitzen, wattiertem Plastik, Steinen. Ringsum Hügel, die siebenunddreissig Grad steilen Hänge marineblau gegen den fahlen Himmel, der Horizont eim wenig aus der Ruhe gebracht….”

Wieso siebenunddreissig Grad? Naja, um den Horizont au s der Ruhe zu bringen?

“…Die Scheinwerfer waren an, alle Türen offen, das Radio röhrte laut, sie stieg aus, hockte sich auf den Boden, die Füsse auseinander, und blickte auf die weissen Kotflügel des Wagens. In der heraufziehenden Dunkelheit war der Wagen heimelig wie der Lichtschein aus einem Fenster in einem Dorf im hohen Norden…”

Meisterlich, dachte der Beschreiber. Und auf den Punkt gebracht.

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hibouh

read me! Und weiterhin.... Die Labyrinthe von Hibouh: Orte der Sehnsucht. Oasen für alle Umtriebigen und Nachtschönheiten. Inseln im opaken Licht der Phantasie unter einem fleischig dahinziehenden Mond. Leise Dämmerung auf den Höhen. Neugierig geworden? Wir bringen Sie hin, wo Erleben und Erkennen eins werden. Nur Mut - lüften Sie dieses Geheimnis!

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